MigrantInnen auf der Bühne

Das Wiener Volkstheater beauftragte ein Theaterprojekt für 30 Menschen auf der Flucht: „Die Reise“. Auch Ute Bock spielt mit. Im September ist die Uraufführung.

Von Werner Hörtner

Das Volkstheater setzt den Fokus auf Brennpunkte sozialer und gesellschaftlicher Bedürfnisse“, umreißt Direktor Michael Schottenberg eine Hauptlinie des über 120-jährigen Schauspielhauses. Und entsprechend dieser Ausrichtung beauftragte er die deutsche, seit einigen Jahren in Wien lebende Regisseurin Jacqueline Kornmüller mit der Ausarbeitung eines Stückes über das Schicksal der MigrantInnen. Sie und Peter Wolf, der die Produktion leitet, kommen von der Gruppe „wenn es soweit ist“, die philosophisches und gesellschaftspolitisches Material mit seinen individuellen Besonderheiten untersucht.

„Flüchtlinge haben auf ihrer Odyssee oft alle Schrecken erlebt, die man sich nur ausdenken kann“, schreibt der Autor Gerhard Roth in seinem Buch „Die Stadt. Entdeckungen im Inneren von Wien“. „Ausländer sind nicht automatisch kriminell“, klärt Innenministerin Johanna Mikl-Leitner auf, „aber es braucht gewisse Grundregeln, sonst entsteht ein brutales Chaos.“

Begonnen hat das Theaterprojekt ganz zufällig. Jacqueline Kornmüller kehrte vor zwei Jahren nach Wien zurück und bezog eine Wohnung in der Großen Sperlgasse direkt gegenüber dem Büro von Ute Bock. „Wir haben uns zunächst gewundert, warum immer Trauben von Menschen vor dieser Tür stehen, denen es augenscheinlich nicht besonders gut geht“, erzählt die Regisseurin. Daraus entwickelte sich das Projekt. 285 Menschen kamen zu einem Casting im vergangenen Juni, mit jedem wurde an die 20 Minuten lang gesprochen. Ergeben hat sich unter anderem der Spiegel eines orientierungslosen, gefühlsarmen Europa.

Bei dem Stück werden 30 Personen aus 20 Nationen Geschichten ihrer Reise erzählen. Die Probearbeiten haben bereits begonnen. Ziel der Aufführung ist es, so Kornmüller, „das Verständnis gegenüber der Situation des Migranten und der Migrantin zu vertiefen, der öffentlichen Meinung einen neuen Erfahrungsschatz zu erschließen und bisherige Standpunkte neu zu definieren“.

Das Flüchtlingsprojekt von Ute Bock ist für viele AsylwerberInnen eine erste und wichtige Anlaufstelle für Hilfe jeglicher Art. Die Ikone eines anderen Österreich, mittlerweile preisgekrönt und in Filmen dargestellt, spielt in der Aufführung mit. Umgekehrt unterstützt das Stück die engagierte Flüchtlingshelferin: jeweils ein Euro des Kartenpreises fließt in Bocks Projekt.

Michael Schottenberg wünscht sich, dass möglichst viele Wienerinnen und Wiener den Stimmen der unfreiwilligen Reisenden Gehör schenken. Dem bleibt nur hinzuzufügen, dass nicht nur Busse aus der Wiener Herrengasse kommen sollen (dem Sitz des Innenministeriums), sondern auch aus dem weit entfernten Kärnten …

Premiere ist am 23. September; das Stück bleibt noch monatelang am Spielplan. Manchmal gibt es nach der Aufführung ein Publikumsgespräch.
Näheres auf www.volkstheater.at/home/spielplan und www.wennessoweitist.com

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