Madame Cinéma

Immer wieder ziehen MenschenhändlerInnen durch die Dörfer Benins und kaufen armen Familien ihre Kinder ab. Mit Filmen versucht Martine de Souza, die Leute aufzuklären. Sie verarbeitet damit auch ihre eigene Familiengeschichte, denn einer ihrer Vorfahren gehörte zu den berüchtigtsten Sklavenhändlern von Westafrika.

Von Christian Selbherr
Filmabend im Dorf: Assiba wird an Menschenhändler verkauft.

Gerade einmal 10.000 westafrikanische Francs zahlt der elegant gekleidete Mann, als er mit Assibas Mutter ins Geschäft kommt. Umgerechnet 15 Euro dafür, dass er das etwa acht Jahre alte Mädchen Assiba mit in die ferne Hauptstadt Benins nehmen darf. Mit allen möglichen Versprechungen hat er die bitterarmen Eltern geködert. „Dort darfst du zur Schule gehen und etwas lernen“, verspricht Assibas Mutter dem Mädchen. „Und einen Fernseher gibt es dort auch.“

Aus den Träumen wird nichts. Assiba muss kochen, putzen, Geschirr spülen und auf dem Markt Obst und Gemüse verkaufen. Während das Mädchen schuftet, schaut der Mann, der sie ihren Eltern abgekauft hat, ab und zu im Heimatdorf vorbei. „Deiner Tochter geht es gut“, gaukelt er der Mutter vor, und steckt ihr einen Geldschein zu. Das geht so lange, bis es Assiba nicht mehr aushält und davonläuft.

Das Mädchen Assiba ist nur eine Filmfigur – doch ihre Geschichte kommt vielen Menschen hier in Benin nur allzu bekannt vor. Laut einer Studie der UNO werden in Benin jedes Jahr noch immer 40.000 Kinder verkauft und als billige Arbeitskräfte missbraucht – als Haushaltshilfen für reiche Familien und entfernte Verwandte, als StraßenhändlerInnen oder ErntehelferInnen. Andere werden über die Grenze nach Nigeria verschleppt.

Mucksmäuschenstill ist es jetzt auf dem Dorfplatz von Amolehoué, nahe der kleinen Stadt Ouidah. Kurz vorher sind hier noch Dutzende Kinder wild durcheinandergelaufen, rufend: „Sie kommen! Sie kommen!“ Jetzt sitzen sie auf der Erde, blicken hoch zur Leinwand und verfolgen das Schicksal von Assiba. Wie alle zwei Wochen ist heute das Kino-Team von „Ciné Village“ zu Gast. In ihrem Kleinbus haben sie DVD-Player, Projektor und Leinwand mitgebracht, und auch einen Generator. Elektrischen Strom gibt es hier nicht. Mitten auf dem sandigen Dorfplatz findet die Vorführung statt. Die Kinder sitzen auf der sandigen Erde, für die Älteren gibt es Plastikstühle. Auch jetzt am Abend bleibt die Luft drückend schwül, Mücken schwirren durch das Licht des DVD-Projektors.

Martine de Souza heißt die Organisatorin dieser Kinovorstellung unter freiem Himmel, und sie hat auch den Film, der gerade läuft, selbst produziert. „Wir wollen die Menschen über die Gefahren des Kinderhandels aufklären“, sagt die 50-Jährige. Schon seit 2001 ist sie mit ihrem fahrenden Kino unterwegs, zunächst zusammen mit der Organisation CNA („Cinéma Numérique Ambulant“), inzwischen selbstständig. „Ich habe Ende der 1990er Jahre für die Weltbank gearbeitet und über die moderne Form der Sklaverei in Westafrika geforscht“, sagt de Souza. Dabei drehten sie und ihre KollegInnen auch einige Informationsfilme zum Thema Menschenhandel. Als Martine einige Zeit später einmal wieder in ihrem alten Büro zu Besuch war, stellte sie fest: „Die Filme lagen alle in der Schublade. Niemand hatte sie sich angesehen.“ Da beschloss sie, die Filme selbst in die Dörfer zu bringen.

In Amolehoué ist die 30-minütige Geschichte von Assiba gerade zu Ende. Jetzt greift Martine zum Mikrofon und lädt ihr Publikum zum Sprechen ein. Neben ihr steht die Hauptdarstellerin – Assiba ist im wirklichen Leben Martine de Souzas Tochter Therèse. Für ihre Leistung auf der Leinwand bekommt sie großen Beifall.

„Ja, auch mir ist es ähnlich ergangen“, meldet sich eine junge Frau aus dem Publikum. „Man hat eine meiner Töchter verkauft. Als sie nach drei Jahren wieder kam, hatte sie noch immer dasselbe Kleidchen an.“ Murmeln, Raunen, Nicken in der Runde. Aber es bleibt bei dieser einen Wortmeldung. „Es gehört schon viel Mut dazu, so etwas vor allen Leuten zu erzählen“, sagt Martine de Souza. Oft werde sie bei ihren Vorführungen von verzweifelten Müttern angesprochen, die eines ihrer Kinder vermissen. „Manchmal ist es uns schon gelungen, ein Mädchen wieder zurückzubringen.“ Ein bisschen kämpft Martine damit auch gegen ihre eigene Familiengeschichte an. Der portugiesisch-stämmige brasilianische Kolonialherr Francisco de Souza (1754 – 1849) war einer ihrer Vorfahren. Als Sklavenhändler schickte er tausende AfrikanerInnen übers Meer nach Brasilien und Nordamerika und brachte es so zu großem Reichtum. „Ich bin natürlich nicht stolz auf ihn“, sagt Martine. „Und manchmal wünsche ich mir, dass ich nicht von ihm abstamme, sondern von Sklaven.“

