Liebe aus Indien

Von Brigitte Voykowitsch
Moderne Erzählungen gesammelt von 278 Seiten. C.H.Beck, München 2006, € 17,90

„Schüchternheit kannte Lajo nicht. [...] War das Geschäft nicht bar auf die Hand, dann war es Sex auf Kredit. Hatte der Freier kein Geld, so verschenkte sie sich gar.“ Erwiderte der Partner ihre Gefühle, dann wollte sie für immer sein bleiben – ohne Heirat, denn deren „Notwendigkeit [...] entging ihr vollkommen.“ Lajo, die Protagonistin der Erzählung „Haus-Frau“, ist eine typische Gestalt aus Ismat Chugtais literarischem Oeuvre, das sich nie in gesellschaftliche Konventionen zwängen und von Tabus erdrücken ließ. Liebe will sich frei entfalten und ohne äußere wie innere Zwänge gelebt werden. Dass sie es im realen Leben so oft nicht kann, steht auf einem anderen Blatt. Die Sehnsucht danach, offizielle moralische und soziale Schranken zu überwinden, aber liegt Liebesgeschichten weltweit zugrunde. Sie prägt auch die Erzählungen, die der renommierte indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar mit Hilfe von LiteraturexpertInnen aus 13 indischen Sprachen ausgewählt und im vorliegenden Buch zusammengestellt hat. Diese Geschichten sind indisch, weil sie in der Realität der indischen Gesellschaft verankert sind. Sie sind universell, weil sie kulturunabhängige Wünsche von Menschen widerspiegeln. Sie sind (post)modern, weil sie existenzielle Zweifel und Skepsis zum Ausdruck bringen, die die zeitgenössische Befindlichkeit reflektieren und in dieser Form in der klassischen indischen literarischen Tradition keinen Platz hatten. „Repräsentativ“ können und wollen sie gar nicht sein, denn wie könnten einige wenige Texte den Subkontinent repräsentieren? Aber sie erfüllen ohne Einschränkung das, was Sudhir Kakar in seinem Vorwort in Aussicht stellt – eine genussvolle, mitreißende und berührende Lektüre.

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