Mission Bewusstseinswandel

40 Jahre Südwind-Magazin: Zeitreise nach 1979, und ein Blick in die Zukunft.  Auf der Suche nach globaler Gerechtigkeit.

Von Richard Solder

Frühling lag in der Luft, am Wiener Ballhausplatz, und im Campus der Uni Wien. Den Samstag, 18. Mai 2019, werden viele ÖsterreicherInnen nicht so schnell vergessen. Die FPÖ stolperte über das sogenannte Ibiza-Video, die rechte schwarzblaue Regierung von Sebastian Kurz war bald darauf Geschichte.

Durch das progressive Lager ging ein Ruck. Leute zogen vors Bundeskanzleramt, forderten Neuwahlen nach eineinhalb Jahren einer Politik im Zeichen von Sozialabbau und Ausländerfeindlichkeit.

Im Campus im neunten Wiener Gemeindebezirk wurde aber vordergründig  etwas anderes gefeiert: 40 Jahre Südwind. Das jährlich stattfindende Südwind Straßenfest stand im Zeichen des runden Geburtstages der NGO, die seit Anbeginn auch eine Zeitschrift herausgibt. Anfangs hieß diese Entwicklungspolitische Nachrichten (EPN), ab 1991 Südwind-Magazin.

„Die Gründung 1979 war mit einer Aufbruchsbewegung verbunden. Wir hatten damals das Gefühl, wir können die Welt verändern“, so Martin Jäggle. Der heutige Herausgebervertreter des Südwind-Magazins, diese Funktion teilt er sich mit Brigitte Pilz und Erhard Stackl, war von Anfang an dabei. Es war die Zeit, in der viele NGOs gegründet wurden, die Gesellschaft geprägt war von der 68er-Bewegung. Solidaritäts-Initiativen mit der „Dritten Welt“ entstanden – entwicklungspolitische Information musste her! 

Dass es dafür auch 2019 noch Nachfrage gibt, zeigte das diesjährigen Straßenfest: Obwohl in diesen Stunden Österreich internationale Schlagzeilen machte, drehte sich für die Menschen das Fest vor allem um den globalen Süden. Einmal Solidarität, immer Solidarität.

ÖIE, EPN, FSLN. Die Organisation Südwind, die bis heute das Magazin verlegt, hieß 1979 ÖIE: Österreichischer Informationsdienst für Entwicklungspolitik. „Aufgabe ist es, die österreichische Bevölkerung möglichst umfassend über entwicklungspolitisches Geschehen und Vorgänge zu informieren, um dadurch einen Bewusstseinswandel herbeizuführen“, heißt es in einem der Ur-Konzepte, die auf mittlerweile vergilbtem Papier und mit der Schreibmaschine verfasst wurden.

Neben Kampagnen und Bildungsarbeit war es Ziel, das mit den EPN zu erreichen: „Die Zeitschrift sollte leicht lesbar, allgemein verständlich, abwechslungsreich und lebendig im Stil“ sein, schreibt ein anderes Papier aus anno dazumal fest.

Der Anfang des ÖIE war holprig, es herrschte Unsicherheit über die Finanzierung. Die Vorgänger-Organisation, der Jugendrat für Entwicklungshilfe, war aufgelöst worden. Und es gab erfolglose Sitzungen: „Bei dem Treffen des Arbeitskreises ,Entwicklungspolitischer Informationsdienst‘ … wurde über die zukünftige Arbeit … diskutiert. Da viele Mitglieder ... nicht in Wien weilten, wurden keine Beschlüsse gefasst“, stellte Werner Hörtner im Protokoll nüchtern fest. Hörtner sollte über Jahrzehnte wichtiger Redakteur des Südwind-Magazins bleiben, er ging 2013 in Pension, verstarb 2015 und wird von allen WeggefährtInnen in liebevoller Erinnerung gehalten.