Mit ihren Filmen will Martine de Souza den Leuten zeigen, dass diese Zeiten eigentlich längst vorbei sein könnten. Denn anders als früher gibt es seit 2006 auch in der Republik Benin Gesetze, die Kinderhandel unter Strafe stellen. Aber erst, wenn sich Eltern zur Anzeige entschließen, kann einE KinderhändlerIn vor Gericht gestellt werden. Doch die Strafen hängen stark vom jeweiligen Richter oder der Richterin ab. Und aus Scham und aus Angst vor eigener Bestrafung verzichten viele Eltern auf eine Anzeige.

Auf dem Weltsozialforum in Dakar hat sich dieses Jahr ein neues Bündnis formiert, das in ganz Westafrika gegen Kinderhandel vorgehen möchte. Mehrere Organisationen bündeln nun ihre Projekte im Netzwerk RAO. „Nur im gemeinsam organisierten Kampf gegen die Ausbeutung von Kindern können wir wirksamere Strategien gegen Kinderhändler entwickeln“, erklärte Mamadou Sissako, ein Aktivist aus Mali gegenüber der Nachrichtenagentur IPS. Ein möglicher Lösungsansatz kommt aus Burkina Faso. Bereits in drei Dörfern bekommen 80 besonders arme Familien ein Stück Gemeindeland, das sie bewirtschaften können. Im Idealfall verdienen sie damit mehr Geld und können sich und ihre Kinder ausreichend versorgen – ohne das Geld der Menschenhändler.

So weit ist Martine de Souzas Heimat Benin noch nicht – aber auch hier sind zahlreiche NGOs aktiv. Manche der verkauften Kinder finden in der Hauptstadt Porto Novo Zuflucht im Zentrum „La Passerelle“, das die örtliche Organisation ESGB betreibt. SozialarbeiterInnen kümmern sich vor allem um Mädchen, die zur Arbeit in fremden Haushalten gezwungen wurden. Oft haben sie Schläge und auch sexuelle Gewalt erlebt. „Der direkte Kontakt mit den Jugendlichen ist herausfordernd, aber ungemein erfüllend. Höhen und Tiefen erleben wir mit den Jugendlichen mit“, sagt Hanni Denifl. Die Don-Bosco-Schwester stammt aus dem Tiroler Stubaital und arbeitet im „Haus der Hoffnung“. Die „La Passerelle“ ähnliche Institution befindet sich mitten auf dem zentralen Dantokpa-Markt in der Stadt Cotonou. Kinder aus ganz Benin bieten dort Zitronen, Bananen und andere Waren an. Bei den Don-Bosco-Schwestern finden sie Schlafplätze, ärztliche Betreuung und die Chance auf eine Berufsausbildung. „Aber nur mit viel Geduld und oft mehreren Anläufen kommen sie ihrem Ziel, einem Leben in Würde, näher“, berichtet Hanni Denifl. Manchmal ist auch Martine de Souza mit ihrem fahrenden Kino bei Hanni Denifl im Don-Bosco-Zentrum zu Gast. Filmvorführungen und auch Theatervorstellungen erreichen besonders viele Kinder und Jugendliche.

Doch zurück aufs Land, denn heute lief Martine de Souzas Film ja im Dorf Amolehoué. Im Film gelingt Assiba die Flucht, aber der Weg nach Hause ist weit. Sie kann sich nicht mehr an den Namen ihres Dorfes erinnern, und nur durch Zufall findet sie zurück zu ihrer Mutter. Als sie das Drehbuch schrieb, hat sich Martine an dem orientiert, was ihr die Menschen in den Dörfern erzählen. „Wir haben mehrere Berichte zu einer Erzählung zusammengebaut“, sagt sie. Daraus wurde „Assiba“.

Aber genug der traurigen Geschichten, der Kinoabend soll in heiterer Stimmung enden. „Man kann den Leuten nicht nur ernste Filme präsentieren“, sagt Martine, legt eine neue DVD ein und lässt einen beliebten einheimischen Spielfilm über die Leinwand flimmern. Ein Vater stellt seine drei Töchter auf die Probe; sie sollen ihm beweisen, dass sie ihn mehr respektieren als ihre Ehemänner. Selbstbewusst, wie die jungen Frauen sind, weigern sie sich, und das führt zu allerlei Verwicklungen. Es ist ein Film aus bester westafrikanischer Kino-Tradition, zwar etwas langatmig erzählt und billig produziert, aber nahe dran am Alltagsleben der Menschen. Das Publikum amüsiert sich bestens. In zwei Wochen wollen Martine de Souza und ihr Team wiederkommen. Vielleicht haben sie dann schon einen ganz neuen Film im Gepäck. „Wir drehen gerade eine Fortsetzung von ‚Assiba‘“, sagt Martine. „Die Leute warten schon sehnsüchtig darauf.“ Sie wollen sehen, wie es Assiba zu Hause erging – und ob ihre Mutter für ihren Handel bestraft wird. Wenn auch nur im Film.

Christian Selbherr ist Redakteur bei der Zeitschrift missio magazin in München.

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