Macht und Pracht

Keinem Teil des Körpers können wohl so viele Funktionen zugeschrieben werden wie dem Kopfhaar. Wie Haar weiterwirkt, nicht zuletzt kulturgeschichtlich.

Von Christina Schröder

© Niklas Hamann / Unsplash

Lang, kurz, schwarz, blond, dünn, dick, geflochten, glatt, gewellt, rot, geglättet, getönt, gekraust, frisiert, zerzaust, braun, gefärbt, gelegt, weiß, verfilzt, ausgegangen, rasiert, oder ergraut: Haare gibt es in den verschiedensten Formen, Farben und Frisuren – auf jeden Fall prägen sie das Aussehen der Trägerin oder des Trägers. Die gesamte Bandbreite dessen, was Haare bewirken und wie sie wirken, reicht aber noch viel weiter.

Abgesehen von den biologischen Funktionen, z.B. Schutz vor Kälte oder UV-Strahlung, haben vor allem die Kopfhaare aufgrund ihrer Sichtbarkeit große Bedeutung, was unsere Körpersprache und Identität betrifft. Sie geben Auskunft darüber, welchen kulturellen, geschlechtlichen, sozialen, ideologischen oder religiösen Gruppen wir angehören (oder nicht) und welchen Status wir dort einnehmen. Der Umgang mit Haaren ist dabei eng verknüpft mit Macht, weil Haare und Identität eng verflochten sind.

Göttliche Pracht. Lange versus kurze Haare bei Frauen oder Männern, Individuen wie Gruppen ist wohl die wichtigste Unterscheidung, die global und in allen Zeiten eine große Rolle spielte und bis heute spielt.

Weit verbreitet in der Kulturgeschichte ist das Symbol der langen Haare bei Männern, die den Göttern nahe stehen sollten. So war das Wachsenlassen der Haare im antiken Judentum Bestandteil des asketischen Eides der sogenannten Nasiräer als Zeichen ihrer Nähe zu Gott.

Diesen alten Eid haben auch manche Rastafaris übernommen, die ihre Haare in Dreadlocks tragen. Ihre im Jamaica der 1930er Jahren entstandene Glaubensrichtung lehrt u.a. die Göttlichkeit des äthiopischen Kaisers Haile Selassie (1892-1975).

Die hinduistischen Asketen, die Sannyasins, sehen bis heute in den ungeschnittenen Haaren die spirituelle Essenz ihrer Lebenskraft und eine Quelle göttlicher Unterstützung.

Die im Vergleich jüngeren Weltreligionen Christentum, orthodoxes Judentum, Islam und Buddhismus plädier(t)en für kurze Haare bei Männern und für verdecktes Kopfhaar bei Frauen ab dem Eintritt in den Ehestand.

Verpflichtend waren bzw. sind kurze Haare oder Tonsuren – das Schneiden der Haare oder einzelner Partien aus religiösen Gründen – auch für buddhistische Mönchen und Nonnen, sowie Kopfbedeckungen auch und u.a. für die Angehörigen christlicher Klöster.

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Rebellion & Unterwerfung. Lange Haare wurden seit jeher auch von denen getragen, die sich religiösen oder gesellschaftlichen Konventionen widersetzen konnten oder wollten, so wie die wohlhabenden Adeligen mit ihren Langhaarperücken im 18. und 19. Jh. – sehr zum Missfallen der katholischen Kirche.

Ab den 1920ern Jahren setzten Frauen in Europa und den USA ein symbolisches Zeichen für die Gleichberechtigung der Geschlechter, indem sie sich die Haare kurz abschnitten. Viele Männer in den 1960er Jahren, unter ihnen Afroamerikaner, Hippies oder auch die Bandmitglieder der „Beatles“ und ihre Anhängerschaft ließen sich die Haare wachsen, als Zeichen gegen das konservative Establishment und dessen Werte.

Das Aufdrängen bestimmter Frisuren galt und gilt wegen seiner starken identitätsbildenden Funktion stets auch als sichtbares Mittel der Unterwerfung bzw. Strafe. So wurde der von den Römern unterworfene Teil Galliens names Gallia Comata nach ihren BewohnerInnen benannt – die zuvor langhaarig waren, auf Latein „comatus“. Als sie von Gaius Julius Cäsar besiegt wurden, mussten sie sich als Zeichen der Unterwerfung die Haare schneiden.

In China trugen die Menschen den Lehren des Konfuzius aus dem 5. Jh. v. Chr. folgend die Haare ungeschnitten, um das von den Eltern geerbte Gut nicht zu beschädigen. 1644 wurde die Ming-Dynastie von der mandschurischen Qing-Dynastie abgelöst. Dem Gesetz nach und unter Androhung der Todesstrafe mussten die Männer bis zum Ende der Kaiserzeit anfangs des 20. Jh. eine Frisur mit ausrasierter Stirnpartie und einem geflochtenen Zopf am Hinterkopf tragen.

