Mädchen unerwünscht

Geschlechterselektion vor der Geburt oder durch Vernachlässigung fügt den Frauen Schaden zu – und wirkt sich auf die Lebenswirklichkeit aller aus, hat New Internationalist-Redakteurin Vanessa Baird recherchiert. Es geht um Gesundheit, Kriminalität, Beziehungen, Familienleben, gesellschaftliche Harmonie und internationale Sicherheit.

In dem Dokumentarfilm „It’s a Girl“ gibt es eine ebenso grausige wie herzzerreißende Szene: Eine nervös lächelnde Frau beschreibt, wie sie ihre acht neugeborenen Töchter getötet hat. Dabei greift sie sich mit der Hand an den Hals, um anzudeuten, dass sie sie erwürgt hat – und es sieht fast so aus, als ob sie sich selbst erwürgen würde. Was sie auf eine Art ja auch getan hat …

Wir erfahren dann, dass einige andere Frauen in ihrer ländlichen Gemeinschaft in Tamil Nadu zugeben, ähnliche Methoden angewendet zu haben, um ihrem Mann ein Mädchen zu ersparen.

Derart grausame Sitten sind im heutigen Indien selten, sagen SoziologInnen, und nur in vereinzelten Gemeinschaften zu finden. Weit mehr Mädchen im Kleinkindalter sterben langsamer – weil sie vernachlässigt werden. Daher auch die schockierende Statistik: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein indisches Mädchen im Alter von einem bis fünf Jahren stirbt, ist um 75 % höher als bei indischen Buben. Das ist der weltweit größte Sterblichkeitsunterschied zwischen den Geschlechtern in dieser Altersgruppe.1) Aber eine andere Form der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist noch weit üblicher als Mädchen einfach sterben zu lassen: Man sorgt dafür, dass erst gar keine Mädchen geboren werden.

Bildgebende Verfahren zur Untersuchung des Fötus wurden seit den 1980er Jahren weithin verfügbar. In China und Indien, den bevölkerungsreichsten Ländern der Welt, war es möglich, das Geschlecht des Embryos in Erfahrung zu bringen und das Kind je nach Geschlechtspräferenz auszutragen oder eine Abtreibung vorzunehmen.

Die Folge dieser Entscheidungen waren mehr Buben. Viel mehr Buben. Schätzungen zufolge wird es in China 2020 in der Altersgruppe der unter 19-Jährigen 30 bis 40 Millionen mehr Buben als Mädchen geben.2) Das entspricht der gesamten männlichen Bevölkerung dieses Alters in den USA.

Natürlich gibt es daher auch weit weniger Mädchen. Nach aktuellen UN-Schätzungen fehlen weltweit 117 Millionen Frauen 3) – Frauen und Mädchen, die jetzt leben würden, wenn es keine pränatale Geschlechterselektion und keine Vernachlässigung und Kindstötungen nach der Geburt gäbe. Man stelle sich vor: die gesamte weibliche Bevölkerung von Großbritannien, Kanada, Australien, Spanien und Frankreich – alle nicht mehr da.

Im Normalfall werden je 100 Mädchen 105 Buben geboren. Buben sind biologisch schwächer, und die Natur scheint daher sicherzustellen, dass mehr von ihnen zur Welt kommen. Dieses Verhältnis ist ziemlich einheitlich, und alles über 107 erscheint bereits fragwürdig. Infolge der Verzerrung, die bereits stattgefunden hat, ist heute aber 107 der weltweite Mittelwert – rein biologisch wäre das unmöglich.

Am schlimmsten ist es in China, wo auf 100 Mädchen 118 Buben geboren werden; der Schnitt in Indien liegt bei rund 111, obwohl der Unterschied in einigen nordwestlichen Bundesstaaten noch extremer ist.3) Das Problem besteht jedoch nicht nur in Asien. Einige europäische Länder, darunter Aserbaidschan, Armenien, Georgien und Albanien, verzeichnen aufgrund der Geschlechterselektion zu viele männliche Geburten. Mit 116 Buben auf 100 Mädchen hat Aserbaidschan nach China das weltweit schlechteste Geschlechterverhältnis bei der Geburt (siehe Beitrag auf Seite 33). Auch in Westeuropa und Nordamerika gibt es Anzeichen einer Verzerrung.

