Mehr als Hexen und Juju

Afrofuturistische Filme sind mehr als schwarze Science-Fiction. Über die Bandbreite visionärer Filme aus Afrika.

Von Aylin Basaran

Alun Be: Kinship, Edification Series© Alun Be

Die junge Aktionskünstlerin fragt: „Haben Sie schon mal von Afrofuturismus gehört?“ Sie blickt dabei in die Kamera. „Es ist dieses Ding, dass momentan wirklich groß ist. Es ist überall. Und weiße Leute mögen es aus irgendeinem Grund“, erklärt Kui Ngirachu während eines Fotoshootings ihrem Gegenüber, der Fotografin. Laut denkt sie über mögliche Vermarktungsstrategien nach: Identität und Segregation – das seien Begriffe, mit denen sich ihre Kunst vortrefflich verkaufen ließe. Schnitt.

Die Handlung stammt aus dem kenianischen Kurzfilm „This One Went to the Market“ (2018) des Künstlerkollektivs The Nest Collective. Afrofuturismus wird hier als Marketinghype betrachtet, im Sinne einer postkolonialen Medienkritik.

Der Begriff Afrofuturismus wurde zuerst 1994 vom US-amerikanischen Kulturkritiker Mark Dery in seinem Essay „Black to the Future“ verwendet. Er beschreibt eine popkulturelle Strömung, die ihren Eingang in Film, Literatur, Kunst und Musik fand, und mit Science-Fiction und technofuturistischen Elementen die Vergangenheit neu interpretiert. Triebfeder afrofuturistischer Visionen ist es, sich eine Gesellschaft ohne Repression und Rassismus vorzustellen.

Jenseits von eurozentrischen Entwicklungsdiskursen entstand die afrofuturistische Bewegung als Gegenwartskritik und Antwort auf die krude Mischung der Fremdwahrnehmung, die Afrika einerseits jegliche Geschichtlichkeit abspricht und auf der anderen Seite den Kontinent als Inbegriff eines Ortes mit fortschrittsloser Vergangenheit stilisiert.

Tendenziell dystopisch. In den 2010er Jahren ist eine Vielzahl afrikanischer Afrofuturismus-Filme entstanden. In einer Zeit gravierender globaler Ungleichheit scheint das Verlangen nach Visionärem neue Aktualität gewonnen zu haben. Bei den Werken handelt es sich aufgrund von Produktionsbedingungen und budgetärer Lage meist um Kurzfilme, zum Teil um Koproduktionen.

Thematisch reichen sie von Zeitreisen und – tendenziell dystopischen – Zukunftsszenarien über surrealistische Symbolwelten bis hin zu explizit politischen Verstrickungen. Stilistisch machen sie auch vor Virtual Reality oder Animation nicht halt.

Wer jetzt utopische Entwürfe einer technologisch hoch entwickelten und gesellschaftlich befreiten Zivilisation, wie etwa im US-Blockbuster „Black Panther“ (2018) der Marvel Studios erwartet, wird sich täuschen. Der Film unter der Regie von Ryan Coogler ist zwar ein Meilenstein für die visuelle Selbstermächtigung schwarzer Charaktere im Mainstreamkino. Er entwickelt sein emanzipatorisches Potenzial jedoch vor allem im Hinblick auf den afro-amerikanischen Kontext.

Dass sich afrofuturistische Werke vom afrikanischen Kontinent anderer Darstellungsstrategien bedienen, liegt auch daran, dass es ihnen um ein Hinterfragen westlicher Entwicklungs- und Fortschrittsmodelle, vor allem aber dominanter Vorstellungen von Technologie und Innovation geht.

Afrikanische Mythen. Eine radikale Kritik am unersättlichen Streben nach technologischem Fortschritt und Macht wird in der nigerianischen Koproduktion „Hello, Rain“ (2018) von C.J. Obasi geübt, wo die Entwicklerin einer Superkräfte verleihenden Perücke, Goethes Zauberlehrling gleich, zu der Erkenntnis kommen muss, dass ihre Erfindung ihre Freundinnen zu Bestien gemacht hat.

