Lieber Wasser als Gold

Das Bergbauunternehmen Barrick Gold ist der größte Goldförderer der Welt und an Widerstand gewöhnt. Sein Mega-Projekt an der chilenisch-argentinischen Grenze, die Mine Pascua Lama, könnte aber daran scheitern.

Von Antje Krüger
„Wirst du das zulassen?“ heißt es auf einem Grafitti. Immer mehr Menschen wehren sich gegen die Mine Pascua Lama.

Der Spruch „Wasser ist mehr wert als Gold“ ziert Häuserwände, Autoscheiben und Protestplakate im Huasco-Tal in Nordchile. Nun scheint er Realität geworden zu sein: Auf chilenischer Seite wurden sämtliche Arbeiten in der Goldmine Pascua Lama gestoppt. Indigene AnwohnerInnen vom Volk der Diaguita waren vor Gericht gegangen, weil die Errichtung der Mine zu hohen Anteilen von Arsen, Aluminium, Kupfer und Sulfaten im Fluss Estrecho geführt haben soll. Inmitten der Atacamawüste spendet dieser Fluss Wasser für die Oase des Huasco-Tals – und an seiner Quelle liegt die Mine Pascua Lama. Das Berufungsgericht der chilenischen Stadt Copiapó gab den KlägerInnen im April Recht.

Seit die kanadische Barrick Gold Corporation vor vier Jahren mit den Arbeiten am weltweit ersten binationalen Tagbau-Projekt an der Grenze von Chile und Argentinien begonnen hat, sieht sie sich auf beiden Seiten der Anden Protesten und einer Flut von Klagen gegenüber. Jetzt führt eine solche möglicherweise zum kompletten Aus für das Vorhaben.

Für die Errichtung der Mine auf über 4.500 Metern Höhe sollten ursprünglich sogar Gletscher versetzt werden. Das Gold würde – in einem Erdbebengebiet – mit hochgiftiger Blausäure in einem stauseegroßen Becken gewaschen, kritisieren GegnerInnen des Projekts. Die Sprengungen von über 1.000 Höhenmetern Berg würden Arsen und Feinstaub freisetzen, der sich wiederum auf Gletscher lege, die dadurch schneller schmelzen. „Die Folgen für die Umwelt sind überhaupt nicht absehbar. Wenn ganze Berge fehlen, ändert sich sogar die Windrichtung“, sagt Ricardo Vargas vom argentinischen Umweltbüro San Guillermo.

Die Errichtung der Mine kam für die AnwohnerInnen beiderseits der Grenze überraschend. Es gehört zur weltweiten Strategie der Goldförderer, sich abgelegene, häufig indigen besiedelte Landstriche zu suchen, in denen mit ernsthafter Gegenwehr schon aufgrund geringer Bildungs- und Infrastruktur kaum zu rechnen ist. Im Fall von Pascua Lama ist die Rechnung aber nicht aufgegangen. „Was wir hier machen, erinnert an David und Goliath. Keiner von uns hatte vorher Ahnung vom Goldbergbau. Mittlerweile sind wir Experten geworden“, sagt Luis Faura, Gemeinderatsmitglied im Huasco-Tal und einer der ersten, die Protest organisierten. Mittlerweile protestieren Bäuerinnen und Bauern gegen ungerechte Wasserverteilung zwischen ihnen und der Barrick Gold. Privatpersonen in San Juan auf argentinischer Seite klagen vor dem Obersten Gerichtshof Argentiniens fehlende Umweltschutzversicherungen ein. Minenarbeiter veröffentlichen ano­nym Fotos von der Zerstörung von Gletschern. Erst kürzlich wurde so die Barrick Gold von der chilenischen Umweltbehörde Comisión de Evaluación Ambiental mit einer Strafe von fast 200.000 Euro aufgrund fehlender Aufsicht im Wasser- und Gletscherschutz belegt.

Bislang wirkten diese Bemühungen gegen das Pilotprojekt jedoch nur wie Nadelstiche – lästig zwar, aber im Gefüge von Geld, Macht und Lobbyarbeit unwirksam. Weder die Barrick Gold noch ihre GegnerInnen hatten ernsthaft damit gerechnet, dass die Arbeiten an der Mine gestoppt werden könnten. „Die chilenischen Gerichte machen uns jetzt Hoffnung. Es gibt also Wege, sogar für diejenigen, die sonst keine Stimme haben“, sagt Ricardo Vargas. Gemeinsam mit anderen hat der Umweltschützer eine Klage vor dem Obersten Gerichtshof in Argentinien eingebracht.

Die Diaguita selbst hätten nie gedacht, so weit zu kommen. Vor sechs Jahren zögerten sie noch, als ihnen von Seiten verschiedener NGOs rechtliche Unterstützung angeboten wurde, die sie sich selbst nie hätten leisten können. Nun hat ihr Anwalt, Lorenzo Soto, den Sieg davon getragen. In einer anschließenden Erklärung distanzierten sich sowohl die 500 Klagenden der Diaguita als auch elf weitere Gemeinden im Huasco-Tal von möglichen Verhandlungen hinsichtlich finanzieller Kompensation. „Wir erklären, dass für uns Wasser mehr wert ist als Gold und wir die Auswirkungen des Bergbaus auf unsere Wasserreserven nicht verhandeln“, heißt es in der Erklärung. Denn trotz aller Freude über den Sieg offenbart dieses Urteil auch die fehlende Rigorosität chilenischer wie argentinischer Umweltgerichte, denen bereits seit Jahren jene Fakten vorliegen, die nun zu dem Urteil führten. Die GegnerInnen auf argentinischer Seite fordern ihrerseits mit einem Wortspiel die argentinische Justiz endlich zum Handeln auf: „Copia-pó!“ – „Kopiert es endlich!“ – heißt es da mit Hinweis auf die Stadt, in der das chilenische Urteil gesprochen wurde. Nach „Wasser ist mehr wert als Gold“ könnte dies nun der nächste Leitspruch für den Widerstand gegen Pascua Lama sein.

Antje Krüger studierte Politikwissenschaft in Berlin. Sie arbeitet als freie Journalistin, insbesondere über Argentinien und Chile. Seit sechs Jahren verfolgt sie das Geschehen rund um Pascua Lama.

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