Mehr als Imperialismus und Mutter Theresa

Weil junge Menschen so viel Zeit in der Schule verbringen, muss Entwicklungspolitik noch viel stärker dort beginnen. Dritte-Welt-Themen müssen Schulthemen werden, meint Christine Zeiner.

Afrika schreit. Afrika weint. Afrika stirbt. Bartholomäus Grill, Redakteur der „Zeit“, kritisiert in seinem Buch „Ach Afrika“ das Bild, welches uns der „Katastrophenjournalismus“ vom schwarzen Kontinent vermittelt. Darüber hinaus gebe es nicht viel zu lesen in der täglichen Berichterstattung über Afrika und seine BewohnerInnen.
„Afrika“ ist nicht nur für die meisten Medien uninteressant, es hat auch in der Schule kaum Stellenwert. Im Geschichtsunterricht kommt Afrika nach den Ägyptern erst wieder im Kapitel „Imperialismus“ vor: Die Europäer bekriegen sich um afrikanische Territorien. Lateinamerika wird im Unterricht nicht viel anders behandelt: 1492 wurde Amerika entdeckt. Es lebten dort die Inkas und die Azteken. Und Asien? In Geografie werden die „Tigerstaaten“ gestreift, in Religion Mutter Theresa.
Nicht nur LehrerInnen „vom alten Schlag“, auch junge Lehrende glauben vielfach, ihren „Stoff“ durchbringen zu müssen. Da bleibt wenig Zeit. Also besser das Gewohnte lernen lassen und abprüfen, anstatt neue Wege zu beschreiten. In Lateinamerika lebten mehr Völker als Inkas und Azteken. Und Indigene gibt es heute noch. Afrika ist mehr als Sklavenhandel und Dürrekatastrophen und Indien mehr als die Armut in Kalkutta.

Junge Menschen verbringen viel Zeit in der Schule - hier sollte stärker als bisher „Entwicklungs“-Politik stattfinden. Es ist eine nette Idee, Mais, Paradeiser und Kakao zum Unterricht mitzubringen, um den „Warentausch“ ab dem 15. Jahrhundert zu verbildlichen. Doch wie sieht es heute aus? Schule muss mehr bieten - die unmittelbare Realität. Und diese ist nicht „weit weg“. Sie beginnt bei den Sportschuhen, beim Schokoriegel, beim Fernurlaub. Überall auf der Welt gibt es sie, die Fastfood-Restaurants, aber wie schmeckt indisches oder brasilianisches Essen? Mexikanische Bäuerinnen und Bauern können von dem Mais, den sie anbauen, nicht leben. Billiger, gleich aussehender US-Industriemais wird rund um die Erde verbreitet, die Sortenvielfalt geht verloren. Warum müssen Maiskörner gelb und alle gleich groß sein? Die Weltmarktpreise für Kaffee sind so niedrig, dass es sich für viele kolumbianischen Bäuerinnen und Bauern nicht länger lohnt, ihn anzubauen. Könnte fairer Handel eine Alternative sein? Wer hat die Sportschuhe hergestellt, die gerade „in“ sind? Müssen wir barfuß laufen, um „ein gutes Gewissen“ haben zu können?
Österreichische SchülerInnen sind nicht für die Arbeitsbedingungen in jenen Betrieben verantwortlich, die ihre Sportschuhe herstellen. Sie sollen Freude an ihren Schuhen haben. Es sollte ihnen vermittelt werden, dass sie an der Not der Welt keine Schuld haben. Was aber nicht heißt, dass sie diese nichts anginge. Junge Menschen sollten wissen, dass Schokolade nicht von der glücklichen lila Kuh kommt und ihre Schuhe nicht im coolen Puma-Shop „aus dem Nichts“ entstehen. Dritte-Welt-Themen müssen Schulthemen werden. Schulunterricht muss erreichen, dass SchülerInnen begreifen: Afrika und Lateinamerika sind mehr als Vergangenheit. Schulunterricht muss dazu beitragen, dass die Menschen und Regionen der Dritten Welt nicht länger in einen Topf geworfen werden, dass die Mitleidssicht des Nordens überwunden wird und das Gefühl, alles besser zu wissen. Schule muss Zusammenhänge begreifbar machen.
LehramtskandidatInnen sollten das verstehen und vermittelt bekommen. Neben Fortbildungsangeboten bedeutet das auch Überzeugungsarbeit zu leisten - im Unterrichtsministerium, an den Unis, in den Schulen. Gut gestaltete Homepages, Unterrichtsmaterialien und Vorträge können hilfreich sein. Ohne die Überzeugung der LehrerInnen, dass die Dritte Welt zu unserem eigenen Leben gehört, nützen diese wenig.

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