Man kann genug Schuhe haben

Das Bedürfnis nach Schuhen, vielen Schuhen, immer neuen Schuhen wird von geschickter Werbung geschürt, damit der Motor der globalen Wirtschaft brummt. Brigitte Pilz ist der Frage nachgegangen, ob und wen Schuhe glücklich machen können.

© Alexander Hackl

Der derzeit berühmteste Schuh ist etwa 5.300 Jahre alt. Er gehört zur Gletscher-Mumie „Ötzi“. Dabei handelt es sich um eine relativ komplexe Fußbekleidung aus Hirschleder, Bärenfell, Lederstreifen, Grasschnüren und Heu.

Andere archäologische Funde vor allem von Werkzeug wie Ahlen zeigen, dass schon die Neandertaler begonnen hatten, durch Zuschneiden und Verschnüren ihre „Urschuhe“, um die Füße gewickelte Tierfelle zum Schutz gegen Kälte, in eine bessere Form zu bringen. Fuß- und Beinskelette etwa aus der Tianyuan-Höhle bei Peking weisen auf das Tragen von Schuhen bereits vor 30.000 Jahren hin, weil der Fuß dadurch einer anderen Belastung als beim Barfußgehen ausgesetzt war. Während sich Felle und Leder im Laufe der Zeit zersetzt haben, deuten Funde von Perlen aus Elfenbein auch auf sehr frühe Dekorationen hin. Die ältesten kompletten Schuhe wurden in Oregon, USA, gefunden. Es sind über 8.000 Jahre alte Mokassins.

Verschiedene Modelle entwickelten sich in der Antike. Bekannt sind die ägyptischen Zehenstegsandalen oder die römischen Sandalen mit Riemenbefestigung. Geschlossene Schuhe und Pantoffel wurden seit Ende des vierten Jahrhunderts im Byzantinischen Reich entwickelt. Schuhe hatten zunehmend nicht nur eine Schutzfunktion zu erfüllen, sie wurden zum Ausdruck von Modetrends und Statussymbol für bestimmte soziale Schichten.

Das hat sich bis heute nicht wesentlich geändert. Heute schreibt nicht ein Gebot des Königs vor, wer was tragen darf. Eine Umfrage der Karmasin Motivforschung hierzulande hat trotzdem 2010 ergeben, dass Schuhe klare Signalwirkung haben. Es zeigen sich fünf Trends, denen Wertesysteme zugrunde liegen: Gesundheit, Sportlichkeit, Mode, Nachhaltigkeit und politische Gesinnung. Denken wir nur an die Birkenstock-Sandale in den 1970er Jahren.

Siegeszug der Werbung. Schuhe können heute noch viel weitergehende Fragen beantworten: Wie produzieren wir? Wie konsumieren wir? Wer hat den Gewinn und wer hat den Schaden? Wer läuft mit und wer denkt, bevor er losrennt? Und wer bleibt schließlich auf der Strecke?

„Man kann nie genug Schuhe haben.“ So lautete vor einigen Jahrzehnten ein erfolgreicher Werbespruch. Die mageren Nachkriegsjahre, in denen es um die Befriedigung reiner Grundbedürfnisse ging, waren vorbei. Nicht mehr die Produkte waren knapp, auch nicht das Geld, es waren die Bedürfnisse. Damit aber die Wirtschaft weiter wachsen konnte, mussten Angebot und Nachfrage ständig gesteigert werden. Die Stunde von Design und Marketing hatte geschlagen: gleiche Funktion eines Produktes, andere Optik.

Aus der empirischen Glücksforschung, etwa jener des britischen Ökonomen Richard Lavard von 2009, weiß man, dass ab einem bestimmten Lebensstandard höheres Einkommen und mehr Konsum keineswegs zu einer Steigerung von Glück und Wohlbefinden beitragen. Wichtiger sind andere Faktoren: verlässliche Freundschaften, gute Nachbarschaft, stabile Gesundheit. Die Anzahl der Schuhe im Schrank spielt dabei keine Rolle.

