Mit Rhythmus & Rückgrat

Künstler*innen kämpfen gegen immer mehr Intoleranz und Gewalt – global, auch in Europa. Freemuse, eine NGO in Dänemark, macht Verstöße sichtbar.

Von Werner Leiss

Bringt sahrauische Musik auf internationale Bühnen: Aziza Brahim, hier bei einem Festival in Budapest 2015.© Elekes Andor / CC BY-SA 4.0

Musik ist ein Menschenrecht. Davon ist Deeyah Khan überzeugt. Wie es sich anfühlt, wenn dieses Recht mit Füßen getreten wird, hat sie sehr bald erfahren. Schon mit 13 Jahren hatte sie ihren ersten Plattenvertrag in der Tasche. Geboren in Norwegen als Kind einer afghanischen Mutter und eines pakistanischen Vaters, war sie an rassistische Beschimpfungen gewöhnt. Doch durch ihre Kunst war sie verstärkt Anfeindungen ausgesetzt.

Weltweit werden Musiker*innen aufgrund ihrer Kunst bedroht, ausgegrenzt oder gar ermordet. Das Problem wird größer – und betrifft global gesehen unterschiedlichste Länder, auch in Europa.

Deeyah Khan ließ sich nicht mundtot machen. Im Gegenteil: Die heute 43-Jährige lebt mittlerweile in Großbritannien und macht nicht nur bis heute ihre Musik, sondern arbeitet als Filmemacherin für die Sichtbarkeit von marginalisierten Menschen.

Zudem engagiert sie sich für Menschenrechte und Feminismus. 2016 wurde Khan zur UNESCO-Sonderbotschafterin für künstlerische Freiheit und Kreativität ernannt.

In zahlreichen Projekten will sie Frauen in ihrer künstlerischen Arbeit stärken. Etwa durch das von ihr gegründete Online-Magazin Sister-Hood, einer Plattform zur Vernetzung muslimischer Künstlerinnen; oder durch die Kampagne „Let Women Sing“, lanciert von der internationalen Organisation Freemuse.

Eine Frage der Macht. Dass die Kunst eine Tochter der Freiheit ist, stand bekanntlich für Friedrich Schiller schon 1793 fest. Srirak Plipat, Geschäftsführer der NGO Freemuse mit Sitz in Kopenhagen, betont in Bezug auf die Freiheit der Kunst allerdings: „Die Freiheit der künstlerischen Meinungsäußerung ist geschützt, solange sie zur vorherrschenden Meinung passt – politisch, religiös und digital.“

Wie gefährlich es für Künstler*innen sein kann, ihrer Arbeit nachzugehen, dokumentiert die NGO seit 1998. Im Bericht „The State of Artistic Freedom 2020“ ist von einer globalen Entwicklung hin zu Intoleranz und Gewalttätigkeit zu lesen, befördert durch staatliche oder anderweitig einflussreiche Akteur*innen.

Die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks habe sich global gesehen deutlich verschlechtert. Schuld daran sei der zunehmende Nationalismus vielerorts, der zu einer steigenden Feindseligkeit insbesondere gegenüber LGBTIQ-Personen, Frauen und Migrant*innen geführt habe.

Insgesamt verzeichnet der Freemuse-Jahresbericht 711 Angriffe auf Kulturschaffende im Jahr 2019 weltweit. Zum Vergleich: Im Bericht von 2018 waren es 553 Übergriffe.

Die am häufigsten bedrohte Kunstgattung ist dabei die Musik mit 32 Prozent der Fälle, dicht gefolgt von der Bildenden Kunst mit 26 Prozent.

Neben der persönlichen Bedrohung einzelner Künstler*innen durch Gewalt und Justiz sind für viele Länder auch Fälle verbotener Veranstaltungen und Lieder bekannt – durchaus auch in Europa.

Dass veranschaulicht etwa ein abgesagtes Konzert der sahaurischen Sängerin Aziza Brahim im März 2019 in Paris, das im Rahmen des Festivals „Frauen und Widerstand“ vom Institut du Monde Arabe organisiert wurde. Die Organisation wurde einst von 18 arabischen Staaten gemeinsam mit Frankreich gegründet.