Die Schur als Strafe. Auch Frauen wurden im Laufe der Geschichte mit Schur bestraft: Bei den Germanen wurden sie bei angeblichem Ehebruch ausgepeitscht und geschoren, im Mittelalter mussten langhaarige Frauen, die der Hexerei beschuldigt wurden, oft die Haare lassen, mitunter sogar das Leben.

Schätzungsweise 20.000 Frauen wurden in Frankreich nach der Befreiung von Nazideutschland nach dem Zweiten Weltkrieg für ihre vorigen privaten oder beruflichen Beziehungen bzw. Kontakte mit deutschen Wehrmachtssoldaten bestraft, indem sie öffentlich geschoren und dann durch die Straßen getrieben wurden.

Der Psychoanalytiker Charles Berg schrieb in seinem Buch „The Unconscious Significance of Hair“ (1951): „Das Haar kurz geschoren zu bekommen ist im Grunde genommen ein Symbol für Kastration. Es ist Teil der Disziplin. Beim Militär wird das Haar kurz geschoren.“ Das trifft so auch auf die allermeisten Armeen heutzutage zu. In Österreich, wie auch in Deutschland, Großbritannien oder den USA, ist dies gesetzlich so vorgeschrieben.

Auch das entwürdigende Haarescheren von Gefangenen, wie in der NS-Zeit in Konzentrationslagern, fällt in diese Kategorie und wird weltweit praktiziert.

Identitätsmerkmal. Unter afrikanischen Ethnien spielt die Haartracht traditionell eine besonders wichtige Rolle: weitgehend in Form von Flechtfrisuren, mitunter angereichert mit verschiedensten Arten von Haarschmuck.

Das Frisieren ist zeitaufwendig und wurde früher meist von Familienmitgliedern bzw. wird heute von Personen des Vertrauens, auch FriseurInnen übernommen. Die Haare standen und stehen – wie in anderen Teilen der Welt – für Fruchtbarkeit, galten aber auch als Medium für spirituelle Kräfte, weswegen sie mit Vor- und Umsicht behandelt werden sollten.

Teilweise ist bis heute das rituelle Haare-Schneiden zur Initiation für verschiedene Lebensabschnitte noch üblich. Wie man das Haar trägt, war bzw. ist ein von Weitem sichtbares Zeichen der Geschlechtsidentität, der ethnischen Zugehörigkeit, des gesellschaftlichen Status und abhängig vom Alter und der Tätigkeit einer Person.

Als die Sklaverei im 15. Jh. voll einsetzte und Menschen aus ganz Afrika, u.a. von den Ethnien der Wolof, Mende oder der Yoruba, nach Amerika verschleppt wurden, beraubte man sie der Freiheit – und der Haartracht, eines wichtigen Teils ihrer Identität.

Himba-Haartracht in Namibia, Tonsur eines russisch-orthodoxen Novizen und US-Bürgerrechtlerin Angela Davis mit Afro.© V.l.n.r.: Nico Tondini / robertharding / picturedesk.com, Trinity Lavra of St. Sergius / CC BY-NC-ND 2.0, Bernard Gotfryd / unseen histories / unsplash

Wachsendes Politikum. Auch nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei im 19. Jh.  blieben die AfroamerikanerInnen in Süd- und Nordamerika gefangen in diskriminierenden Gesellschaften.

Der Assimilationsdruck in puncto Haare war und ist bis heute groß. Selbst Michelle Obama, ehemalige First Lady der USA und einflussreiche öffentliche Person, trägt die Haare noch immer glatt, obwohl der Afro – eine Frisur mit natürlich gekrausten Locken – in den 1960er und 1970er Jahren für viele AfroamerikanerInnen zum Symbol für Gleichberechtigung und gegen Rassismus wurde.

In den vergangenen 20 Jahren ist in den USA schließlich eine Bewegung entstanden, die zu einem neuen afroamerikanischen Selbstbewusstsein auffordert, indem sie u.a. die Rückkehr zum natürlichen Afrohaar propagiert.

Auch dank sozialer Medien und Internetplattformen erreicht sie immer mehr Menschen, weit über die Grenzen der USA hinaus, die sich trauen, das Glätteisen wegzulegen und mit ihrem Naturhaar durchs Leben zu gehen (siehe auch Interview auf S. 34).

Erst 2019 wurde in den US-Bundesstaaten Kalifornien und New York die Diskriminierung aufgrund des Tragens von natürlichen Afrohaaren, Flechtfrisuren und Dreadlocks im beruflichen und schulischen Bereich verboten.

Macht und Haare: Die Freiheit jeder und jedes Einzelnen, die Frisur ihrer und seiner Wahl zu tragen, ist demnach durchaus als Gradmesser für die Offenheit, Unbefangenheit und Bereitschaft für Diversität von Gesellschaften zu verstehen. Dass hier und dort Stereotype aufgebrochen werden, ist begrüßenswert und legt auch frei, was in den Köpfen ist, nicht nur darauf.

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