MIGRATION

Zwiespältige Signale
Von Christof Parnreiter ·

Menschen wandern, weil sie arm sind, weil sie keinen Job, kein Einkommen und keine Perspektiven haben. Das sagt uns der Hausverstand und regelmäßig veröffentlichte Umfragen. Die Suche nach Arbeit und der Wunsch nach höherem Einkommen sind jedoch völlig unzureichende Erklärungen für Migration.

Die Frage stellt sich nach kurzem Nachdenken: Wenn es vor allem Elend wäre, das Migrationen auslöst, warum wandern dann Hunderte Millionen völlig verarmter Menschen nicht aus Ländern der Dritten Welt aus? Warum ist die türkische Emigrationsrate doppelt so hoch wie jene von Bangladesch, dem „Armenhaus“ der Welt? Warum hatte Deutschland zwischen 1850 und 1900 eine dreizehnmal höhere Emigration als Frankreich? War es dreizehnmal so arm? Wenn allein Lohnunterschiede Migrationen verursachten, warum begannen TürkInnen in den frühen 1960er Jahren, ThailänderInnen aber erst in den späten 1980er Jahren die Verdienstmöglichkeiten in der BRD bzw. in Japan wahrzunehmen, obwohl die Lohnunterschiede auch schon zuvor riesig waren? Warum stammt die US-Einwanderung im wesentlichen aus einem Dutzend Ländern und nicht aus allen 137 Staaten, die die OECD als Entwicklungsländer zählt?
Differenzierende Forschung zeigt, dass Migration aus einer ganzen Reihe von unterschiedlichen Ursachen entsteht, ansteigt und auch wieder abnimmt. Und deshalb ist es schwierig bis unmöglich für eine Regierung, genau per Quote durchzusetzen, wie viele kommen dürfen und zu welchem Zweck, ob man nun 1.613 Computerexperten will oder vielleicht nur Tellerwäscherinnen für neun Wochen. In den meisten OECD-Ländern hat man den Zuzug für MigrantInnen in den letzten Jahren zwar gesetzlich erschwert, trotzdem hat die Immigration zugenommen und der ausländische Bevölkerungsanteil ist gewachsen.

Der amerikanische Migrationsforscher Douglas Massey kommt zu folgendem Schluss: Staaten mit (mehr oder weniger) demokratischen Strukturen müssen akzeptieren, dass eine effektive Zuwanderungskontrolle unrealistisch ist. Wenn Regierungen das Gegenteil behaupten, bedenken sie die drei Hauptgründe für die Zuwanderung nicht:
Erstens: Die Nachfrage nach und auch aktive Rekrutierung von (un)qualifizierten Arbeitskräften ist OECD-weit eine der wichtigsten Triebfedern der Immigration. Der Wiener Bauunternehmer, der einen billigen Hilfsarbeiter will, und die Tiroler Wirtin, die eine noch billigere Putzfrau sucht, werden jenseits von Quoten Mittel und Wege finden, zum gewünschten Personal zu kommen.
Zweitens: Menschen, die als Arbeitskräfte geholt werden, unterscheiden sich von anderen Importen (zum Beispiel Bananen) unter anderem dadurch, dass sie ein Eigenleben haben. MigrantInnen pflegen soziale Beziehungen. So entstehen Netze, die Ab- und Zuwanderungsorte miteinander verbinden, „Brücken“, über die Informationen und schließlich weitere – auch undokumentierte*) – Migration läuft.
Der Umstand, dass weder eine rigide Einwanderungspolitik noch verschärfte Grenzkontrollen zwischen den USA und Mexiko ihr Ziel, die undokumentierte Zuwanderung zu unterbinden, erreichen, hängt eben mit der Existenz transnationaler sozialer und ökonomischer Beziehungen zusammen. Ähnlich verhält es sich mit den Schengen-Außengrenzen.
Drittens: Dieselben Regierungen, die Zuwanderung unterbinden oder stark einschränken wollen, schaffen mit ihrer Politik des Freihandels und der Globalisierung Voraussetzungen für Migration.