Studien der österreichischen Arbeiterkammer belegen vielmehr, dass rund 20 Prozent der Bevölkerung unter Kaufsucht leiden. Shoppen als Kompensation, Konsum als Ersatzhandlung rühren vom Irrglauben her, damit Glück kaufen zu können. Das erworbene Glück durch volle Einkaufstaschen ist zumindest sehr kurzlebig.

Es stellt sich ja auch die Frage, was tun wir in unserer Überflussgesellschaft mit den vielen angeschafften Dingen, mit Schuhen, Bergen von Kleidern, Taschen, technischen Haushaltshilfen und Schnick-Schnack? Wir befüllen unsere Schränke, wir werfen Neuwertiges auf den Müll oder stecken es in Sammelbehälter für bedürftige Menschen. Allesamt schlechte Lösungen. In Folge der Überproduktion werden die natürlichen Ressourcen knapp. Müllberge und ihre Vernichtung vergiften Luft, Boden und Wasser. Second-Hand-Märkte vollgestopft mit unseren abgelegten Schuhen oder Altkleidern bedrängen lokale Handwerksbetriebe in armen Ländern.

Christine Ax und Friedrich Hinterberger beschreiben in ihrem gleichnamigen Buch den „Wachstumswahn“ (Ludwig Verlag 2013, München) sehr eindrücklich: „Wenn wir unsere Wirtschaft als eine Art Flussschema begreifen, dann müssen auf der einen Seite Energie, Rohstoffe, Arbeit und Zeit hineinfließen, damit auf der anderen Seite ein Produkt herauskommt. Eine gewaltige Maschinerie – je schneller sie läuft, desto schneller müssen wir rennen und arbeiten und rennen und konsumieren, nur damit wir am Ende einen Gegenstand erworben haben, den wir eigentlich nicht brauchen.“

Beispiel Schuhproduktion. Industrielle Fertigung gab es bei uns seit der Erfindung der Nähmaschine Anfang des 19. Jahrhunderts. Trotzdem hatten die meisten Menschen auch in den Industrienationen bis ins 20. Jahrhundert hinein zwei Paar Schuhe – ein Paar für den Werktag, ein Paar für den Sonntag. Bis in die 1960er Jahre wurden Schuhe auch bei uns handwerklich hergestellt und vor allem repariert, weil sie langlebig waren.

Ab den 1950er Jahren veränderten technische Innovationen die Produktion. Die Entwicklung neuer thermoplastischer Gummis und Kunstfasergewebe oder das Anvulkanisieren und Anspritzen der Sohlen an den Schaft verbilligten die Schuhe. Besonders in der Damenmode veränderten sich die Modelle in immer kürzeren Abständen.

Trotz allem ist die Herstellung von Schuhen ein arbeitsintensiver Prozess mit vielen gleichförmigen manuellen Tätigkeiten geblieben. Deshalb wurde die Massenproduktion in Länder verlegt, in denen die Löhne niedrig waren, zuerst Süd-, dann Osteuropa, später Asien und aktuell Afrika. Nur noch teure Luxusmodelle oder orthopädisches Schuhwerk sind heute handgemacht. Der größte Anteil verkaufter Schuhe wird in Niedriglohnländern produziert. Auch wenn sie deutsche, österreichische oder internationale Markennamen tragen, werden hierzulande meist nur die letzten Fertigungsschritte gesetzt. Gab es in den 1980er Jahren in Österreich noch 70 industrielle Schuhproduzenten, sind es heute nicht einmal mehr 20 Betriebe mit insgesamt weniger als 1.000 Beschäftigten.

