„Malaria ist eine Killer-Krankheit“

Wie man die weit verbreitete Infektionskrankheit Malaria wirkungsvoller bekämpfen könnte, erklärt der Anthropologe Paul Grohma in einem E-Mail-Interview.

Gesundheitsaufklärung zur Vermeidung von Malaria. Olongba Health Center in Gety, DR Kongo.© Caroline Frechard / MSF

Malaria ist in vielen Ländern der südlichen Hemisphäre verbreitet. Warum muss man besondere Anstrengungen unternehmen, diese Infektionskrankheit in Afrika südlich der Sahara zu bekämpfen?

Malaria ist eine gewaltige Bedrohung. Die Hälfte der Weltbevölkerung, also rund 3,2 Milliarden Menschen, ist dem Risiko einer Infektion ausgesetzt. 90 Prozent aller Malaria-Fälle weltweit treten aber in Afrika südlich der Sahara auf.

Malaria zählt nicht nur zu den häufigsten, sondern auch zu den folgenschwersten Tropenkrankheiten. 2015 wurden laut WHO 212 Millionen Infektionen neu registriert, es gab fast 440.000 Todesfälle, darunter 60 Prozent Kinder unter fünf Jahren. Die Dunkelziffer bei den Erkrankten dürfte beträchtlich sein. Man kann also zu Recht von einer Killer-Krankheit sprechen.

Es existiert aber nicht die eine Lösung für alle Regionen, denn hinsichtlich der Malaria-Stämme, Resistenzen und des sinnvollen Medikamenteneinsatzes gibt es beträchtliche Unterschiede.

Wo liegen aktuell die größten Schwierigkeiten bei der Bewältigung dieser Krankheit?

Das Hauptproblem liegt darin, dass sich sowohl Politik als auch Pharmaindustrie nicht konsequent den „Krankheiten der Armen“ wie Malaria widmen.

Man kann sagen, dass global bei den Verantwortlichen ein Umdenken stattfindet, seit ab 2007 die Bill & Melinda Gates Stiftung die „Ausrottung von Malaria“ propagiert und finanziell stark unterstützt. Die Strategie setzt auf die komplette Ausrottung der Parasiten. Aktuelle Behandlungsmethoden mit Artemisinin, einem Medikament auf Pflanzenbasis, können nur die Heilung bei einzelnen Personen erreichen, sie eliminieren aber nicht die Parasiten, die für die fortdauernde Übertragung verantwortlich sind.

Die Mehrheit der Infektionen tritt bei asymptomatischen Menschen auf; diese zeigen keine Krankheitssymptome, dienen aber als Überträger der Malaria. Es braucht eine nachhaltige Finanzierung der Bekämpfungs- und Behandlungsmaßnahmen. 2014 lagen die Mittel dafür laut WHO bei 2,4 Milliarden US-Dollar. Fachleute meinen, dieser Betrag müsste verdoppelt werden.

Ist nicht die Strategie, Mückenstiche zu vermeiden, recht erfolgreich?

Ja, es gibt die relativ einfache und wirkungsvolle Vorsorge: das Besprühen von Innenräumen mit Insektiziden und die Verwendung von behandelten Moskitonetzen. Leider haben sich Resistenzen entwickelt, ebenso wie bei den üblichen Malaria-Medikamenten. Neue Produkte müssen entwickelt werden, auch genauere Schnelltests.

Ein neuer Impfstoff (RTSS) wird von der WHO zwar schon empfohlen, aber bisher konnten keine zufriedenstellenden Ergebnisse zum Schutz vieler Menschen erzielt werden. Besonders bei Kindern haben sich die Erwartungen nicht erfüllt.

Wie kann Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans Frontières – MSF) bei der Malaria-Bekämpfung unterstützend tätig sein?

MSF muss bei Ausbrüchen von Malaria-Epidemien oft rasch reagieren, zuletzt war dies in der Provinz Haute-Uele in der Demokratischen Republik Kongo der Fall. Dort wurde eine Notfall-Klinik eingerichtet, um 40.000 Patientinnen und Patienten umgehend zu versorgen, die vielfach bereits schwere Symptome aufwiesen und stationär behandelt werden mussten.

In Flüchtlingslagern und überall, wo es große Konzentrationen von Menschen gibt, etwa in Zonen mit saisonal erhöhtem Malaria-Aufkommen, wird eine sogenannte saisonale Malaria-Chemoprävention eingesetzt, bei der vor allem die Kinder flächendeckend artemisininhaltige Kombinationspräparate bekommen. Dies gibt einen Schutz gegen Neuinfektionen und behandelt eventuell Infizierte, die noch keine Symptome aufweisen. Für eine Notfallmaßnahme ist dies wirksam, es ist aber keine Dauerlösung.

Was wäre eine Dauerlösung?

Ein wichtiger Pfeiler ist die Aufklärung der Bevölkerung. Man muss mit den Menschen über die Notwendigkeit von Früherkennung sprechen, über Symptome und Behandlungsweisen. Die meisten Todesfälle sind auf eine zu spät begonnene Therapie zurückzuführen. Selbst wenn Menschen Bescheid wissen, haben sie in vielen Regionen aber keinen ausreichenden Zugang zu Gesundheitseinrichtungen. Ganz wesentlich sind lokale Gesundheitshelfer und -helferinnen. Diese gehen etwa in Südsudan auch in entlegene Dörfer und sind über ein Netzwerk mit einer MSF-Station verbunden. Neuerdings werden Augen-Scanner zur Diagnose zerebraler Malaria getestet, die mit Smartphones verbunden sind und auch in schlecht ausgestatteten Gesundheitsposten zum Einsatz kommen können.

Wie bei anderen Infektionskrankheiten spielen doch auch bei der Ausbreitung und Übertragung von Malaria Wohn- und Umweltbedingungen eine große Rolle. Was wird diesbezüglich getan?

Von öffentlicher Seite gibt es hier bei weitem zu wenig Anstrengungen. Laut WHO fließen nur drei Prozent der Mittel für Malaria-Bekämpfung in die Bekämpfung des Überträgers und der Übertragungswege.

Es bräuchte Investitionen in Straßenbau, Trinkwasserversorgung, Kanalisation und Müllabfuhr, was angesichts ständig wachsender Elendsviertel rund um urbane Zentren eine kaum zu bewältigende Aufgabe ist. Im ländlichen Raum Afrikas drängen Krieg oder Landraub arme Menschen in abgelegene Gegenden, wo es regelmäßig zu Überflutungen und stehenden Gewässern kommt, Brutplätze für die Anopheles-Mücke.

Können Sie auch über Erfolge im Kampf gegen Malaria berichten?

Sri Lanka hat konsequent eine kombinierte Strategie verfolgt: ein dichtes Netz an Gesundheitseinrichtungen, gut geplanter Einsatz von Insektiziden, Aufklärungskampagnen und ein effizientes Monitoring. Neben anderen gesundheitspolitischen Erfolgen ist das Land seit 2016 malariafrei.

Tatsächlich haben die Anstrengungen zur „Ausrottung der Malaria“ bereits Erfolge gebracht. Weltweit sanken die Malaria-Sterblichkeitsraten zwischen 2000 und 2014 um 60 Prozent, die Malaria-Erkrankungen um 37 Prozent. Ob das Ziel, die Malaria bis 2030 auszurotten, erreicht werden kann, ist aber noch offen.

Die Fragen stellte Brigitte Pilz.

Infos: www.aerzte-ohne-grenzen.at

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