Licht ins Dunkel der Geldwäsche

Die Vereinten Nationen haben eine brisante Studie über Geldwäsche vorgelegt.
Robert Lessmann besuchte den Autor.

Das Fußvolk der Drogendealer (wie hier in São Paolo, Brasilien) verdient meist weniger als den gesetzlichen Mindestlohn.

"Das Ausmaß der illegalen Wirtschaft ist enorm“, sagt Thomas Pietschmann. Der Mitarbeiter der Forschungsabteilung des UNODC, des Programms der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, ist Autor einer alarmierenden Studie über Geldwäsche. Sein Büro in der UNO-City über den Dächern Wiens quillt über vor Papieren. Auf 2,1 Billionen (also 2.100 Milliarden) US-Dollar schätzt der „Herr der Zahlen“ die jährlichen Gewinne des internationalen organisierten Verbrechens, wovon 320 Milliarden auf den Drogenhandel entfallen. Die globalwirtschaftlichen Kosten schätzt er doppelt so hoch. Pietschmann betont, dass es sich hier um Größenordnungen handelt, um Annäherungen an eine höchst komplexe und unübersichtliche Realität: „Illegale Unternehmen legen schließlich keine Bilanzen vor.“ Abzüglich Konsum und Reinvestitionen würden 1,6 Billionen Dollar jährlich im internationalen Finanzsystem „gewaschen“.

„Wir haben methodische Ansätze diskutiert, Literaturvergleiche angestellt, Hochrechnungen vorgenommen“, sagt Pietschmann: „Am Beispiel des Kokainhandels, über den wir relativ viel wissen, haben wir Geschäftspraktiken nachvollzogen.“ Von geschätzten Profiten in Höhe von 84 Milliarden Dollar (2009) entfällt auf die mehreren hunderttausend Kokabäuerinnen und -bauern in den Andenländern rund eine Milliarde. „Wir fragten uns: Was geschieht mit dem Rest? Wie viele Drogenhändler gibt es eigentlich? Wie groß ist der Kuchen und wie wird er verteilt?“ Hier Erkenntnisse zu gewinnen, sei besonders schwierig.

Das Studium von Fahndungsergebnissen und Gerichtsprotokollen war aufschlussreich, manchmal frappierend: „Wieso wohnen so viele Drogendealer bei Mama?“ Als Glücksfall entpuppte sich die Feldforschung eines jungen US-Soziologen namens Sundhir Venkatesh, dem es in den Jahren 1989/90 gelungen war, Einblick in die Geschäftsbücher einer Chicagoer Crack-Kokain-Gang zu bekommen. Von 5.420 Gang-Mitgliedern hatten nur 120 Einkommen in einer Größenordnung, bei der Geldwäsche theoretisch in Frage kommt. Das „Fußvolk“ verdiente weniger als den gesetzlichen Mindestlohn.

Die großen Drogenorganisationen arbeiten international und multisektorial wie ein Konzern, weiß man im UNODC. Kann man die Struktur des US-Kokainhandels auf Europa übertragen, auf den Handel mit anderen Substanzen, auf Waffenhandel, Menschenhandel, Organhandel, Produktfälschungen? „Hier bleiben nach wie vor riesige weiße Flecken zu erforschen“, weiß Pietschmann.

Das meiste Geld im Kokainhandel werde dort gewaschen, wo auch die größten Profite gemacht werden, in Nordamerika und Europa sowie von den Drogenkartellen in Mexiko und Kolumbien; von „Abflüssen“ profitierten vor allem die Finanzparadiese der Karibik. Auf der globalen Ebene deute vieles darauf hin, dass das Gewicht illegaler Profite in den Volkswirtschaften der Entwicklungsländer größer ist als in Industrieländern. Entscheidend sei im Bereich Drogen die Großhandelsebene, so die UN-Studie. „Dort werden mehr als 90 Prozent der Gewinne gewaschen, beim Straßenhandel weniger als 50 Prozent“, sagt Pietschmann. Der Großhandelspreis für eine Tonne Kokain in Europa übersteige das gesamte Sicherheitsbudget der meisten westafrikanischen Staaten, die im vergangenen Jahrzehnt zu wichtigen Transitländern für Kokain auf dem Weg dorthin geworden sind.

An den Schaltzentralen ist die organisierte Kriminalität am wirksamsten zu treffen. Sicher ist: Allein die Dimension der Geldwäsche erfordert Handeln. Die Schätzungen der UN belaufen sich auf jährlich rund 1,6 Billionen Dollar – wovon etwa 200 Milliarden Drogengelder sind. „Etwa 60 Prozent der 320 Milliarden Drogengewinne werden gewaschen“, meint Pietschmann und vermutet weiter, dass von den 1,6 Billionen weniger als 1% entdeckt und beschlagnahmt würden: „Vielleicht eher 0,2%.“ Zahlen, die sowohl die Dimension als auch die Vernachlässigung dieses Feldes deutlich machen. Im Gegensatz dazu schätzt man, dass mehr als 20% der illegalen Opiate und mehr als 40% des Kokains entdeckt und beschlagnahmt werden. Sind also Geldwäscher so viel schlauer als Drogenschmuggler? „Das Problem scheint nicht im Fehlen legaler Instrumente zur Bekämpfung der Geldwäsche zu liegen“, sagt Pietschmann, „es mangelt an ihrer konsequenten Anwendung.“

*) UNODC – United Nations Office on Drugs and Crime: „Estimating illicit financial flows resulting from drug trafficking and other transnational organized crimes“, Vienna, November 2011.

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