Magier vergangener Zeiten

Von Redaktion ·

Ostad Abdolvahab Shahidi ist einer der letzten Vertreter einer glanzvollen Epoche klassischer persischer Musik. Eva Maria Teja Mayer hat den 93-jährigen Musiker in Teheran besucht.

"Ripatta pittam, rapatta pittam!“ Ostad Abdolvahab Shahidi gibt seinem Urenkel Farhud den Takt vor, der Siebenjährige trommelt auf der persischen Tombak ein Solo für den Gast aus Europa. Der legendäre Komponist, Sänger und Musiker lebt zurückgezogen in einer Wohnung in Teheran mit seiner Familie. Er geht auf den Stock gestützt, jeder Schritt eine Überwindung. Mit der Oud, der orientalischen Laute, will sich Shahidi nicht fotografieren lassen, er winkt freundlich ab – dazu sei er nicht entsprechend gekleidet. Sieht man ihn auf alten Aufnahmen, begreift man, was er damit meint. Anzug und Krawatte sind für ihn ein Muss, wenn er mit dem Instrument vor Publikum tritt.

Bei seinen Auftritten hat Ostad Shahidi viel erlebt. Er erzählt von einem Gastspiel in Schweden: Extremistische Gruppen aus dem Iran hatten gedroht, die Konzerthalle in die Luft zu sprengen. „Das Konzert fand dennoch statt, aber ich war sehr, sehr traurig.“

Religion ist ein heikles Thema für den Musiker. Vorsichtig distanziert sich Shahidi von im heutigen Iran immer noch offiziell verbotenen Sufi-Gruppen, die der mystischen Richtung des Islam folgen. „Ich selbst bin kein Sufi. Aber ich respektiere Sufis wie Mawlana Rumi und seine Schule.“

Von der Bühne ins Gefängnis. Shahidi begann als Schauspieler, wandte sich dann dem Gesang und der Musik zu und wurde schließlich zu einem der größten Oud-Virtuosen Irans. Er war Stammgast im iranischen Radio und Fernsehen und zählte zu den verlässlichen Stützen des bekannten Payvar-Ensembles. Regelmäßig trat er beim von Farah Diba Pahlavi, der Gattin des letzten Shahs, gegründeten Schiras-Kunstfestival auf und bestritt internationale Gastspiele. Am Höhepunkt seiner Karriere in den 1970er Jahren war Shahidi jedem Liebhaber persischer Musik im Iran ein Begriff, heute schwärmen nur noch ältere Semester von ihm.

Die größte – und tragischste – Zäsur in Shahidis Leben war wohl jene im Jahr 1979, dem Jahr der islamischen Revolution. Der Shah musste das Land verlassen, Ayatollah Khomeini kam als Revolutionsführer an die Macht. Shahidi, einer der populärsten Künstler der Shah-Zeit, wurde verhaftet, die Anklage lautete auf Kollaboration mit der gefürchteten Geheimpolizei SAVAK. „Absurd“, sagt ein alter Bewunderer. „Er und seine Generation waren absolut unpolitisch, sie haben für ihre Kunst gelebt, Musik gemacht.“

Die Untersuchungen brachten nichts zutage, der gute Ruf der Familie – Shahidis Vater war ein hochangesehener Ayatollah – half wohl mit, dass der Musiker nach vier Monaten entlassen wurde. Doch wie viele andere renommierte Künstlerinnen und Künstler konnte er seinen Beruf nicht mehr ausüben. „Eine dunkle Zeit“, sagt er heute. Ohne Unterstützung von Familie und Freunden wäre es nicht gegangen.

Lob für den Meister. Erst nach Ende des Irakkriegs kamen die Musiker des Payvar-Ensembles wieder zusammen und organisierten mit dem damals bereits 69-jährigen Shahidi eine Tournee ins Ausland. Er blieb in den USA, musizierte, solange es seine Gesundheit erlaubte und kehrte 2007 nach Teheran zurück. Kürzlich verlieh ihm das Ministerium für Kultur und islamische Führung das „First Degree Art Certificate“, eine der höchsten Auszeichnungen des Landes. Bei einem seiner seltenen Auftritte in der Öffentlichkeit vergangenen Mai pries auch Mohammad Reza Shajarian, der heutige Star persischer Musik, Shahidis Vorbildwirkung und seine künstlerische und menschliche Integrität: „Er ist der Meister iranischer Musik.“

Wie sieht Shahidi selbst die Zukunft seiner geliebten Musik? „So langsam wird es wieder – aber bis wir erneut das künstlerische Niveau erreichen, das wir vor 1979 hatten, ist es noch ein langer Weg.“

Eva Maria Teja Mayer lebt als freie Autorin und Journalistin in Wien.

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