Trotz Anfangsschwierigkeiten kamen noch viele Beschlüsse, Protokolle und vor allem Magazin-Ausgaben. Laut Richard Langthaler, Redakteur der Anfangszeit, basierte viel auf freiwilligem Engagement: „Der ÖIE sollte basisdemokratisch organisiert sein, ehrenamtliche Arbeitsgruppen sollten die Organisation tragen – unterstützt von angestellten Bürokräften“, so Langthaler. „Schnell übernahmen jedoch die angestellten Personen die Initiative, die ,Professionalisierung‘ setzte ein, und die Arbeitsgruppen entschliefen.“ Langthaler erinnert sich schmunzelnd zurück, an jene Zeiten, in denen die Zeitschriften im Haus geschrieben, auf einer uralten Maschine gedruckt, dann händisch von allen zusammengelegt und anschließend geleimt wurden.

Die Null-Nummer kam im September 1979 heraus und berichtete u.a. über „Die Lage in Nikaragua (sic!)“, also die sandinistische Revolution der Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN), die auch in der aktuellen Ausgabe Thema ist (vgl. Seite 8).

Keine Vereinszeitung. Die ersten Jahre waren die EPN für die entwicklungspolitische Szene da. Schritt für Schritt, weil stets auf hohe Qualität bedacht, ging das Medium auf weitere Zielgruppen zu. Neben den bereits genannten Köpfen prägten etwa Stefan Schennach, heute SPÖ-Politiker, sowie später die langjährige Chefredakteurin Irmgard Kirchner diese Entwicklung. Rupert Helm führte lange als Verlagsleiter die kaufmännischen Geschicke des Magazins.

Die größte Herausforderung sei gewesen, „unabhängig zu bleiben, hohen journalistischen Anspruch zu verfolgen“, so Kirchner, die das Südwind-Magazin von 1997 bis 2016 leitete und diesen April in Ruhestand ging. Es gab über die Jahre viele Ansprüche an das Südwind-Magazin, vom Verleger Südwind, aus der NGO-Szene und vom Fördergeber – das Projekt wurde von Anfang an aus dem Mitteln der staatlichen EZA gefördert.

Kirchner war in einer bis heute männerdominierten Branche als Chefredakteurin eine Pionierin: „Mir war im Team Diversität wichtig“, erklärt sie. „Wenn die männliche Perspektive bereits vorhanden war, sind meine Personalentscheidungen zugunsten von Frauen ausgefallen.“

Auch jene, die ihren beruflichen Weg woanders weitergingen, profitierten oftmals von ihrer Zeit beim Südwind-Magazin. Kirchner: „Ich habe es immer auch als Aufgabe gesehen, ‚Nachwuchs‘ für unsere Themen aufzubauen.“

Kirchner selbst wird künftig als freischaffende Journalistin Beiträge für das Südwind-Magazin verfassen, für sie rückte mit April Christine Tragler ins Team, das heute  aus Christina Schröder, Richard Solder und Regina Webhofer besteht.

Netzwerk. Für die Berichterstattung werden seit jeher freischaffende JournalistInnen herangezogen. Ohne dieses Netzwerk von aktuell rund 100 KorrespondentInnen und freien AutorInnen wäre der Journalismus á la Südwind nicht möglich. Journalistische Kapazunder wie Sybille Hamann, Karim El-Gawhary, Ed Moschitz oder Gudrun Harrer schrieben etwa in ihrer Anfangszeit für das Südwind-Magazin. Falter-Gründer Armin Thurnher setzte anno 1980 als Zivildiener beim Südwind-Magazin das erste farbige Cover durch.

Das Südwind-Magazin war stets ein offenes Projekt, man kann nur auszugsweise jene nennen, die Teil des bisherigen Weges waren. Einige landeten in Politik und Wissenschaft, wie der Menschenrechtsexperte Manfred Nowak. 1989 wurde die spätere Grünen-Spitzenpolitikerin Ulrike Lunacek Redakteurin des Südwind-Magazins. Die Schriftsteller Erich Hackl und Karl-Markus Gauß gehörten zu den KolumnistInnen. Internationale Persönlichkeiten wie die indische Aktivistin und „Radikalökologin“ Vandana Shiva oder der heutige Präsident Boliviens, Evo Morales, wurden zuerst im Südwind-Magazin interviewt, bevor sie andere heimische Medien entdeckten.

