Matchball für den Nachwuchs

Zwei äthiopische Brüder stiegen von bettelarmen Balljungen zu Tennis-Nationalspielern auf. Oben angekommen, gründeten sie eine kostenlose Tennisakademie und suchten in den Slums von Addis Abeba nach Nachwuchs.

Von Markus Wanzeck
„Tennis ist alles für mich“: Meron Getu beim Konditionstraining.

Ein Samstagnachmittag in einem Stadtteil, den sie Mexico nennen. In dem viele Straßen Schotterpisten sind und viele Menschen in bunt gestrichenen Baracken leben. Die Luft ist schwer von Abgasen, die überladene Lastwägen auf der ansteigenden Hauptstraße vor dem Guenet-Hotel in dunklen Wolken in die Luft stoßen. Und schwer vom roten Staub, den Dutzende Kinderbeine auf den zwei Tennisplätzen des Hotels aufwirbeln. „And … hulet … and … hulet...“, schallt es monoton über den roten Sand. „Eins … zwei … eins … zwei …“ Tariku Tesfaye, der Trainer, steht mit einem Ballkorb am Netz. Er spielt Buben und Mädchen, gerade so groß, dass sie übers Netz sehen können, im Sekundenrhythmus Bälle zu. Eins: Weit ausholen! Zwei: Schlagen, Vorhand! Die Trainingsanlage ist von rostigem Maschendraht umgrenzt, ausrangierte Tennisrackets hängen darin wie Insekten in einem riesigen Spinnennetz.

Nachwuchstraining für den traditionellen Sport der Gutgestellten, an diesem Ort, in diesem Viertel der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba – eine Fata Morgana? Die Szenen auf dem roten Sand sind ebenso wirklich wie unwahrscheinlich in einem Land, das zu den ärmsten der Erde gehört: Jahreseinkommen 380 US-Dollar pro Kopf, die Hälfte der Menschen unterernährt. Auf dem Human Development Index belegt Äthiopien unter 169 Ländern den 157. Platz.

Um zu verstehen, wie Tennis hier Fuß fassen konnte, muss man einige Jahre zurückblicken – in die Kindheit von Tariku Tesfaye, der nun unentwegt Filzbälle aus dem Ballkorb nimmt und sie den Kindern zuspielt. „Ich war vielleicht zehn Jahre alt, da begannen mein Bruder Desta und ich in einem benachbarten Tennisclub als Balljungen zu arbeiten“, erzählt Tesfaye, ein 33-Jähriger mit wachen Augen, leicht abstehenden Ohren und Lachfalten. Jeden Tag nach der Schule rannten sie über die Courts und sammelten unzählige Bälle und etwas Trinkgeld ein. Wurde einer der Spieler von seinem Trainingspartner versetzt, durfte einer der Brüder einspringen. So standen sie täglich auf dem Platz, und sie gingen so geschickt mit dem Schläger um, dass es bald keiner mehr im Club mit ihnen aufnehmen konnte. Einige Jahre später hatten die Tesfaye-Brüder den Tellerwäschertraum in der Tennisvariante wahrgemacht. Sie waren von Balljungen zu Nationalspielern aufgestiegen.

Der Erfolg auf dem Court öffnete ihnen viele Türen zur High Society von Addis Abeba. Das Netzwerk aus wichtigen und wohlhabenden Leuten war hilfreich für den verwegenen Plan, der in ihnen schlummerte: Sie wollten ihren Werdegang nicht einfach als kuriose Tennisanekdote sehen, sondern als Modell für eine neue äthiopische Sportlergeneration. Sie wollten eine Tennisschule gründen, ausschließlich für Kinder, die sich, wie sie einst, diesen Sport eigentlich nicht leisten können.

So machten sie sich 2002 auf in die Wellblechhüttenviertel, zur Talentsuche. Unter den Kindern, denen die Brüder im Slum begegneten, waren die Mädchen Meron und Dinknesh, die eine sechs, die andere sieben Jahre alt.

„Hey“, hatten Desta und Tariku Tesfaye den Kindern zugerufen, „habt ihr Lust, Tennis zu spielen?“ „Was ist das, Tennis?“, hatte Dinknesh mit großen Augen gefragt.

Die Tesfaye-Brüder, die sich zu dieser Zeit als Tennistrainer im Olympiacos Greek Club, Amüsiergehege der Mächtigen von Addis Abeba und der reichen Expats, der im Land arbeitenden AusländerInnen, verdingt hatten, gaben dort einem Dutzend Kinder kostenlos Tennisstunden. Frühmorgens, noch vor der Schule – und bevor die zahlenden Clubmitglieder die drei Sandplätze in Beschlag nahmen. Und wieder nachmittags, wann immer ein Platz unbespielt blieb.

Held trifft HoffnungsträgerInnen: Haile Gebrselassie glaubt daran, dass Äthiopien zur Tennisnation werden kann.

Heute, zehn Jahre später, wissen Dinknesh Tameru und Meron Getu ziemlich gut, was Tennis ist. Für sie besteht es fast immer aus Zwei-Satz-Siegen. Im ganzen Land gibt es keine echten Gegnerinnen mehr für sie. Spannend wird es nur noch, wenn die Eine gegen die Andere spielt.

