Mit angezogener Handbremse

Mehr als eine halbe Million Selbständige, Annäherung an die USA: Kuba öffnet sich. Doch abseits der Schlagzeilen kommen die Reformen nur im Schneckentempo voran, berichtet Knut Henkel aus Havanna.

Seit 2014 dürfen KubanerInnen wieder Neuwägen kaufen, leisten können sich das allerdings nur wenige.© Knut Henkel

Yaciel Navarro geht die Listen mit den Produkten durch, die gerade zum Verkaufsstand der Genossenschaft „UBPC Organopónico Vivero Alamar“ transportiert wurden. 238 Salatköpfe, 25 Bund Petersilie, 20 Bund Koriander, 118 Bund Lauchzwiebeln, murmelt er vor sich hin. Der 26-Jährige mit der auffälligen dicken Goldkette, der sorgsam frisierten Haartolle und dem markanten Kinnbart ist für den Nachschub am Verkaufstresen verantwortlich. Dort stehen die KundInnen Schlange. Die rund 160 MitarbeiterInnen der Produktionsgenossenschaft aus Alamar bauen Gemüse, Kräuter, Salat und Co. direkt vor Ort im Stadtgarten an.

„Wir bewirtschaften rund zehn Hektar, sind eine Agrar-Genossenschaft mitten in Alamar und produzierten beachtliche Mengen“, erklärt Navarro und macht ein Häkchen hinter dem letzten Posten auf der Liste. Seit acht Jahren arbeitet der junge Mann in der Genossenschaft auf der anderen Seite der Bucht von Havanna. Hochhäuser und bunt angemalte Plattenbauten dominieren das Ambiente rund um den Parque Hanoi, und Navarro lebt wie fast alle Mitglieder der Genossenschaft in einem der angrenzenden Häuser. Morgens um sechs Uhr steht er bereits auf den Feldern der Kooperative.

Das ist ungewöhnlich für einen jungen Mann in Kuba, denn die Arbeit in der Landwirtschaft ist im Allgemeinen verpönt. „Ich arbeite hier, weil die Bezahlung gut ist und es in Alamar kaum vernünftige Jobs gibt“, sagt Navarro, der nach der Matura schlicht nicht weiter wusste. Schließlich hat er seinen Nachbarn Miguel Salcines, den Präsidenten der Genossenschaft, gefragt, ob es nicht etwas für ihn auf dem Vivero Alamar gebe. Acht Jahre später ist er immer noch da, wenn auch alles andere als zufrieden damit, wie die Dinge in Kuba laufen. „Für die Jugend wird viel zu wenig gemacht, attraktive Jobs sind Mangelware und deshalb gibt es nach wie vor viel Abwanderung“, erklärt der 26-Jährige und zuckt ratlos mit den Schultern.

Ins Stocken geraten. Trotz der Reformen der letzten Jahre, die die Regierung von Raul Castro initiiert hat, wächst die Wirtschaft der Insel alles andere als dynamisch. Durchschnittlich zwei Prozent waren es, nur 2015 gab es einen Ausreißer nach oben, weil die Touristenzahlen um rund 18 Prozent zunahmen, erklärt Omar Everleny Pérez Villanueva, Ökonom des Studienzentrums der kubanischen Wirtschaft (CEEC). Der 56-Jährige gehört zu den SpezialistInnen, die seit Jahren für weitere Reformen eintreten und die Umsetzung längst angekündigter Maßnahmen wie die Währungsreform oder die Einführung von Großmärkten für Produktionsmaterialien und Gastronomiebedarf einmahnen. Doch die Regierung tut sich schwer. „Nur zwanzig Prozent der 2011 auf dem Kongress der kommunistischen Partei Kubas (PCC) vereinbarten Maßnahmen sind umgesetzt worden. Die Reformen sind steckengeblieben“, urteilt der Ökonom. Das ist in der allgemeinen Euphorie um den Besuch von US-Präsident Barack Obama und in Folge des Tourismusbooms ein wenig untergegangen. Wie es weitergeht, ist die zentrale Frage vor dem Parteitag der PCC, der am 16. April beginnt.