Von einem Tag auf den anderen ist das natürlich nicht passiert. Bereits 1990 stellte der Ökonom Amartya Sen in einem wegweisenden Artikel fest, dass Millionen von Frauen „fehlten“. Als Ursachen betrachtete er damals Kindstötungen und die Vernachlässigung von Mädchen. Es dauerte eine Weile, bis die Wissenschaft auf die Rolle der pränatalen Geschlechterselektion aufmerksam wurde.

Im folgenden Jahrzehnt wurde öfter vor dem Problem gewarnt, aber auf politischer Ebene geschah kaum etwas. Heute sind WissenschaftlerInnen damit beschäftigt, zu berechnen und darüber Spekulationen anzustellen, wie sich dieser hohe Männerüberschuss in Zukunft auswirken wird – auf Gesundheit, Kriminalität, Beziehungen, Familienleben, gesellschaftliche Harmonie oder internationale Sicherheit.

Einige ÖkonomInnen hatten vermutet, dass sich der Status von Frauen infolge ihres „Knappheitswerts“ verbessern würde. Offenbar passiert aber genau das Gegenteil: Frauen werden zunehmend als Ware betrachtet, als Ressource, die ge- und verkauft wird. Der Import – oft zwangsweise – von Mädchen und Frauen nach China hat sich zu einem mehrere Milliarden US-Dollar schweren Geschäft entwickelt, und die Nachfrage steigt (siehe Beitrag Seite 35). Kinderehen, in Indien nach wie vor üblich, tauchen nun auch in China wieder auf – es gibt Berichte von Eltern, die Mädchen entführen, um sie als Partnerinnen für ihre Söhne aufzuziehen.4)

Das hohe Ausmaß der sexuellen Gewalt in Asien, insbesondere der Gruppenvergewaltigungen in Indien, wurde in den Medien bereits mit der „Frauenknappheit“ in Verbindung gebracht. Einfacher nachweisbar ist jedoch die physische und emotionale Gewaltausübung von Verwandten gegenüber Frauen in Indien, die sich weigern, einen Geschlechtstest vornehmen zu lassen oder einen weiblichen Fötus abzutreiben.

Neu-Delhi, Indien: Junge Frauen treten öffentlich gegen die gezielte Abtreibung von Mädchen auf.

Dass dieses Thema ins Rampenlicht geriet, ist Mitu Khurana zu verdanken, einer Ärztin aus Delhi, die Strafanzeige gegen ihren Ehemann (einen Chirurgen), dessen Mutter, seinen Bruder und zwei Krankenhausangestellte erstattet hat – ein bisher einmaliger Fall. Als sie mit weiblichen Zwillingen schwanger war, gab man ihr ihren Angaben nach etwas zu essen, wogegen sie hochgradig allergisch war, nachdem sie einen illegalen Geschlechtstest verweigert hatte; der Test sei dann aber gegen ihren Willen doch vom Krankenhauspersonal vorgenommen worden. Das Verfahren ist in Indien gerichtsanhängig. 5)

Auch für die „überschüssigen“ Buben ist ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern alles andere als ein Segen. 2020 werden sich 24 Millionen junge chinesische Männer damit abfinden müssen, dass sie wohl „sitzenbleiben“ werden. Treffen wird es wahrscheinlich am ehesten die Armen mit geringerer Schulbildung. „In Gesellschaften, die unverheiratete Männer als Versager brandmarken und die das Modell des lebensfrohen Junggesellen nicht kennen, ist das eine Tragödie“, sagt der französische Demograph Christophe Z. Guilmoto.

Ein stark verzerrtes Geschlechterverhältnis bei der Geburt ist fast in allen Fällen mit einer Selektion zugunsten eines männlichen Nachwuchses verbunden. Die starke Präferenz von Söhnen wird oft mit der Tradition erklärt. In China etwa wird die Aversion gegen Mädchen auf die vom Konfuzianismus geprägte Tradition der Erbfolge über die männliche Linie zurückgeführt. In Indien ist die Präferenz von Söhnen tief in der Hindu-Kultur verankert. Traditionsgemäß ist es der Sohn, der für seine Eltern im Alter und darüber hinaus sorgt. Nur der Sohn kann das Begräbnisritual vornehmen, das den Übergang in das Leben nach dem Tod ermöglicht. Von Frauen dagegen wird erwartet, dass sie mit der Heirat ihre Familie verlassen und Teil der Familie des Ehemannes werden.