Obwohl die Herstellung des Großteils der Schuhe in Asien erfolgt, wird das meiste Geld in Europa und Nordamerika verdient. Dieses Muster der ungerechten Wertschöpfung ist aus dem gesamten Textilbereich bekannt. Die arbeitsrechtlichen Bestimmungen sind in den Niedriglohnländern prekär. Die ArbeiterInnen haben kaum Möglichkeiten, sich gegen niedrige Löhne, illegale Überstunden, keinerlei Beschäftigungsgarantie bei Heimarbeit sowie mangelnde Gesundheitsschutz- und Sicherheitsmaßnahmen zu wehren. Hinzu kommen oft wenig strenge Umweltgesetze oder laxe Kontrollen. Dies wirkt sich in der Schuhproduktion deshalb noch schädlicher aus als etwa bei der Herstellung von T-Shirts, weil das Rohmaterial problematischer ist. Insbesondere bei Leder, aus dem rund 40 Prozent der Schuhe hergestellt werden, birgt der Produktionsprozess viele Gefahren für die Umwelt und die in Gerbereien tätigen Menschen.

Preis und Wert. Keineswegs haben importierte Billigprodukte immer einen niedrigen Verkaufspreis. Zum einen sind die Gewinnspannen der international agierenden Konzerne enorm. Ein Paar Flipflops kann man bei uns um zwei Euro erwerben, aber auch um 200 Euro, wenn es denn eine Edelmarke sein soll. Wir müssen auch für Werbung, Design, Transport, Lagerung und andere Fixkosten bezahlen. Christine Ax und Friedrich Hinterberger: „Der Grund, warum wir unseren Überfluss auf Kosten der Armen in aller Welt erzeugen lassen, liegt darin, dass es immer kostspieliger geworden ist, überhaupt noch Abnehmer für die ganzen Waren zu finden. Wir könnten bessere und langlebigere Produkte zu einem guten Preis herstellen und faire Löhne bezahlen, wenn der ganze weltumspannende Produktions- und Vermarktungszirkus auf ein gesundes Maß reduziert würde.“

Global wurden im Jahr 2013 22 Milliarden Paar Schuhe produziert, 87 Prozent davon in Asien. China erzeugt die meisten Schuhe. Der größte Anteil der Produktion wird in Europa und Nordamerika verkauft, wenngleich zunehmend eine finanzkräftigere Mittelschicht in China, Indien oder Brasilien in der Lage ist, sich nicht nur billige Plastikschuhe oder Ausschussware zu leisten. Österreicher und Österreicherinnen kaufen im Durchschnitt jährlich sechs Paar Schuhe. Damit sind wir im weltweiten Spitzenfeld.

Es gibt auch Gesellschaften, die beim Immermehr und Immerneu nicht unbedingt mitmachen. Christian Hlade, Gründer des nachhaltig engagierten Reiseveranstalters Weltweitwandern, schildert: „Als wir vor vielen Jahren in Nepal mit Trekkings begannen, waren wir über die schlechte Ausrüstung der Träger schockiert. Also besorgten wir für sie eine vernünftige warme Ausrüstung inklusive Schuhe. Bei der nächsten Tour kamen unsere Jungs dann wieder mit ihren uralten zu dünnen Klamotten und zerrissenen Leinenschuhen oder Badelatschen. Die von uns gekauften Sachen haben keinen Prestigewert, deshalb werden sie durch Verkauf zu Geld gemacht. Zudem sind die Menschen an ihre für uns unzureichenden Schuhe total gewöhnt. Für mich gibt es Grenzen: Träger mit Badelatschen ohne Gletscherbrillen und ausreichenden Kälteschutz in Gletscherregionen finde ich inakzeptabel. Unsere pragmatische Lösung: Leihausrüstung, die am Ende der Tour zurückgegeben und bei der nächsten Tour wieder (gereinigt) ausgehändigt wird.“

Christian Hlades Partner Lahoucine in Marokko ist als Bergbauernbub im Hohen Atlas aufgewachsen. Obwohl er sich heute gute Schuhe locker leisten kann, begleitet er alle Touren als Guide mit ausgelatschten Sandalen, egal ob sie durch extremes Geröll, die Wüste oder über steile Bergflanken führen. Lahoucine fühlt sich einfach nicht wohl in Bergschuhen. Und als Statussymbol braucht er sie offensichtlich nicht.

Brigitte Pilz ist freie Journalistin in Wien und Herausgebervertreterin des Südwind-Magazins.

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