„Mein Leben mir selbst“

Ein Theaterprojekt über den Zwang, der in patriarchalen Kulturen auf Frauen ausgeübt wird.

Elf Frauen, eine einfache Bühne und eine leider nur allzu alltägliche Rahmenhandlung: Die zwölf Jahre alte Dilan erfährt von ihrer Mutter, dass ihr Vater beschlossen hat, sie mit Cousin Ali zu verheiraten. Das Mädchen ist entsetzt - sie will spielen und nicht heiraten. Doch der Wunsch des Vaters ist Gesetz, dem sich - wider besseres Wissen - auch die Mütter unterwerfen, es sogar mittragen und weitergeben.
Der von der türkischen Schauspielerin und Regisseurin Emel Heinreich in Wien-Ottakring gegründete Kulturverein Cocon bemüht sich, mit den Mitteln des Theaters die Grenzen kultureller Zwänge aufzubrechen, selbstkritisch nachzudenken, durch Religionen und Traditionen zementierte Verhaltensweisen in Frage zu stellen. Heinreichs Herkunft, ihre Geschlechterrolle und ihr Widerstandsgeist legen es nahe, dass religiöse und patriarchale Traditionen ins Zentrum ihrer Theaterarbeit rücken, versinnbildlicht im Thema der Zwangsheirat.
Bereits im März des vergangenen Jahres führte sie in Ottakring, dem Wiener Bezirk mit der stärksten migrantischen, v.a. türkischen, Bevölkerung, in einem ehemaligen Fabriksgebäude das Stück "Hochzeit" auf, in dessen Mittelpunkt eine so genannte "arrangierte Heirat" stand. Es folgte dann im November am Yppenplatz im selben Viertel "Mein Leben mir selbst", wieder mit dem Thema Zwangsheirat.

"Wir wollen mit betroffenen Jugendlichen arbeiten, sie für das Thema sensibilisieren, ihnen auch eine Möglichkeit geben, über Traditionen zu diskutieren. Und zum zweiten wollen wir das Thema verstärkt an die Öffentlichkeit bringen", umreißt Emel Heinreich die Zielsetzungen ihrer Theaterarbeit. In diesem zweiten Stück wird verstärkt die Rolle der Frauen bei der Übermittlung und Weitergabe patriarchaler Unterdrückung thematisiert.
Die in Istanbul geborene Regisseurin erklärt sich dieses widersprüchliche Phänomen damit, dass schon in ganz jungen Jahren der Wille der Töchter gebrochen wird. Und so ist denn eine der Metaphern in "Mein Leben mir selbst" die der gebrochenen Flügel. Die meisten Frauen schaffen es dann nicht mehr, sich von dieser Verletzung zu erholen, sich der repressiven Tradition zu widersetzen.
Die drei Aufführungen am Yppenplatz waren ein voller Erfolg. Bei einer war auch der Theaterautor und Regisseur Felix Mitterer anwesend, dem das Stück derart gut gefiel, dass er die ganze Gruppe zu den von ihm mitbegründeten Volksschauspielen in Telfs, Tirol, einlud. Vorher aber ist die Produktion noch in Hubsi Kramars Dreiraum-Theater in Wien zu sehen.
red

Aufführungen:
25., 27. und 28. Juni, jeweils 20h, 3raum-anatomietheater, www.3raum.or.at
19., 20. und 21. August, jeweils 20h, Volksschauspiele Telfs, www.volksschauspiele.at

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