Meer der Hoffnung

Mehr als die Hälfte der marokkanischen Jugendlichen träumt laut Umfragen von einem besseren Leben in Europa. Hunderte bezahlen jedes Jahr ihren Traum mit dem Leben.

Von Axel Veiel
Vor ein paar Wochen erst hat Khaled dem elterlichen Gehöft den Rücken gekehrt und den Bus nach Tanger genommen. In den Bergen des Rif waren die Eltern zurückgeblieben, die Brüder, die Schwestern und der Acker der Familie. Die Geschwister werden den indischen Hanf nun alleine einbringen müssen. Ein kleines Meer leuchtend grüner Blattsterne heißt es bergen, aus dem sich hochwertiges Haschisch gewinnen lässt. Im vergangenen Jahr hatte der Erlös für den Erwerb eines Fernsehers gereicht. Aber Khaled will mehr. Er will nicht ein Leben lang mit den Geschwistern das Feld bestellen. Er will es zu etwas bringen, in Europa.
Immer wieder sucht er den von Kanonen gesäumten Platz auf. Hier an Tangers Boulevard Pasteur liegt dem Marokkaner alles zu Füßen: der Hafen, die wie ein Spielzeugdampfer aussehende Euroferry mit dem offenen Bug, das spiegelglatte Meer, dahinter die aus dem Dunst ragenden Berge Andalusiens. Von ausgewanderten Landsleuten und aus dem Satellitenfernsehen weiß er, dass er an den blassblauen Bergen hinter dem nur 14 Kilometer breiten Wasserstreifen als Erntehelfer oder Kellner zu Geld kommen könnte.
Jeden Tag sucht Khaled deshalb von Neuem die Chance, sich nach Europa absetzen zu können. Er lauert auf den Zufall. In welcher Gestalt wird er sich präsentieren? Der offene Verschlag eines spanischen Tomatentransporters könnte es sein, die ablegende Fähre, die zum kühnen Sprung herausfordert, der Tourist, der Khaled einlädt und dies auch noch vor Notariat und Konsulat zu Protokoll gibt. Schön sei das nicht, sagt er, von morgens bis abends nach Fluchtgelegenheiten Ausschau zu halten, den Teilnahmslosen zu mimen, sich immer wieder unauffällig heranzupirschen, während das Herz bis zum Halse schlage. Ruhe und Frieden wünscht sich Khaled. Davon träumt er.
Den meisten der sich nach außen so gleichgültig gebenden Altersgenossen Khaleds geht es ähnlich. 37 Prozent der MarokkanerInnen sind noch keine 15 Jahre alt, 60 Prozent noch keine 34 Jahre. Mehr als die Hälfte der Angehörigen dieser Altersgruppe hat nie eine Schule besucht. Gelegenheitsjobs, Arbeitslosigkeit und vor allem Armut, das ist ihre Zukunftsperspektive. Umfragen zu Folge träumt mehr als die Hälfte der marokkanischen Jugendlichen von einem besseren Leben in Europa.
Die wachsende Nachfrage nach Fluchtgelegenheiten hat Schlepper auf den Plan gerufen. Mohamed ist einer von ihnen. Als „Mittelsmann“ stellt er sich vor, der Kontakte anbahnen könne zu einem Schlauchbootbesitzer. „Fluchthilfe ist Vertrauenssache“, sagt der Mann mit dem Kraushaar, der selbst nicht gerade Vertrauen erweckend wirkt, trotz steifem Hemdkragen und Bügelfalten auf der Hose. Wer mit kleinem Gepäck aus dem Bahnhof tritt, den Blick unsicher hin- und herschweifen lässt, ist ein potenzieller Kunde. Mohamed lädt den Ankömmling zum Minztee ein, macht erste Andeutungen, erkundigt sich nach den Vermögensverhältnissen, empfiehlt eine diskrete Herberge, wo er in ein paar Tagen wieder vorbeikommen will. Wer nicht mindestens 12.000 Dirham aufbringen kann, scheidet als Anwärter auf einen Schlauchbootplatz von vornherein aus. 1.260 Euro sind das. Nagib hat nicht so viel Geld. Aber er weiß von Altersgenossen, deren Eltern, Geschwister, Onkel und Tanten zusammengelegt haben, um einen Hoffnungsträger übers Meer zu schicken nach Europa.