Fazit: Migration ist nicht wie Wasser, das bei verschiedenen Niveaus automatisch zu fließen beginnt. Migrationen werden erzeugt, und zwar im wesentlichen durch die Nachfrage nach Arbeitskräften und die sozioökonomische Destabilisierung der Peripherien. Und Migrationen können, einmal in Gang gesetzt, auch nicht mehr wie ein Wasserhahn zugedreht werden.
Die wissenschaftliche Diskussion in den USA zeigt, dass an der Grenze weniger die Zahl der Zuwanderer reguliert wird, sondern ihr rechtlicher Status. Eine restriktive Einwanderungspolitik drängt mehr und mehr ImmigrantInnen in die Illegalität ab. Die Forschung geht davon aus, dass die Zahl undokumentierter MigrantInnen zumindest jener der dokumentierten entspricht.
Im Jahr 2000 lebten rund 175 Millionen Menschen legal außerhalb ihres Geburtslandes, was gegenüber 1965 eine Steigerung um 100 Millionen Menschen oder 133 Prozent bedeutet. Parallel zum Ansteigen internationaler Migration hat die Globalisierung unsere Welt in ökonomischer, politischer, sozialer und kultureller Hinsicht verändert. Das ist kein zufälliges Zusammentreffen. Migration ist ein Subsystem des Weltmarktes.
Auf eines sollte jedoch hingewiesen werden: Internationale Migrationen werden nicht nur durch den Bedarf an Arbeitskräften in Gang gesetzt, sondern auch durch ökologische Katastrophen und aus politischen Ursachen. Man denke nur an die Millionen Kriegsflüchtlinge und MigrantInnen in den 1990er Jahren aus dem ehemaligen Jugoslawien.
Doch ohne Zweifel ist die internationale Arbeitsteilung ein starker Motor der Migration: Erstens müssen immer mehr Menschen wandern, weil sie angesichts der Öffnung der Märkte und der nun globalen Konkurrenz in ihren Städten und Dörfern als ArbeiterInnen oder Bauern und Bäuerinnen kein Auskommen mehr finden.
Zweitens wird wie bereits erwähnt die Arbeitskraft der MigrantInnen immer häufiger nachgefragt: durch Auslagerung von Produktionsstätten in Billiglohnländer der Peripherie; auch in den Zentren der Weltwirtschaft selbst entsteht durch die Flexibilisierung und Informalisierung der Arbeitsmärkte ein neuer Bedarf an zugewanderter Arbeitskraft.
Drittens entsteht durch den weltweiten Transfer von Kapital und Gütern ein globaler Arbeitsmarkt für hochqualifizierte Arbeitskräfte.
Viertens hat die Verbreitung neuer Informationstechnologien wie das Internet und die Verbilligung des Transports zum Beispiel im Flugverkehr internationale Kontakte erleichtert.
Fünftens sind formelle wie informelle Netzwerke über die Kontinente hinweg gewachsen, deren Bedeutung für die Migration gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Ein Phänomen wurde lange Zeit auch von der Forschung kaum beachtet: Seit einigen Jahrzehnten ist bei allen Wanderungsformen und in allen Regionen eine kontinuierlich zunehmende „Feminisierung“ festzustellen. Rund jede zweite Person, die eine grenzüberschreitende Migration unternimmt, ist eine Frau, Tendenz steigend. Bemerkenswert ist dabei vor allem, dass der Anteil von Migrantinnen nicht primär dadurch bestimmt ist, dass Frauen und Kinder den Männern nachfolgen, sondern sie wandern zunehmend alleine. Sie suchen Einkommen als Arbeiterinnen in den Exportindustrien der Staaten des Südens oder etwa als Haushaltshilfen oder Sexarbeiterinnen in reichen Länder. Entsprechende Studien zeigen auf, dass betroffene Frauen mehrfach diskriminiert sind, als Frauen, als Migrantinnen und als Ausländerinnen.
Der allgemeine Anstieg der internationalen Migration sollte eines nicht vergessen lassen: Nach wie vor wandert nur ein Bruchteil der Weltbevölkerung. Selbst wenn man die undokumentierte Migration mitberücksichtigt, verlässt nur eine kleine Minderheit von cirka sechs Prozent ihr Geburtsland, um zu emigrieren. 94 Prozent der gesamten Weltbevölkerung hingegen leben nach wie vor in jenem Land, in dem sie auch geboren wurden. Internationale Migration ist also nach wie vor die Ausnahmestrategie und nicht das Regelverhalten zur Lösung existenzieller Probleme.

Warum aber wird dann so viel Augenmerk auf die internationale Wanderung gelegt? Eine Antwort lautet, dass die Auswirkungen erheblich größer sind als die geringen Prozentsätze dies andeuten. Für die Herkunftsländer kann der Wegzug bestimmter Bevölkerungsgruppen beträchtliche Konsequenzen in ökonomischer und sozialer Hinsicht haben. MigrantInnen kommen häufig konzentriert aus bestimmten Regionen, meist urbanen Räumen bzw. stark industrialisierten Gebieten, was eine gewisse soziale Destabilisierung nach sich ziehen kann. Es wandern meist die dynamischen und qualifizierten Personen, den Herkunftsgebieten wird ein „brain drain“ zugefügt. Es wandern nicht die Ärmsten, zu emigrieren kostet Geld.
In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, ob die Geldrückflüsse von MigrantInnen an ihre Familien eine Kompensation für den Ausfall der Arbeitskraft darstellen. Der tatsächliche ökonomische Impuls solcher Geldtransfers ist umstritten. Einige wenige Staaten des Südens verfügen allerdings über spezifische Konzepte zur Förderung des „Exports“ heimischer Arbeitskräfte, zum Beispiel die Philippinen, Sri Lanka, Bangladesch und Indonesien. Damit soll sich – neben den Geldtransfers – die Lage auf den heimischen Arbeitsmärkten entspannen, und man hofft, dass die im Ausland gewonnenen Qualifikationen später zu Hause genutzt werden. Viel Erfolg haben diese Konzepte nicht, weil die „offiziellen Türen“ der meisten Staaten des Nordens geschlossen sind.
Beträchtliche Auswirkungen kann die Migration für die Zielländer deshalb haben, weil sie sich auf relativ wenige Staaten konzentriert. So beherbergten sieben der wohlhabendsten Staaten der Welt – USA, Kanada, Japan, Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien – Anfang des 21. Jahrhunderts mehr als ein Drittel der gesamten internationalen MigrantInnen, hatten aber weniger als ein Achtel der Gesamtbevölkerung der Erde aufzuweisen. Die Zuwanderung nach Westeuropa war im vergangenen Jahrzehnt, abgesehen vom verstärkten Familiennachzug und der zunehmenden Zahl von Asylsuchenden auch aus entfernteren Ländern, vor allem durch das Ansteigen undokumentierter Migration geprägt.