Breite Basis. Speziell an der Organisation Südwind war von Anfang an, dass sie von einer breiten Basis getragen wurde: Schnell ging der ÖIE in die Bundesländer, es entstanden Regionalvereine.

Zu den InitiatorInnen zählten zudem sowohl VertreterInnen der SozialdemokratInnen, der Friedensgruppen als auch der kirchlichen Seite, die Junge Volkspartei (JVP), mit der heutigen Organisation gleichen Namens nicht zu vergleichen, gehörte von Beginn an dazu. Südwind war allerdings immer (partei-)unabhängig. 

Diese Stützen halfen sehr bei einer Krise 1988/89. Damals, unter der Regierung Vranitzky-Mock, so Herausgebervertreter Jäggle,  „wollte ein ÖVP-Hardliner im Außenministerium von Alois Mock den ganzen ÖIE domestizieren“. Von öffentlicher Seite gefördert wurde die Organisation seit 1979. Aber was unter Bundeskanzler Bruno Kreisky Normalzustand war, wurde in der finalen Phase des Kalten Krieges von manchen im Außenministerium angezweifelt: diese Revoluzzer mit ihrer Basisdemokratie und Kampagnen für faire Arbeitsbedingungen weltweit wurden als „Agent Moskaus“ gesehen. Der Angriff ging nach hinten los.

Jäggle erinnert sich noch gut an die Solidaritätswelle, inklusive groß angelegten Protestaktionen. Der ÖIE und seine EPN blieben und wurden 1991 in Südwind(-Magazin) umbenannt.

Die UnterstützerInnen auf christlich-konservativer Seite wurden in weiterer Folge weniger. „Die ÖVP, die sich immer auch mit Entwicklungspolitik beschäftigt hat, rückte nach rechts“, so Jäggle, selbst katholischer Theologe. 

LeserInnen-Magazin. „Südwind begleitet mich den größten Teil meines Lebens und irgendwie zähle ich mich auch zur ‚Südwind-Gemeinschaft‘“, schrieb uns vor kurzem die Abonnentin Maria Schwarzbauer aus Schönberg (OÖ). Die LeserInnen waren es denn auch, die das Südwind-Magazin 2016/2017 retteten. Solidaritäts-Abos sowie Neu-AbonnentInnen verhinderten das Ende der Zeitschrift, nachdem kurzfristig die öffentliche Förderung gestoppt worden war.

„Was uns wichtig ist, das nehmen wir selbst in die Hand“, betont Katharina Kistenich aus Villach, Jahrgang 1935 und seit 1990 Abonnentin. Irgendjemand habe ihr ein Südwind-Magazin in die Hand gedrückt, es hat ihr gefallen – und es gefällt ihr bis heute.

Für sie war es klar, dass man aktiv werden muss, als der Förderstopp seitens der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit bekannt wurde. „Ich finde es sehr traurig, dass die damalige Regierung dem Südwind-Magazin die Förderung gestrichen hat. Das ist einer Demokratie nicht würdig“, sagt sie.

Neo-Abonnentin Kristina Wrohlich aus Wien entschied sich aus Solidarität für ein Abo, und ist mittlerweile überzeugt: „Die Artikel punkten mit Tiefgang und Vor-Ort-Perspektive.“

Auch Norbert Schmidthaler aus Losenstein (OÖ), Leser der ersten Stunde, vertieft sich noch gerne in die Ausgaben: „Im Wesentlichen ist das Südwind-Magazin seinen Idealen treu geblieben“, sagt er. Dabei schätzt Schmidthaler nicht zuletzt „die Beleuchtung aus verschiedenen Sichten“.

Das Südwind-Magazin hat er gleich 1979 als EPN kennengelernt. Und er ergänzt: „Ich glaube, dass es das Südwind-Magazin auch in 40 Jahren noch geben wird.“

Genau das hofft auch das Team. Wir freuen uns darauf, viele spannende Südwind-Magazine zu gestalten und zahlreiche bunte Südwind Straßenfeste zu erleben, bei denen wir mit unseren UnterstützerInnen und LeserInnen Aufbrüche und Erfolge feiern können.        

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