Mit Bio gegen Landraub

Anstatt ländliche Armut zu verringern, fördert die Agrarreform Landraub durch Großkonzerne und Investoren. Eine philippinische Aktivistin will das verhindern. Mit Erfolg.

Von Marina Wetzlmaier
Einer der lokalen Bioläden, die von der Kooperative geführt werden. Links im grünen Pulli Betsy.

Auf den Philippinen sind Spitznamen üblicher als die Verwendung des richtigen Namens. Daher wird auch Maria Helenita Ruizo-Gamela von allen einfach „Betsy“ genannt. Die Fünfzigjährige hat ambitionierte Ziele: Sie will Vorbild für die gesamte Biobewegung ihres Landes sein, Landraub verhindern – und sagt gleichzeitig den Agrarkonzernen den Kampf an. Das alles, um schließlich den Kleinbäuerinnen und -bauern aus der Armut zu helfen. Ziele, die kaum realisierbar klingen. Doch Betsy ist entschlossen, sich mit Mut und Kreativität der Herausforderung zu stellen. Mit Erfolg.

1988 gründete Betsy die Don Bosco Foundation for Sustainable Development (DBFSDI) auf der Insel Mindanao im Süden der Philippinen. 3.200 Kleinbauernfamilien beteiligen sich an einem Projekt, das auf biologisch-dynamischer Landwirtschaft aufbaut. Laut Betsy liegt in dieser speziellen Anbaumethode die Lösung für das Problem ländlicher Armut. 1924 wurde die Lehre der biodynamischen Landwirtschaft vom österreichischen Philosophen Rudolf Steiner begründet. Es handelt sich um eine ganzheitliche Lehre über das Verhältnis zwischen Mensch und Kosmos. Landwirtschaft wird als Organismus verstanden. Spezielle Methoden, natürliche Präparate und Düngemittel sollen den Boden regenerieren und fruchtbar halten.

Betsy war während ihres Philosophie-Studiums auf ein Buch Steiners, des Begründers der Anthroposophie, gestoßen. „Ich wurde neugierig und habe begonnen, auf unserem eigenen Hof mit der Methode zu experimentieren“, sagt Betsy. Ihre Eltern bauten vorwiegend Kaffee und Kautschuk an, ertragreiche Produkte. Deswegen sei es ihr möglich gewesen, auf die Universität zu gehen. „Die Landwirtschaft sicherte meine Ausbildung.“ Von den Ergebnissen des biodynamischen Anbaus überzeugt, entschied sie sich, ein eigenes Projekt aufzubauen.

Dass es ein kleinbäuerliches Projekt wurde, ergab sich aber erst im Laufe der Zeit. „Wir hatten gar nicht geplant, mit den Kleinbauern zusammenzuarbeiten“, sagt Betsy. Ihre Zielgruppe waren zunächst Jugendliche aus den umliegenden Dörfern. Sie legten Modellfarmen an, auf denen sie kleine Parzellen bepflanzten. „Im Nachhinein betrachtet war es eine verrückte Idee, die Erwachsenen nicht zu berücksichtigen.“ Denn das, was sie lernten, konnten die Jugendlichen nicht weitergeben. In ihren Familien nahm sie niemand ernst. „Jugendliche gelten am Land bloß als billige Arbeitskräfte.“ Einige der Erwachsenen wurden sogar neidisch, weil sie selbst nicht eingebunden waren.
Mittlerweile entwickelte sich aus dem Jugendprojekt eine erfolgreiche Kooperative, die ihre Produkte in eigenen Bio-Läden verkauft. Der Vertrieb ist ein wichtiger Teil des Projekts. Eine neue Anbaumethode reiche nicht, um Armut zu bekämpfen, sagt die autodidaktische Agrarexpertin. Die Bäuerinnen und Bauern müssen den gesamten Produktzyklus kontrollieren. „From seeds to shelves“, vom Saatgut ins Regal, lautet daher das Motto. „Nur wenn wir die Produzentinnen und Produzenten mit dem Markt vernetzen, können sie sich langfristig erhalten.“ Die Kooperative sei bereits landesweit führend in der Bioreis-Industrie. „Wir sind der größte Produzent und Vertreiber.“ Später möchte sie eventuell ins Ausland expandieren, nach Europa zum Beispiel. Derzeit kämpft sie aber noch mit Hürden im eigenen Land. „Die Regierung unterstützt den Vertrieb nicht“, kritisiert Betsy. Das staatliche Landreform-Programm konzentriere sich nur auf die Produktion, was ein großer Fehler sei.

Seit über zwanzig Jahren wird die Landreform auf den Philippinen kontrovers diskutiert. Noch immer ist die Landwirtschaft von einem Feudalsystem geprägt; eine Umverteilung des Bodens wäre daher dringend notwendig. Großgrundbesitzer, die selbst politische Funktionen bekleiden, verhindern dies aber. Zahlreiche Gesetzeslücken und Klauseln erlauben es ihnen, die Landreform zu umgehen. Auch vor Gewalt schrecken sie nicht zurück, angefangen von Drohungen bis hin zur Ermordung von Bauernführern durch angeheuerte Killer. Hinzu kommt, dass es den Behörden an Budget fehlt und teilweise am Willen, die Reform überhaupt umzusetzen. Verteilt die Regierung schließlich Land, stellt sie oft keine Unterstützungsmaßnahmen zur Verfügung, obwohl sie per Gesetz vorgesehen sind. Ohne finanzielle und technologische Unterstützung können sie ihre Parzellen nicht produktiv bewirtschaften. Am Ende lande der Bodenbesitz wieder in den Händen derer, die Geld haben: Großgrundbesitzer und Agrarkonzerne. Oder bei Investoren, die damit spekulieren.

