Memo Anjel: Das meschuggene Jahr

Von WeH ·

Aus dem Spanischen von Erich Hackl und Peter Schultze-Kraft. Rotpunktverlag, Zürich 2005, 194 Seiten, EUR 19,50

Der im deutschen Sprachraum noch unbekannte Autor wurde 1954 als Sohn einer sefardischen Familie in Medellín geboren, und in diesem Jahr und in dieser Stadt ist auch der Roman angesiedelt. Es ist die Geschichte einer vielköpfigen Familie, insgesamt zehn Personen, die in einer noch ziemlich heilen, intakten jüdischen Gemeinschaft lebt. Man fühlt sich zurückversetzt in die guten alten Zeiten, als die großen sefardischen Gemeinden im Mittelmeerraum ein reges geistiges, wirtschaftliches und soziales Leben entfalteten.
Der rote Faden, der sich durch die Handlung zieht, ist die Reise nach Jerusalem. Von den vielen Erzählungen am Familientisch (deshalb der Originaltitel: Mesa de judíos) und Berichten von BesucherInnen – es ist ein sehr gastfreundliches, offenes Haus – kennen alle die Stadt mit den goldenen Türmen bereits in- und auswendig; es fehlt nun nur noch die praktische Umsetzung der Reise, um die Echtheit der verinnerlichten Bilder zu bestätigen.
Doch aus finanziellen Gründen muss die große Expedition immer wieder verschoben werden.
Es ist nicht nur ein „meschuggenes“ – verrücktes – Jahr, dieses Jahr 1954, es ist auch eine ziemlich verrückte Familie, in die uns der Autor einführt. „Ein Häuflein Verrückter ohne klinischen Befund“, nennt der Protagonist der Geschichte, ein dreizehnjähriger Junge, der das Leben in seinem Elternhaus und in der jüdischen Gemeinde beobachtet und nacherzählt, einmal seine Familie. Die Welt der sefardischen Gemeinde ist beseelt von Geistern und Gnomen, unheimlichen Gespenstern und Hexen, es ist eine Welt, in der sich Legenden und Aberglaube ständig mit der Wirklichkeit mischen bzw. neue Wirklichkeiten erzeugen.
José Guillermo (Memo) Anjel erzählt die Geschichte des meschuggenen Jahres mit viel Humor, in kraftvollen, sinnlichen Bildern, die in der präzisen, makellosen Übersetzung gut übermittelt werden. Das Berichtsjahr des jungen Protagonisten endet schließlich mit einem unerwarteten Happy End – die Großfamilie bricht zur Reise nach Jerusalem auf …

Lesungen mit Memo Anjel am 4. (Wien) und 6.5. (Schlierbach, OÖ) (siehe Termine).

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