Missing Link

Das Südwind-Magazin lud zur öffentlichen Diskussion zum Thema „gutes Leben“ und stieß auf enorme Resonanz. Was ist dran an diesem boomendem Konzept?

Von Irmgard Kirchner

Immer mehr Menschen und Organisationen stellen (sich) hierzulande öffentlich die Frage, was ein „gutes Leben“ ausmacht. Auch wenn es dabei nicht das eine Konzept des „guten Lebens“ gibt, so wird doch ein neuer Ansatz deutlich, wie sozialer Fortschritt oder Entwicklung gedacht werden. Immaterielle Werte und subjektive psychische Zufriedenheit spielen eine große Rolle. Es geht um gute Beziehungen: der Menschen untereinander, zur umgebenden Natur und auch zu sich selbst. Und dafür braucht es als ersten Schritt ein neues Denken, ein Bewusstwerden und eine Neubewertung, damit der Mensch sein Potenzial voll ausschöpfen kann. Postmodernes Biedermeier? Vor 20 Jahren wären derartige Diskussionen von gestandenen Materialisten oder Marxisten vermutlich im Keim erstickt worden.

Spiritualität wird politisch salonfähig. Und das bedeutet für die emanzipatorische Praxis nicht unbedingt Schlechtes. Im Gegenteil. In Zeiten der gefühlten Krise wird über die richtigen, weil wirklich wichtigen Fragen gesprochen.

Der Diskurs über das „gute Leben“ hat das Potenzial, einer der spannendsten politischen Ansätze seit Jahrzehnten zu werden. Dabei kommen wesentliche Impulse für die Diskussion des „guten Lebens“ aus armen Ländern des Südens, wie Bhutan, Bolivien und Ecuador (siehe auch Thema in der Ausgabe 1-2/2011 des Südwind-Magazins). Damit ist das Konzept über den Verdacht erhaben, ein Wohlstandsproblem anzusprechen, entstanden aus der Einsicht, dass materieller Reichtum allein auch nicht glücklich macht. Das Konzept des „gutes Lebens“ ist weltweit gültig, jenseits von Überfluss und Mangel. Es erzeugt globale Solidarität, weil sich Menschen in ihrem Streben nach dem „guten Leben“ und in ihren Grundbedürfnissen gleichen.

Jede(r) Einzelne ist Experte fürs „gute Leben“. Das Nachdenken darüber macht Mut und fördert die Emanzipation. Die Suche nach dem „guten Leben“ ist das Missing Link zwischen Theorie und Praxis, das jeden von uns zum politischen Handeln motivieren kann. Altbekanntes, scheinbar Unveränderliches, zeigt sich plötzlich aus neuer Perspektive. Es wird einfach und selbstverständlich, die Gestaltung der Lebensverhältnisse in die eigene Hand zu nehmen.

Das Konzept des „guten Lebens“ macht einen Ausgleich denkbar: Zwischen armen Ländern, die entscheiden müssen, was und wovon sie mehr brauchen und in welche Richtung die Entwicklungsanstrengungen gebündelt werden sollen. Und reichen Ländern, die sich fragen, was können wir weglassen, worauf können wir verzichten?

Und nicht unwesentlich: Das Konzept des „guten Lebens“ ist zukunftsfähig. Nicht nur, weil es gute Beziehungen zur Natur beinhaltet. Es bereitet uns auch darauf vor, unseren Ressourcen verschwendenden Lebensstil radikal zu verändern. „Gutes Leben“ heißt, dass diese Veränderung nicht als Verlust oder Verzicht erlebt wird, sondern als Tausch: ein Weniger an materiellem Umsatz für ein Mehr an sozialem Umsatz. Es gibt (auch) ein „gutes Leben“ jenseits des Kapitalismus.

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