Die Künstlerin zur Intervention vor ihrem Konzert: „Das Konzert wurde auf Druck der marokkanischen Botschaft abgesagt“, betont Brahim. „Ich verstehe nicht, dass eine öffentliche Einrichtung in Frankreich, die weiß, inwieweit die Meinungsfreiheit in Marokko nicht respektiert wird, dieser Erpressung nachgibt.“

Hintergrund: Die Sahrauis fordern seit Jahrzehnten ihren eigenen Staat auf dem Gebiet der Westsahara, das von Marokko beansprucht und größtenteils annektiert wurde.

Zensiert, verfolgt, getötet. Künstler*innen werden verfolgt, entführt, zu Haftstrafen verurteilt und ermordet. Im Jahresbericht von Freemuse werden 2019 sechs Todesfälle von Musiker*innen gezählt. Zwei davon werden für Uganda dokumentiert, weitere Morde für Russland, El Salvador, USA und Mali, wo ein Sänger und Dichter von Dschihadisten getötet wurden.

Die meisten Verletzungen der musikalischen Freiheit fanden dem Bericht zufolge in der Türkei, den USA, im Iran, in China, Spanien und Russland statt. Begründet werden diese Einschränkungen meist mit Staatsgefährdung, Anti-Terrormaßnahmen und religiösen Motiven.

2019 wurden im Iran Nikan „Siyanor“ Khosravi und Arash „Chemical“ Ilkhani, zwei im Exil lebende Mitglieder der Heavy-Metal-Band Confess, in ihrer Abwesenheit zu insgesamt 14,5 Jahren Gefängnis und 74 Peitschenhieben verurteilt.

Die Begründung: Sie würden mit ihrer blasphemischen Musik „die Heiligkeit des Islams“ beleidigen. Aktuell leben die beiden Musiker in Norwegen, wo ihnen aufgrund ihrer Verfolgung politisches Asyl gewährt wurde.

In Nigeria wurde der Musiker Mohammed Yusuf aka AGY 2019 offiziell beschuldigt, den Gouverneur des Staates Kano in einem seiner Lieder diffamiert zu haben. Er wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Oder Malawi: In dem südostafrikanischen Land wurde der Sänger Anderson „Mesho“ Alfred Chipwaila zu zwei Jahren und sein Produzent Stephano Emmanuel zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil sie „Mizikiti Ichoke“ veröffentlicht hatten. Das Lied befasst sich sarkastisch mit den Themen muslimischer und adventistischer Religionen.

Meinung schützen. „Musik ist ein mächtiges Kommunikationswerkzeug“, sagt Plipat von der NGO Freemuse gegenüber dem deutschen Kunstmagazin Crescendo. „Oft singen Menschen Texte, mit denen wir uneins sind. Aber wir müssen diese Menschen schützen, auch wenn wir deren Meinung nicht teilen.“

Im Interview definiert er aber auch Grenzen der künstlerischen Freiheit, nämlich dann, wenn Kunst zur Hassrede verkommt und direkt zu Gewalt gegen Minderheiten aufruft.

Anlässlich des Internationalen Tags der Menschenrechte veröffentlichte Freemuse vergangenen Dezember seinen ersten Bericht über LGBTIQ-Künstler*innen weltweit: „Painting the Rainbow“.

Darin werden 149 Fälle von Diskriminierung gegenüber Kunstschaffenden der LGBTIQ-Community im Zeitraum von Jänner 2018 und Juni 2020 dokumentiert.

Plipat spricht von einem alarmierenden Ausmaß an unrechtmäßigen Einschränkungen der künstlerischen Freiheit, auch in Europa: „Mindestens 77 Länder nutzen Gesetze zur Kriminalisierung von Homosexualität, Strafgesetzbücher und die neuerdings beliebten ‚Anti-LGBTI-Propaganda-Gesetze', um Künstler zum Schweigen zu bringen, während diese rechtlichen Instrumente von vornherein mit internationalen Menschenrechtsstandards unvereinbar sind“, so der Geschäftsführer von Freemuse.

Einmal im Jahr, am 3. März, findet der International Music Freedom Day statt. Für Freemuse heuer ein Anlass, um auf dieses grundlegende Menschenrecht aufmerksam zu machen, auf die besonderen Herausforderungen, mit denen sich Musiker*innen in Zeiten der Pandemie konfrontiert sehen.     

Werner Leiss ist Musikkritiker des Südwind-Magazins.

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