Ein riskante, ja lebensgefährliche Investition ist das. Von denjenigen, die in Booten ohne Kiel und Kompass Kurs auf Spanien nehmen, bezahlen jedes Jahr Hunderte den Traum vom Glück mit dem Leben. Nach Angaben der „Vereinigung marokkanischer Einwanderer und Arbeiter in Spanien“ sind in den vergangenen fünf Jahren mehr als 4.000 Flüchtlinge in der Meerenge ertrunken.
Aber auch diejenigen, die auf der anderen Seite des Mittelmeeres ankommen, sind noch längst nicht am Ziel. Mehr als 20.000 Flüchtlinge wurden von den Sicherheitskräften im vergangenen Jahr an Spaniens Küsten aufgegriffen und wieder in die Armut zurückgeschickt. Knapp die Hälfte der Festgenommenen waren Marokkaner. Dank Bewegungsmeldern, Nacht- und Wärmesichtgeräten sind Spaniens Grenzschützer immer besser darüber im Bilde, wer sich den Gestaden Andalusiens nähert. Wer den Strömungen der Meerenge von Gibraltar getrotzt hat und auch noch den mit Hightech gewappneten Grenzschützern, für den mag in Spanien dann tatsächlich ein neues Leben beginnen, wenn auch nicht immer ein besseres.
Der Marokkaner Nouali etwa hat es geschafft. Der 32-Jährige hat sich durchgeschlagen bis nach Huelva. Auf den Erdbeerplantagen vor den Toren der Stadt hat er sich als Erntehelfer verdingt. Anfangs konnte er sein Glück kaum fassen. 30 Euro bekam er auf die Hand, Tag für Tag. Aber dann wurde er vom allzeit willkommenen Pflücker zum Lückenbüßer. Wenn die Sonne vom Himmel brannte und die grünen Früchte binnen Stunden reiften, war er noch willkommen. Wenn es aber weniger zu tun gab, verrichteten Osteuropäer die Arbeit, von der Nouali leben wollte.
Die Bauernverbände hatten sich „die Freiheit herausgenommen, anzustellen, wen sie wollen“, wie es Freshuelva formulierte, ein Zusammenschluss Erdbeeren anbauender Landwirte der Region. Verbandsfunktionären war zu Ohren gekommen, dass sich im Zuge der bevorstehenden Erweiterung der EU nach Osten die Möglichkeit bot, Erntehelfer aus Polen, Rumänien oder auch Litauen anzuwerben. Eine Umfrage ergab, dass 95 Prozent der Mitglieder lieber Osteuropäer beschäftigen wollten als Araber. So kamen neue ErntehelferInnen ins Land. Zehntausende hatten sich um den lukrativen Job im Westen beworben, 6.700 wurden ausgewählt und fühlten sich, wie eine Rumänin nach der Ankunft bekannte, „wie die Lottokönige“. Nouali und viele andere Nordafrikaner verloren ihre Arbeit.

José Maria Castellano von der spanischen Gewerkschaft Arbeiterkommissionen (CCOO) vermutet, dass die weltweit wachsende Angst vor Terrorismus zur kollektiven Abkehr von den Nordafrikanern beigetragen habe. Den ob ihres fremden Glaubens ohnehin schon bemisstrauten Muslimen werde zunehmend Argwohn entgegengebracht, erzählt der Spanier, der auf der Flucht vor den Schergen Francos einst selbst im Ausland ein Auskommen suchen musste. Rufe nach einer Moschee oder einem eigenen muslimischen Friedhof hätten die Einheimischen noch weiter abrücken lassen. Hinter dem 54-Jährigen prangt auf einem Plakat, was er irgendwann einmal zu seinem Credo erhoben hat: „Bei der Arbeit spielen Herkunft und Hautfarbe keine Rolle.“
Nouali ist umgezogen, in ein Barackenlager. Mit Löchern übersäte Plastikplanen, die wohl irgendwann einmal Erdbeeren vor Kälte und Regen geschützt haben, müssen als Dächer herhalten. Von Müllhalden entwendete Matratzen dienen als Bettstatt. Und jedes Mal, wenn ein Lastwagen die nahe Piste entlangbraust und Erde aufwirbelt, wird die Staubschicht noch dicker, die bereits das ganze Lager überzieht. Nouali sieht seine Zukunft nun in Katalonien. Im Industriegebiet von Badalona möchte er sich als Schwarzarbeiter durchschlagen. Es könne nur noch besser werden, glaubt er. l


Axel Veiel ist Nordafrika-Korrespondent mehrerer deutschsprachiger Medien mit Sitz in Madrid.


Über die Grenze
Der Ausländeranteil liegt in Spanien offiziell bei 2,8 Prozent. Erfasst sind damit legal im Lande lebende 1,1 Millionen Fremde. Übereinstimmenden Schätzungen verschiedener NGOs zufolge leben aber auch 600.000 Einwanderer ohne Aufenthaltserlaubnis im Lande, womit der Ausländeranteil in Wirklichkeit 4,3 Prozent betragen dürfte. Das größte Ausländerkontingent stellen mit 21 Prozent die MarokkanerInnen. Es folgen die EcuadorianerInnen mit sieben Prozent.
Wie vielen Flüchtlingen die illegale Einreise nach Spanien gelingt, lässt sich nur schätzen. Jährlich werden mehr als 20.000 Einwanderer ohne Aufenthaltserlaubnis an den Küsten des Landes aufgegriffen. Wenn Mutmaßungen von Hilfsorganisationen zutreffen, wonach die Grenzschützer etwa zwei Drittel der ankommenden Flüchtlinge entdecken und festnehmen, kämen jährlich etwa 10.000 Immigranten unbemerkt nach Spanien.
Zu den in Spanien lebenden Einwanderern ohne Aufenthaltserlaubnis zählen auch Flüchtlinge, die aufgegriffen wurden und von Rechts wegen abgeschoben werden könnten, die aber de facto nicht abzuschieben sind, weil ihr Herkunftsland die Aufnahme verweigert oder ein Herkunftsland nicht zu bestimmen ist. Dies ist zumal bei Schwarzen der Fall, die über Marokko nach Spanien gelangen. Das marokkanische Königreich hat sich gegenüber der Madrider Regierung lediglich verpflichtet, die eigenen Staatsbürger wieder aufzunehmen. Die Quote der de facto nicht abschiebbaren Flüchtlinge liegt bei 70 Prozent.

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