So ging es vielen Bäuerinnen und Bauern auf Mindanao, mit denen Betsy zusammenarbeitet. Sie zieht den Schluss: „Die Landreform ist gescheitert. Nun müssen wir die Schäden reparieren.“

Damit die Bauernschaft ihr Land nicht verliert, kauft die Don Bosco-Stiftung sie von ihren Schulden frei. Im Grunde funktioniert Betsys Strategie ähnlich wie jene der Großkonzerne: Sie pachtet das Land der Bäuerinnen und Bauern. Der große Unterschied: Betsy bietet den doppelten Pachtzins, und die Bauern kontrollieren weiterhin die Produktion. Ihr Modell stellt somit eine Strategie gegen Landraub dar. Im nächsten Schritt führt ihre Organisation die biodynamische Landwirtschaft ein. „Während die Großkonzerne den Boden durch Chemikalien auslaugen, regenerieren wir ihn durch die Umstellung der Anbaumethode“, erklärt Betsy.

Für sie gibt es keine Alternative: „Erfolgreiche Landwirtschaft muss biologisch sein.“ Ginge es nach ihr, sollte das auch im Landreform-Gesetz stehen. Denn wird Land umverteilt, aber weiterhin mit Spritzmitteln und Pestiziden bearbeitet, sinkt auf Dauer die Produktivität. Für die Bauernschaft verursache das wieder höhere Produktionskosten. „Es ist ein Teufelskreis.“ Die Zukunft nachhaltiger Landwirtschaft liege bei den Kleinbäuerinnen und -bauern. Mit den Lebensmitteln der kommerziellen Betriebe ernte man gleichzeitig Krankheiten. Sie machen zwar satt, seien aber nicht nahrhaft. Wolle man wirklich von Nachhaltigkeit sprechen, sei nicht die Quantität, sondern auch die Qualität der Produkte wichtig.

Die Umstellung auf den biodynamischen Anbau hat mehr Vorteile als bloß einen besseren Boden. Sie sorgt auch für Ernährungssouveränität der Bauern, da sie den Anbau verschiedener Produkte vorsieht. Die Bauern können sich selbst versorgen und sind weniger vom Marktpreis abhängig.

Auch wenn das Projekt heute gut läuft, waren die Anfänge schwer. Es galt vor allem, die Bäuerinnen und Bauern von der biodynamischen Landwirtschaft zu überzeugen: „Natürlich waren sie skeptisch. Ihre Ernährungssicherheit stand auf dem Spiel“, sagt Betsy. „Wir mussten ihnen zuerst zeigen, dass unser Projekt funktionierte. Sie mussten Erfolge sehen.“ Als die ersten DorfbewohnerInnen es wagten, zu experimentieren, und tatsächlich bessere Ernten einfuhren, wurden andere neidisch und schließlich neugierig. Das war der Durchbruch. Zunächst beteiligten sich Kleinbauern mit Grundstücken von einem halben bis zu einem Hektar am Projekt. Später gingen auch jene mit größeren Parzellen bis etwa 15 Hektar zur biodynamischen Landwirtschaft über.

Die Stiftung bietet Workshops für die DorfbewohnerInnen an und auch eine Ausbildung in eigenen Landwirtschaftsschulen. Betsy wehrt sich aber dagegen zu behaupten, sie würde die Menschen belehren. „Der Prozess ist partizipativ“, betont sie. „Wir sind keine Experten, aber die Bauern haben genug Expertise. Von ihnen kommt sehr viel.“ Das meiste Wissen hätten sie von ihren Vorfahren geerbt, staunt Betsy. „Heute erkennen die Bauern in der biodynamischen Landwirtschaft traditionelle Methoden wieder. Sie sagen: Das kenne ich doch, mein Onkel hat auch so gearbeitet.“ Steiners Lehre gebe ihnen nun die wissenschaftliche Legitimität. „Während der Grünen Revolution [ab Mitte der 1960er Jahre, Anm.] wurde indigenes Wissen verdrängt, weil es als unwissenschaftlich galt. Das muss nun wieder belebt werden.“

Mittlerweile gilt Betsys Projekt auf den Philippinen als Vorzeigemodell. Auch wenn sie noch lange nicht zufrieden ist und ihre Aktivitäten weiter ausbauen will, lassen sich bereits Ergebnisse sehen: „Jetzt gibt es ein Gesetz zur biologischen Landwirtschaft. Dafür haben wir lobbyiert.“ Die Regierung biete außerdem an, die biologischen Zertifizierungen zu finanzieren. „Es ist zumindest ein Fortschritt.“ Die große Herausforderung liege aber bei den philippinischen KonsumentInnen. Das Bewusstsein für biologisch angebaute Produkte fehle noch.

Marina Wetzlmaier studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien und verfasst ihre Diplomarbeit über die philippinische Landrechtsbewegung.

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