„Manager zu sein wäre mir zu langweilig!“

Der in Irland geborene Priester Shay Cullen kämpft in seiner Wahlheimat Philippinen gegen Menschenrechtsverletzungen. Südwind-Redakteurin Christina Bell traf ihn bei einem Wien-Besuch im Oktober.

Shay Cullen

Südwind-Magazin: Sie leben seit 45 Jahren auf den Philippinen. Wie hat sich ihre Arbeit in der Zeit verändert?
Shay Cullen:
Anfang der 1970er Jahre begann ich, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, die aus zerrütteten Familien stammten oder Probleme mit Drogen hatten. Dann gab es Jugendliche, die unter der Marcos-Diktatur verhaftet oder bedroht wurden, darunter Schüler von mir. Ich konnte das nicht zulassen, also nahm ich ein paar auf, und meine Organisation PREDA wurde zum Zufluchtsort. So hat es begonnen.

Seit damals geht es uns darum, auf die unmittelbarsten Bedürfnisse zu reagieren. Als wir es mit 9- bis 12-jährigen Kindern mit sexuell übertragbaren Krankheiten zu tun hatten, brachten wir sie ins Spital. Dort stellte sich heraus, dass sie sexuell missbraucht wurden, manche von US-Soldaten, andere von Sextouristen. Das war ein Schock.

Mittlerweile schreibe ich auch. Ich habe ein Buch herausgebracht und führe eine regelmäßige Zeitungskolumne. Es geht – wie bei Ihnen – darum, denen eine Stimme geben, die keine haben. Und zu hoffen, dass die Leute zuhören. Die Medien haben die Aufgabe, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Wie einfach ist das auf den Philippinen?
Seit dem Ende der Diktatur gibt es eine freie Presse. Aber die mächtigen korrupten Oli-garchenfamilien haben ihre eigene Form der Zensur, permanent und endgültig: einen Kopfschuss. In den letzten zehn Jahren wurden 146 Journalisten getötet. Auch wir bekommen Morddrohungen. Die Philippinen werden von etwa 40 reichen Familien gelenkt, die den Kongress kontrollieren und sich Stimmen kaufen können. Ein Prozent besitzt etwa 70 Prozent des Reichtums, es ist unglaublich.

Wie ist das Bewusstsein in der Bevölkerung über diese Machtstrukturen?
Das politische Bewusstsein ist ziemlich ausgeprägt. Aber viele erliegen Macht und Geld. Es herrscht die Kultur der „Patrone“, der Politiker, die die Gesetze zu ihren eigenen Gunsten machen oder Schlupflöcher hinein schmuggeln. Es gibt etwa ein gutes Gesetz gegen Kinderpornografie im Internet. Aber die Implementierung hinkt hinterher.

Natürlich gibt es auch Erfolge, sonst hätten wir schon längst aufgegeben. Der größte war die Schließung der US-Militärstützpunkte. Nachdem wir den Missbrauch an den Kindern entdeckt haben, begann ich mit einer Kampagne zur Schließung der Stützpunkte. Viele haben mich für verrückt erklärt. Aber zehn Jahre später wurden die Basen geschlossen.

Was sind die größten Herausforderungen auf den Philippinen, vor allem in Bezug auf Kinderrechte?
Das größte Problem ist das Geschäft mit der sexuellen Ausbeutung. Die Mafia, die in- wie ausländische, wird von den korrupten lokalen Regierungen unterstützt.

Apropos Österreich: Vor vielen Jahren hatten wir eine Kampagne gegen Lauda Air. Sie boten Charterflüge nach Thailand an, die sie mit einem halbnackten kleinen Mädchen bewarben. Wir haben auch ein paar Prozesse auf den Philippinen geführt, die Österreicher betrafen.

Die Leute sollten wissen, dass es hier nicht nur um unsere Kinder geht. Das ist kein weit entferntes Problem.

Angesichts all der Grausamkeit: Haben Sie nie den Glauben an die Menschheit verloren?
Es gibt viele Teile der Menschheit, an die ich nicht mehr glaube. Aber ich sehe auch so viele gute Menschen, die gute Dinge tun. Ich glaube, dass am Ende Gut gegen Böse gewinnt. Darum geht es selbst bei so Ansätzen wie Fairtrade – das gute Wirtschaftssystem gegen das böse sozusagen. Es ist schwierig, die Welt zu verändern, aber versuchen muss man es.

Haben Sie jemals aufgehört, an Gott zu glauben?
Natürlich hat man Zweifel. Wichtig ist, sich ein anderes Bild von Gott zu machen als das traditionelle. Nennen wir es Gutherzigkeit. Menschen, die sich um andere kümmern, wie Freiwillige in einem Flüchtlingscamp. Viele Leute begeben sich für andere in Gefahr, ohne etwas dafür zu erwarten. Auf den Philippinen wurden so viele ermordet, Geistliche, Sozialarbeiter, Menschenrechtsaktivisten. Sie wussten um die Gefahr und taten es trotzdem. Ich bin nicht so mutig, ich verstecke mich, wenn es hässlich wird (lacht).

Aber wie soll man sonst leben? Die Tage vergehen schnell, flugs ist man im Grab. Und dann fragt man sich: Was habe ich mit meinem Leben angefangen? Manager zu sein in einer Fabrik, Tag für Tag? Das wäre mir viel zu langweilig! Was ich tue, ist viel aufregender.

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