Der Demograph Guilmoto hat sich zwei Jahrzehnte lang mit verzerrten Geschlechterproportionen befasst und warnt vor Verallgemeinerungen. Aber einige gemeinsame Grunddeterminanten konnte er identifizieren: Die Länder mit der stärksten Verzerrung waren die Länder mit raschem Wirtschaftswachstum, wo die Techniken der pränatalen Geschlechtsdiagnose weithin verfügbar und erschwinglich wurden und es gleichzeitig zu einem drastischen Rückgang der Fruchtbarkeit kam, die Menschen also weit weniger Kinder bekamen als ihre Eltern.

In Indien wiederum hat die wirtschaftliche Dynamik eine Lust am Konsum hervorgebracht, die eine unselige Verbindung mit für Mädchen und Frauen sehr schädlichen Traditionen einzugehen scheint.

Rita Banerji, Fotografin und Gender-Aktivistin, ist die Gründerin der Kampagne „50 Million Missing“ in Indien. In Indien, so Banerji, hat die Geschlechterselektion im Wesentlichen eine einzige Ursache: die Habgier. Die Mitgift, oft ein großer Teil des Familienvermögens, wird von der Familie der Braut bezahlt. Daher „ist jeder Sohn ein Mittel, Geld zu verdienen“, während jede Tochter für die Familie einen materiellen Verlust repräsentiert.6)

Mitgift, pränatale Geschlechterselektion und das Töten weiblicher Neugeborener gehören für Banerji untrennbar zusammen. „Sobald man die Mitgift in einer Gemeinschaft einführt, werden alle gierig danach. Es etabliert sich die Denkweise, ‚Okay, das ist eine Möglichkeit, einen Haufen Geld zu bekommen‘.“ „Die Frau“, fügt sie hinzu, „wird in diesem Patriarchat eine Pfandsache – man kann sie kaufen, verkaufen, umbringen, sie behalten. Wie man will. Genauso wie mit jeder anderen Ressource.“

Wie Indien haben sich auch die osteuropäischen Länder mit verzerrten Geschlechterverhältnissen dem Kapitalismus und dem freien Markt verschrieben und nun viel weniger Kinder. Das führt zwar an sich nicht zur Geschlechterselektion, aber in Kombination mit einer starken Präferenz für Söhne sehr wohl. Wenn man nur zwei Kinder hat, beträgt die Wahrscheinlichkeit 25%, dass man keinen Sohn bekommt – und das ist in einer patriarchalischen, auf männliche Nachkommen fixierten Gesellschaft kein Spaß.

Die 1979 eingeführte Ein-Kind-Politik in China wird oft für die Tötung neugeborener Mädchen und das hohe Ausmaß geschlechtsspezifischer Abtreibungen verantwortlich gemacht. Folgt man aber der China-Expertin und Kinderärztin Therese Hesketh, hat sich diese Politik kaum auf das Geschlechterverhältnis ausgewirkt: „Es ist überhaupt nicht gesagt, dass es helfen würde, wenn es diese Politik nicht gäbe.“ Tatsächlich lässt sich den Daten entnehmen, dass die Geschlechterselektion gerade in Regionen am häufigsten praktiziert wird, wo ein zweites Kind erlaubt ist, wenn das erste ein Mädchen war.

Die Geschlechterselektion ist heute in mindestens 36 Ländern verboten. Aber gerade dort, wo sich die Präferenz für Söhne weltweit am stärksten auswirkt, wird das Verbot kaum oder überhaupt nicht durchgesetzt. In China gibt es keine Kontrollen. „Krankenhäuser mit einem verdächtig hohen Anteil von Abtreibungen weiblicher Föten könnten überprüft werden, das passiert aber nicht“, erläutert Hesketh. „Aus irgendeinem Grund ist man in höheren Kreisen nicht daran interessiert.“

In Indien besteht dagegen sogar eine finstere Komplizenschaft, zumindest aus Sicht von Banerji. „Geschlechterselektion ist ein expandierendes Milliardengeschäft, von dem alle – die Politik, die Verwaltung, Ärzte und medizinische Unternehmen – profitieren. Das hält das Werkel am Laufen. Das Gesetz wird in Indien derart offenkundig missachtet, dass es genauso gut gar nicht existieren könnte.“

Letztlich ließen sich die Verbote gar nicht durchsetzen, meinen wieder andere. Ultraschalluntersuchungen werden während einer Schwangerschaft regelmäßig vorgenommen, das Geschlecht des Fötus kann bekanntgegeben werden, ohne ein Wort zu sagen. Die Abtreibung kann in einer anderen Klinik stattfinden, und es ist nicht schwer, dafür einen anderen Grund anzugeben als das Geschlecht des Fötus.