Diejenige, die diese Duelle öfter für sich entscheidet, ist Meron. Die 16-jährige gilt als die talentierteste Tennisspielerin Äthiopiens und als eine der besten auf dem afrikanischen Kontinent. Mit 13 gewann sie erstmals ein Stadtturnier in der Damenwertung. Sechs Mal hat sie inzwischen an den Junioren-Ostafrikameisterschaften des Tennisweltverbandes ITF teilgenommen, jedes Mal brachte sie eine Goldmedaille zurück. Im Dezember 2008 reiste sie zusammen mit dem ein Jahr jüngeren Yonas Gebre, dem besten männlichen Spieler des Tennisprojekts, zur Junioren-Weltmeisterschaft nach Florida.

Heute ist das Tennisprojekt als TDKET bekannt, sperrige Kurzform für das noch sperrigere „Tariku and Desta Kids’ Education through Tennis Development Ethiopia“. Der Name soll zeigen: Neben dem Sport geht es auch um Schulbildung und Persönlichkeitsentwicklung. Wer ein schlechter Teamplayer ist oder in der Schule keine Leistung bringt, ist draußen. An der Längsseite des Trainingsplatzes, die der Hauptstraße gegenüberliegt, steht eine langgestreckte Baracke, in der die Kinder regelmäßig Nachhilfeunterricht in Englisch bekommen.

Vergangenes Jahr zog die Tennisschule aus dem Olympiacos Greek Club ans andere Ende der Stadt, nach Mexico. Tariku Tesfaye pachtete die zwei heruntergekommenen Plätze am Guenet-Hotel und richtete sie eigenhändig her. Dann begann er – neun Jahre nach der ersten – die zweite Runde der Talentsuche und zog mit einem Tennisracket durch die Grundschulen des angrenzenden Viertels. Sein Bruder Desta lebte da bereits in Saudi-Arabien, wo er eine gutbezahlte Trainerstelle angetreten hatte und damit das Projekt aus der Ferne unterstützte.

Seit diesem zweiten Casting zählt TDKET mehr als sechzig Tenniskids. Der Erfolg des Projekts hat immer mehr UnterstützerInnen mobilisiert, von der Deutschen Botschaftsschule in Addis Abeba über die dortige US-Botschaft bis hin zur Tennisakademie Rhein-Neckar nahe Heidelberg. Haile Gebrselassie, Läuferlegende und äthiopischer Nationalheld, ist Schirmherr. Als er die Kinder zufällig im Tennisclub sah, weckte das bei ihm Erinnerungen: „Vor dem ersten Marathon-Olympiasieg war Äthiopien in der Sportwelt nichtexistent.“ Heute ist es eine der dominierenden Läufernationen. „Warum“, fragte Gebrselassie, „sollte eine solche Entwicklung im Tennis nicht möglich sein?“

Außer zum Schlafen kommt Meron Getu kaum noch nach Hause. Frühmorgens Tennistraining, dann Schule. Sie besucht mithilfe eines TDKET-Stipendiums die 11. Klasse der Andinet International School. Anschließend Hausaufgaben und wieder Training. Oft noch ein gemeinsames Abendessen mit den TeamkollegInnen. Die Wochenenden verbringt sie auf dem Trainings- oder einem Turniercourt.

Auf die Frage, ob ihr ein so rastloses Leben manchmal zu viel wird, sagt sie ohne zu zögern: „Überhaupt nicht! Faul und nutzlos herumzuhängen – das wäre schlimm.“ Meron hat nicht viel Zeit für Freundschaften, und womöglich sei dies gar nicht schlecht, sagt sie. Viele ihrer früheren Freunde seien, arbeits- und hoffnungslos, in die Kleinkriminalität abgedriftet. Die Burschen würden sich in Banden zusammenrotten, die Mädchen Kapital aus ihrem Körper schlagen. Sie haben Freier, keine Träume.

„Mein Traum ist, Weltranglistenerste zu werden und mein Land stolz zu machen“, sagt Meron. Und schickt dem großen Traum kleinere, planbarere hinterher: „Ich möchte einen guten Schulabschluss machen, um Wirtschaftswissenschaften studieren zu können.“ Mit ihrem Tennistalent plus guten Noten hätte sie gute Aussichten auf ein College-Stipendium in den USA. Selbst Plan C, ein Job als Tennislehrerin, klingt noch verheißungsvoll. Auch in Äthiopien kann man damit überdurchschnittlich verdienen.

„And … hulet … okay … Dankeschön für heute!“ Tariku ruft die Sieben-, Acht-, Neunjährigen zu sich ans Netz, klatscht sie der Reihe nach ab. Viele der Buben und Mädchen trainieren zweimal täglich. Alle wollen sie werden wie Meron und Dinknesh, die nun, vor ihrer eigenen Trainingseinheit, abwechselnd mit einem Schlauch den staubigen Platz wässern.

„Tennis ist alles für mich“, sagt Meron. „Es ist mein Leben.“ Es klingt kein bisschen pathetisch aus ihrem Mund. Eher wie eine nüchterne Feststellung: Eine ganz und gar unwahrscheinliche Wendung hat sie vor zehn Jahren aus ihrem Alltag gerissen, seitdem ist ihr Leben ohne Tennis schlicht nicht mehr denkbar, Punkt.

„Noch Fragen?“ Wenn nicht, sagt Meron, würde sie nun gerne trainieren. Kommenden Sonntag steht ein Turnierfinale an, für das sie sich in den Wochen zuvor qualifiziert hat. Sie weiß, auf ihre Gegnerin muss sie sich gut vorbereiten. Es ist ihre Freundin Dinknesh.

Markus Wanzeck ist Reporter und Redakteur bei der Agentur Zeitenspiegel (www.zeitenspiegel.de). Seine Recherchereisen führen ihn regelmäßig nach Asien und Afrika.

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