Mehr als eine Geschmacksfrage

Der Beitrag „Eine Frage des Geschmacks“ über die neuen Kaffee-Initiativen in der November-Ausgabe des Südwind-Magazins hat von mehreren Seiten Kritik ausgelöst: Der Artikel habe ein einseitiges und unvollständiges Bild vermittelt. Hier zwei kurze Stellungnahmen von KritikerInnen. In der kommenden Ausgabe werden wir die Auseinandersetzung mit dem fairen Handel durch eine Diskussionsrunde vertiefen.

Entwicklungspolitischer Ansatz

Direkte Lieferbedingungen und FAIRTRADE-Standards schließen einander nicht aus – im Gegenteil. Pioniere des Fairen Handels (wie z.B. die EZA Fairer Handel GmbH oder Alt Wien) leben echten direkten Handel mit FAIRTRADE-Produzentenorganisationen seit Jahrzehnten erfolgreich vor. Individuelle Einzelvereinbarungen ohne Zertifizierung können im Gegensatz dazu „alles oder nichts“ betreffen und werden auch nicht unabhängig auditiert, wie das bei FAIRTRADE der Fall ist.

Sofern die Kaffeebauernfamilien fair bezahlt werden, begrüßen wir natürlich auch Einzelinitiativen. Der FAIRTRADE-Ansatz ist jedoch wesentlich umfassender: Standards im ökonomischen, sozialen und ökologischen Bereich stellen sicher, dass die KaffeeproduzentInnen auf vielen Ebenen nachhaltig profitieren. Selbstbestimmung wird durch kooperative Strukturen gefördert. FAIRTRADE-zertifizierte KaffeerösterInnen unterstützen also einen gesamtheitlichen entwicklungspolitischen Ansatz, der durch das FAIRTRADE-Siegel transparent nachvollziehbar ist.

Im Jahr 2014 gingen allein aus ­Österreich Direkteinnahmen in der Höhe von zwölf Mio. US-Dollar an die FAIRTRADE-Kaffeebauernfamilien in Afrika, Asien und Latein­amerika.

Hartwig Kirner,  Fairtrade Österreich

40 Jahre für faire Kaffeekultur

Die Autorin beschreibt „die neue faire Kaffeekultur“, die von sogenannten Direct Tradern praktiziert wird. Da ist die Rede von direktem Einkauf „beim Kaffeebauern“, den man sogar mit Namen kennt, von hoher Qualität, für die ein hoher Preis bezahlt werde. Irgendwie wird das Ganze – „Kontrolle ist gut. Vertrauen ist besser“ – in Abgrenzung zu Fairtrade-besiegeltem Kaffees präsentiert. Was ist bitte der Erkenntnisgewinn? Und warum fehlt jeglicher Hinweis, dass es in Österreich mit EZA Fairer Handel und den Weltläden seit annähernd 40 Jahren (!) AkteurInnen gibt, die sich für eine faire Kaffeekultur einsetzen? Diese geht übrigens über direkten Einkauf und höhere Bezahlung weit hinaus. Raum zu schaffen, damit Kaffeebäuerinnen und -bauern regelmäßig aus erster Hand über ihre Herausforderungen berichten können, gehört ebenso dazu wie politisches Engagement, um die Position und Gestaltungsmacht benachteiligter ProduzentInnen in Lieferketten insgesamt zu stärken.

Andrea Reitinger, EZA Fairer Handel

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