Optimistisch sind längst nicht alle KubanerInnen, denn an den Lebensbedingungen auf der Insel hat sich wenig geändert. „Lohnerhöhungen, einen steigenden Lebensstandard und ökonomische Perspektiven gibt es nur für wenige“, umreißt Pérez Villanueva das Grundproblem.

Wenig Perspektiven. Das liegt auch daran, dass der Privatsektor mit offiziell rund 500.000 Selbständigen, den „Trabajadores de Cuenta Propia“, auf 178 Berufe beschränkt ist. „Es fehlt an Optionen für die Besserqualifizierten in den Bereichen Recht, Management, Gesundheit und Technik“, kritisiert Pérez Villanueva. Ein Grund, weshalb in Havanna AtomphysikerInnen, PolitikwissenschafterInnen oder BiochemikerInnen lieber Taxi fahren als ihr Wissen an den Universitäten weiterzugeben. Ein Problem, welches das Niveau im Bildungssystem der Insel hat sinken lassen, wie SoziologInnen wie Mayra Espinosa konstatieren. Auch das Gesundheitssystem, ein weiterer Eckpfeiler der kubanischen Revolution, ist davon betroffen, wenngleich weniger stark, wie die erfolgreiche Kampagne gegen die Verbreitung von Zika-, Chikungunya- und Denguefieber zeigt.

Dynamik zeigen neben dem Tourismus aber nur wenige Sektoren der kubanischen Wirtschaft, und die Landwirtschaft gehört nur punktuell dazu. Neben den Biofarmen, wovon einige Honig, Zitrusfrüchte und Kakao nach Europa exportieren, sind es vor allem die Tabakfarmen, die gut laufen, so der Agrarexperte Alberto Bahamonde, der für das Nürnberger Bio-Zertifizierungsunternehmen BCS arbeitet. Trotzdem haben erfolgreiche Gastronomen wie Carlos Cristóbal Márquez kaum Probleme, Nachschub für ihre Küche heranzuschaffen. Das liegt an ihren guten Kontakten zu den Bäuerinnen und Bauern, aber auch an den höheren Preisen, die für gute Produkte bezahlt werden, so der stämmige Restaurantbesitzer. In seinem Lokal im Stadtteil Centro Habana hat kürzlich erst Barack Obama Platz genommen.

Kubanischer Selfmade-Man. Paladeres werden in Kuba die Privatrestaurants genannt, die manchmal von AusländerInnen, aber meist von Einheimischen betrieben werden. Carlos Cristóbal Márquez ist ein typischer kubanischer Selfmade-Man. Der gelernte Koch hat jahrelang im Ausland am Herd gestanden. Als 2010 jedoch mehr Privatinitiative erlaubt wurde, kehrte er nach Kuba zurück, investierte seine Ersparnisse in das Elternhaus und wandelte es zum Paladar um. Das hat sich ausgezahlt, denn Márquez ist derzeit der Star am kubanischen Kochhimmel. Gleichwohl sähe auch er es gern, wenn er nicht nach wie vor Mehl, Getränke und Co. im nächsten Supermarkt kaufen müsste, sondern beim Großmarkt vorbeifahren könnte. Großmärkte sind bisher weitgehend unbekannt. Immerhin gibt es ein positives Experiment auf Kubas Nebeninsel, der Insel der Jugend. Dort wurde ein Großmarkt für Agrarprodukte eingeführt, und daraufhin stieg die Produktion von Lebensmitteln um bis zu 150 Prozent. Wann allerdings die Maßnahme auf die Hauptinsel übertragen wird, steht in den Sternen, erklärt CEEC-Ökonom Pérez Villanueva. Und selbst er weiß nicht, ob die Landwirtschaft auf dem Parteitag ein großes Thema sein wird. Die daraus resultierende Unsicherheit und Perspektivlosigkeit macht vor allem der jüngeren Generation zu schaffen. Yaciel Navarro hat schon mehrfach ans Auswandern gedacht. Bisher hat ihn die Tatsache, dass er im Vivero Alamar deutlich besser verdient als woanders, zurückgehalten. Doch echte Perspektiven sehen anders aus. n

Knut Henkel ist Politikwissenschaftler und freiberuflicher Journalist mit Schwerpunkt Entwicklungspolitik.

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