Das Finale endet in einem Hexenkampf und der Beschwörung, niemals Juju, eine westafrikanische Form von Zauberei, mit Technologie zu vermischen.

Während „Hello, Rain“ mit grellen Farben und Kostümen sowie trashigen Spezialeffekten operiert, ist „Afronauts“ (2014) in ruhigen Schwarz-Weiß-Bildern gehalten. Inspiriert vom tatsächlichen historischen Versuch einer sambischen Raummission 1969, erzählt der Film vom Wettlauf zum Mond seiner entschlossenen Protagonistin. Poetisch zeichnet Regisseurin Frances Bodomo die Dramatik, die die Projektion eines unerreichbaren Ziels mit sich bringt.

FilmemacherInnen positionieren sich zwischen Rückbesinnung auf afrikanische Mythen und Teilhabe an universellen Erzählungen. Sie beanspruchen, Sprachrohre globaler Fragen und Probleme zu sein – aus afrikanischer Perspektive.

Nicht zuletzt in Sachen Kapitalismuskritik, Wachstumswahn und Ökologie: So rettet schon in „Pumzi“ (2009) von Wanuri Kahiu die kenianische Protagonistin in einer durch Klimakatastrophen abgeschotteten künstlichen Welt, unter Einsatz ihres Lebens, den letzten Spross eines Baumes.

Oder in Jean-Pierre Bekolos „Naked Reality“ (2016), wo die Welt im Jahr 2150 unter der Krankheit namens „Bad Luck“ leidet und die Protagonistin sich mit ihrer Doppelgängerin in Form eines medial geschaffenen Abbilds ihrer selbst konfrontieren muss.

Gesellschaftliche Traumata. Futuristische Elemente finden sich vor allem auf narrativer und ästhetischer Ebene. Dabei werden kaum sterile hochtechnisierte Apparaturen visualisiert, sondern vielmehr Alltagsgegenstände mit symbolischer Bedeutung oder Superkräften ausgestattet. So etwa im magisch-realistischen Kurzfilm „Boxing Girl“ (2016) der Filmemacherin Iman Djionne, wo gefundene Boxhandschuhe die senegalesische Protagonistin mit auf eine Coming-of-age-Reise durch Dakar nehmen.

Andere Filme erschaffen Fantasiewelten, die sich aus Gegenwartserfahrungen psychischer oder sozialer Natur speisen. Zu ihnen zählt „Kati Kati“ (2016), gedreht unter der Regie von Mbithi Masya, der in einer rätselhaften Welt unter anderem Traumata der verheerenden Unruhen in Kenia nach den Wahlen 2007/2008 verhandelt.

Der VR-Film „The Other Dakar“ (2017) von Selly Raby Kane und „To Catch A Dream“ (2015) von Jim Chuchu bedienen sich surrealer Ausstattungen und Kostüme, um Traumwelten zu schaffen, die der gelebten Realität eine neue Dimension verleihen. In letzterem wird die androgyne Protagonistin von Träumen heimgesucht, in denen sie einen persönlichen Verlust verarbeitet. Mit Hilfe einer überlieferten Methode ist sie in der Lage, den Traum zu fangen, muss sich jedoch schließlich zwischen Dies- und Jenseits entscheiden.

The Nest Collective, das auch diesen Film kreiert hat, ist bekannt, dafür queere Lebenswelten in seine futuristischen Visionen einfließen zu lassen.

Eine überwältigende Mehrheit der ProtagonistInnen aller Werke sind Frauen, jedoch ohne notwendigerweise „feminine“ Themen zu behandeln. Weibliche Selbstermächtigung ist ein fundamentales Element afrikanischer Kulturen mit weit zurückreichenden Traditionen. So wächst auch hier die Utopie aus dem Entlarven und Aufbrechen verkrusteter und fremdbestimmter Zukunftsvisionen.

Aylin Basaran ist Wissenschaftlerin, Aktivistin und Filmemacherin. Sie lehrt an der Universität Wien am Institut für Zeitgeschichte und am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft.

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