Viele WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen sind sich darüber einig, dass die Zuwanderung von Menschen unterschiedlicher Herkunft in ökonomischer, demographischer und nicht zuletzt in kultureller Hinsicht positive Auswirkungen auf die Aufnahmegesellschaft hat. Man denke nur an die Funktion der „Gast“arbeiterInnen für das westeuropäische „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit. In den USA sind Branchen wie die kalifornische Landwirtschaft, die Fleischindustrie in Texas oder der Dienstleistungssektor im niedrig qualifiziert Bereich von (dokumentierten und undokumentierten) ImmigrantInnen regelrecht abhängig geworden. Ungelernte Arbeitskräfte, insbesondere frühere ImmigrantInnen, sind jedoch negativ betroffen, da sie die (Lohn-)Konkurrenz der Neuankömmlinge zu spüren bekommen.
Gerade der letztgenannte Punkt gehört zu den brisanten Fragen im Zusammenhang mit internationaler Migrations- und Fluchtbewegung. Allerdings wird die Neigung von PolitikerInnen und „einheimischer“ Bevölkerung immer größer, die Schuld an gesellschaftlichen Problemen den MigrantInnen in die Schuhe zu schieben. Auch in Österreich ist man mit raschen Erklärungen schnell bei der Hand, ob es um mangelnde Arbeitsplätze und ein Ansteigen der Arbeitslosenzahlen geht, ob um Kriminalität oder das schlechte Abschneiden unseres Landes im Rahmen der PISA-Studie.
Allerdings kann auch anders über Fragen der Integration diskutiert werden. Als Beispiele werden in diesem Zusammenhang immer wieder Kanada und Holland genannt, das leider jüngst eine radikale Kehrtwendung zu einer extrem restriktiven Politik vollzogen hat. Die volle wirtschaftliche, soziale und politische Gleichstellung der zugewanderten Wohnbevölkerung und deren Schutz gegen Diskriminierung scheint jedoch die zukunftsträchtigere Richtung zu sein, denn eines zeigen die Zahlen und Trends deutlich: Grenzüberschreitende Wanderungen werden auch Phänomene der kommenden Jahrzehnte sein. l


*) Im angelsächsischen Sprachraum werden von vielen AutorInnen die Begriffe „un- oder nicht-dokumentierte“ Migration verwendet, weil die Zuwanderer ohne gültige Papiere und deshalb nicht dokumentiert einreisen. Im deutschsprachigen Raum herrscht zumeist noch der denunziatorische Begriff „illegale“ Migration vor.



Diesem Artikel liegt unter anderem folgender Beitrag zugrunde:
„Herausforderung Migration“, Gerald Hödl, Karl Husa, Christof Parnreiter, Irene Stacher, in:
„Internationale Migration“, Heft 4/2004 der Historischen Sozialkunde, Hrsg. Verein für Geschichte und Sozialkunde, Bestellungen per E-Mail: vgs.wirtschaftsgeschichte@univie.ac.at


Zum Weiterlesen

„Internationale Migration“. Die Globale Herausforderung des 21. Jhd., Karl Husa, Christof Parnreiter, Irene Stacher (Hrsg.), HSK 17, Brandes & Apsel / Südwind, Wien 2000, 312 Seiten, Euro 20,50

„Grenzen weltweit“. Zonen, Linien, Mauern im historischen Vergleich, Joachim Becker, Andrea
Komlosy (Hrsg.), HSK 23, Promedia / Südwind, Wien 2004, 234 Seiten, Euro 21,90

„Österreichischer Migrations- und Integrationsbericht“, Heinz Fassmann, Irene Stacher (Hrsg.),
Drava Verlag, Klagenfurt/Celovec 2003, 447 Seiten, Euro 29,50.

Christof Parnreiter ist Mitarbeiter am Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

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