Sorgen bereitet auch, dass eine strengere Strafverfolgung zu einer Einschränkung des legitimen und mühsam erkämpften Rechts der Frauen auf Abtreibung führen könnte. Geschlechterselektion ist zweifellos ein heikles Thema für Feministinnen: Das Recht auf Schwangerschaftsabbruch hat sich in ein Instrument der Frauenfeindlichkeit verwandelt. Mangels einer dezidierten feministischen Position zum Thema gelang es etwa der Anti-Abtreibungslobby in den USA, das Problem für sich zu vereinnahmen.

Obwohl das Geschlechterverhältnis bei Neugeborenen in den USA der Norm entspricht, schafften es republikanischen AbtreibungsgegnerInnen in Arizona dieses Jahr, den Prenatal Non-Discrimination Act zu verabschieden, unter dem Vorwand der Verteidigung der Frauenrechte. Nach Ansicht der KritikerInnen geht dieses Gesetz jedoch über das bloße Verbot einer pränatalen Geschlechtsdiagnose hinaus und schränkt tatsächlich das Recht der Frauen auf Abtreibung ein. Es sieht weder Ausnahmen zum Schutz des Lebens oder der Gesundheit der Mutter noch für geschlechtsspezifische Abtreibungen aus medizinischen Gründen vor – beispielsweise zur Vermeidung tödlicher geschlechtsspezifischer Erbkrankheiten. ÄrztInnen werden die ethnische Zugehörigkeit von abtreibungswilligen Frauen in Betracht ziehen und die Gründe für ihre Entscheidung einer eingehenden Überprüfung unterziehen müssen.

Miriam Yeung vom National Asian Pacific American Women’s Forum ist eine vehemente Gegnerin der Geschlechterselektion, schloss sich im Mai jedoch einer breiten Allianz von Organisationen für reproduktive Gesundheit und reproduktive Rechte an, um das Gesetz in Arizona anzufechten.

„Ich würde echte Bemühungen und echte Partnerschaften beim Kampf gegen die Ungleichbehandlung der Geschlechter und die Rassendiskriminierung begrüßen“, erläuterte sie. „Aber bei Gesetzen wie diesem handelt es sich nicht um solche Bemühungen. Wenn sie etwas gegen die Präferenz für Söhne tun wollen, dann ist es nicht der richtige Weg, Frauen zu stigmatisieren und uns unsere Rechte wegzunehmen.“7)

Abtreibung ist das Mittel der Geschlechterselektion, aber nicht die Ursache. Aber eine klare Regulierung der Geschlechterselektion ist notwendig, wie kompliziert es auch sein mag, sie durchzusetzen, denn individuelle Entscheidungen führen hier zu äußerst schädlichen kollektiven Konsequenzen. Familien müssen begreifen, dass eine Geschlechterselektion zugunsten von Buben ein Verbrechen an Mädchen darstellt. Und dass es extrem grausam ist, Frauen zur Abtreibung weiblicher Föten zu zwingen oder zu nötigen, und dass eine solche Tat eine entsprechende Bestrafung nach sich ziehen wird. „Das Gesetz und seine Vollziehung“, argumentiert Banerji, „bilden die Voraussetzung, um eine Veränderung der Einstellungen bewirken zu können.“

Und eine solche Änderung ist möglich, wie das Beispiel Südkorea zeigt. Bis heute ist es das einzige Land, das es geschafft hat, ein stark verzerrtes Geschlechterverhältnis bei Neugeborenen wieder zu normalisieren (siehe Beitrag Seite 34).

Aber mit Gesetzen allein wird man die Präferenz für Söhne nicht beseitigen können. Aus Sicht von Guilmoto haben Regierungen nur geringen Einfluss auf Entscheidungen über Fortpflanzung und Familie. Revolutionen sind das Werk sozialer Bewegungen. Die große Revolution, zu der es kommen muss, ist die Gleichstellung der Geschlechter in jedem Bereich – im Familienleben, vor dem Gesetz, in der Gemeinschaft, im Erwerbsleben, in der Politik und auf der Straße.

Quer durch Indien finden heute praktisch regelmäßig Protestkundgebungen gegen die Gewalt an Mädchen und Frauen statt. Das Bewusstsein nimmt zu. Die Aufgabe besteht darin, die Geschlechterselektion zu stoppen und den sich darin manifestierenden Krieg gegen Mädchen zu beenden. Frauen wie Mitu Khurana nehmen diesen Kampf auf, direkt und auf persönliche Art. Ihren Mann zu verlassen und ihre Töchter auf die Welt zu bringen hat sie stärker gemacht, zuversichtlicher, wie sie sagt. Sie sieht es als ihre Pflicht, für die zu sprechen, die das nicht selbst tun können, und „für eine bessere Welt für meine Töchter zu kämpfen“.

In indischen Medien wimmelt es mittlerweile von Artikeln und Beiträgen zu den Ergebnissen der letzten Volkszählung und zur Bilanz der Versuche der verschiedenen Bundesstaaten, ihr unausgewogenes Geschlechterverhältnis zu verbessern. Haryana, einer der Bundesstaaten mit den wenigsten Mädchen, hat kürzlich eine Rekordteilnahme am offiziellen „Ladli“-Programm vermeldet, das für eine Tochter bis zum Alter von 18 Jahren Geldzahlungen und Vergünstigungen vorsieht.

Das ist nur eine der Strategien, die in Indien ausprobiert werden, mehr Zuckerbrot als Peitsche. In China sieht das Programm „Care for Girls“ ähnliche Anreize für Eltern vor. Ob diese Maßnahmen erfolgreich sind, wurde aber noch nicht richtig überprüft, wie der Demograph Guilmoto anmerkt. Jedenfalls käme es in China und in den am stärksten betroffenen Regionen Indiens zu einer bescheidenen Verbesserung des Geschlechterverhältnisses, fügt er hinzu. Irgendetwas funktioniert – aber was, das wissen wir noch nicht. In China wurden z.B. 2007 Altersrenten eingeführt, womit sich die wirtschaftliche Abhängigkeit von – und damit der Bedarf an – Söhnen verringert hat.

Aber selbst bei einer raschen Verbesserung – ein optimistisches Szenario – würde es zumindest bis 2050 dauern, bis sich das Geschlechterverhältnis in der erwachsenen Bevölkerung wieder normalisiert, so die Prognose von Guilmoto.

Mit neuen Realitäten wird es zwangsläufig auch zu gesellschaftlichen Veränderungen kommen. Ein Männer­überschuss könnte Gesellschaften dazu veranlassen, eine Vielfalt von Familienmodellen und sexuellen Arrangements anzuerkennen und ihnen Rechnung zu tragen. Die Einstellungen zu Homosexualität werden bereits entspannter – das lassen zumindest Erhebungen unter jungen Menschen in chinesischen Städten vermuten.

Allerdings gibt es Anzeichen, dass die Praxis der Geschlechterselektion auch in anderen Teilen der Welt um sich greift, etwa in Nepal und Pakistan. Im Mittleren Osten bieten Privatkliniken in Beirut und Amman – für alle, die es sich leisten können – eine Geschlechterselektion ohne Abtreibung, unter Einsatz moderner Techniken wie Spermiensortierung für eine In-vitro-Fertilisation oder Präimplantationsdiagnostik (PID). Es handelt sich um boomende, hochprofitable Segmente der Branche, die eine einfachere Geschlechterselektion bei geringerer Wahrscheinlichkeit einer Aufdeckung ermöglichen.

Eine beunruhigende Vorstellung. Denn wenn wir aus den letzten beiden Jahrzehnten etwas gelernt haben, dann dass die Natur, sich selbst überlassen, ziemlich gut für eine Ausgewogenheit der Geschlechter sorgt – die Menschen allerdings ganz und gar nicht.

© New Internationalist

1) Times of India, „India deadliest place in the world for girl child“, 1. Februar 2012.

2) The Economist, „The worldwide war on baby girls“, 4. März 2010.

3) UNFPA, Sex Imbalances at Birth: Current Trends, Consequences and Policy Implications, 2012.

4) Mara Hvistendahl, Unnatural Selection, Public Affairs, 2011.

5) Sarah Morrison and Andrew Buncombe, „My husband tried to force me to abort my twin girls“, The Independent, 1. August 2013.

6) „It ’s a Girl“, Shadowline Films, 2012. itsagirlmovie.com

7) Katie Mcdonough, Salon, „Sex selective ­abortions: Just another right wing ruse“, 19. August 2013.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen