Mit Theater und Puppenspiel

In Mathare, dem riesigen Slum von Kenias Hauptstadt Nairobi, wird im „Lavendel-Haus“ Opfern sexualisierter Gewalt Hilfe geboten. Wie rund um dieses Tabuthema Aufklärung betrieben wird, hat sich Anja Bengelstorff angeschaut.

Patriarchales Gehabe und Unterdrückung von Frauen wird im Spiel thematisiert, ebenso das Tabuthema sexualisierte Gewalt angesprochen.© Matthias Steinbach / MSF

Es ist zwei Jahre her, dass Denise Nyiraneza an einer Bushaltestelle in der kenianischen Hauptstadt Nairobi in ein Auto gezerrt, an einen unbekannten Ort gebracht und eine ganze Nacht lang von vier Männern vergewaltigt worden war. Damals wusste die heute 25-Jährige, ein Flüchtling aus der Demokratischen Republik Kongo, noch nicht, dass das Ende dieser Nacht längst nicht das Ende ihrer Qualen sein würde.

Drei weitere Male, zuletzt vor zwei Wochen, wiederholte sich der Alptraum. Der Anführer, ein früherer Nachbar im Kongo, mit dem Denises Vater eine Meinungsverschiedenheit über Kühe gehabt hatte und der nun offenbar auf Rache aus ist, sagte ihr: „Dein Geld interessiert mich nicht. Ich will dein Leben zerstören.“

Mit vor der Brust verschränkten Armen sitzt die junge Frau im Lavendel-Haus, einer Klinik von „Ärzte ohne Grenzen“ in Nairobis riesigem Slum Mathare, vor mir. Sozialarbeiter Juma Mukabane übersetzt, was Denise mit kaum hörbarer Stimme erzählt.

Am Morgen nach dem ersten Überfall ging sie zum nächsten Krankenhaus, das sie an das Lavendel-Haus verwies, eine Einrichtung, die sich auf Opfer sexueller Gewalt spezialisiert hat: Von der Behandlung der physischen Verletzungen über ihre medizinische Dokumentation für eine mögliche Anklage bis zur psychologischen Beratung und Aufarbeitung des Traumas bietet das Lavendel-Haus eine Rundum-Betreuung der Opfer, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Großer Einzugsbereich. Mathare ist kein Ort für ein gutes Leben: Blechhütten drängen sich zwischen hastig hochgezogenen Appartmentblocks, die zumeist ungeteerten Straßen voller Löcher sind von Müll übersät, der nicht abgeholt wird. Die Blätter der wenigen Bäume sind mit einer dicken grauen Staubschicht bedeckt. Die meisten Menschen leben von der Hand in den Mund, nicht wenige überleben vom illegalen Schnapsbrennen oder von Prostitution.

Die Kriminalitätsrate ist hoch, und ihre Opfer sind allzu oft Frauen und Kinder. Aussagekräftige Statistiken zu sexualisierter Gewalt in Kenia sind nicht zu bekommen. Nach Schätzungen dürfte die Rate der Betroffenen wie in den meisten Ländern Afrikas sehr hoch sein.

Der Einzugsbereich der 2008 eröffneten Lavendel-Klinik – benannt nach dem lavendelfarbenen Anstrich des Gebäudes – geht über Mathare hinaus. Etwa zwei Millionen EinwohnerInnen Nairobis soll sie versorgen. Die Mehrheit von ihnen hat weder Krankenversicherung noch Geld für einen Arzt.

Das Lavendel-Haus in Mathare, einem Slum in Nairobi, ist Zufluchtsort für viele Opfer.© MSF

Jeden Monat, so die Krankenschwester und psychologische Beraterin Jemimah Matendechere, suchten zwischen 150 und 240 Betroffene im Lavendel-Haus Zuflucht, medizinische Behandlung und nicht selten Hilfe dabei, weiterleben zu können: Hier werden sie nicht als Opfer, sondern als Überlebende sexueller Gewalt betrachtet und behandelt. 2016 waren 91 Prozent von ihnen Frauen. „Die meisten Fälle sind Vergewaltigungen“, sagt Jemimah Matendechere. „Am schlimmsten sind für mich die Vergewaltigungen von Minderjährigen, vor allem durch Familienangehörige. Mehr als die Hälfte unserer Patienten und Patientinnen sind jünger als 18 Jahre.“

Einsatz rund um die Uhr. Um so schnell wie möglich Hilfe leisten zu können, verfügt das Lavendel-Haus über einen voll ausgestatteten Rettungswagen, der rund um die Uhr im Einsatz ist und Opfer – oder vielmehr Überlebende – nach einem Überfall in die Klinik holen kann. „Zuerst wird die Patientin oder der Patient registriert. Man versucht, sie zu beruhigen und herauszufinden, was passiert ist“, beschreibt Jemimah Matendechere den Ablauf bei einer Neuaufnahme. „Danach erklären wir unseren Service und wie wichtig es ist, alles innerhalb von 72 Stunden nach dem Angriff durchzuführen, um Ansteckungen vorzubeugen und einen größtmöglichen Schutz zu gewährleisten. Wir testen auf HIV, eine Ärztin untersucht die Patientin oder den Patienten und verabreicht einen Medikamentencocktail, um eine Ansteckung mit HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten zu verhindern. Wir impfen auch gegen Hepatitis B und Tetanus.“

Im Verlauf der Untersuchung wird ein offizielles Formular mit medizinischen Details ausgefüllt, das später als Beweisstück bei einer möglichen Anklage dienen kann. Die folgende psychologische Beratung richtet sich nach dem Grad des Traumas. Medizinisch werden Überlebende bis zu drei Monate nach dem Überfall weiterbetreut. Brauchen sie einen sicheren Aufenthaltsort, kann „Ärzte ohne Grenzen“ zumindest für wenige Tage nach der Tat eine Unterkunft bereitstellen.

Darüber hinaus helfen Netzwerke, die die Klinik aufbauen konnte, Schutzunterkünfte, Anwälte und staatliche Kinderfürsorge zu organisieren.

„Was unser Modell einzigartig macht, ist, dass wir rund um die Uhr eine kostenlose medizinische Versorgung für Opfer sexueller Gewalt anbieten, uns aber nicht darauf beschränken“, sagt Sozialarbeiter Juma Mukabane, der im Lavendel-Haus von Anfang an mit dabei ist. „Das ist sehr teuer, deshalb haben andere es wohl noch nicht übernommen.“

Das Team der Klinik erinnert Überlebende zudem regelmäßig an ihre Termine zur Nachuntersuchung oder Therapie, die in vorgegebenen Abständen stattfinden. Der Krankenwagen holt sie sogar ab, sollten sie nicht selbst kommen können.

Bewusstsein fördern. Die jahrelange kontinuierliche Aufklärungsarbeit mit den Menschen in den Straßen von Mathare und angrenzenden Stadtvierteln, in Schulen, Kirchen und Gemeindesälen zahle sich endlich aus, erklärt Juma Mukabane. Mehr und mehr Menschen sei bewusst, was sexualisierte Gewalt ist, dass sie schon bei einer unangebrachten und unerwüschten Berührung beginnt, und trauten sich, dies offen auszusprechen und in die Klinik zu kommen.

Polizeistationen und Krankenhäuser verweisen PatientInnen an die Lavendel-Klinik. Ihre Notrufnummer klebt auf Stickern an Häuserecken, in Bussen oder wandert auf kleinen Pappkärtchen von Hand zu Hand.

Mit Theaterstücken und Puppenspielen in lokalen Sprachen findet das Outreach-Team um Laban Macharia Wege, das delikate und noch immer tabubehaftete Thema sexualisierter Gewalt ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. Sie seien wissbegierig, erklärt Macharia. „Wir wollen zum Beispiel Eltern helfen, Zeichen von Missbrauch zu erkennen und ihre Kinder ins Lavendel-Haus zu bringen“, sagt er.

„Statt zu verurteilen und damit die Leute möglicherweise zu verschrecken, gehen wir einen präventiven Weg: Im Puppenspiel zeigen wir Kindern, dass Fremde sie nicht anfassen dürfen oder sie bestimmte Situationen vermeiden sollen, so gut es geht.“

Während im Umfeld des Lavendel-Hauses immer mehr Menschen, gerade auch Männer, sexualisierte Gewalt erkennen und sich behandeln lassen, wird das Problem darüber hinaus in Nairobi oder ganz Kenia noch nicht ernst genug genommen. Staatliche Einrichtungen sind überfordert und haben zu wenig speziell ausgebildetes Personal; auch erhält die psychische Gesundheit von PatientInnen längst nicht die nötige Aufmerksamkeit.

Für Überlebende sexualisierter Gewalt wie Denise Nyiraneza, die junge Frau aus dem Kongo, bleibt eine Einrichtung wie das Lavendel-Haus daher der einzige Zufluchtsort. „Ich weiß nicht, wohin ich sonst hätte gehen sollen“, sagt sie leise. „Die Therapie hat mir geholfen, mit dem Erlebnis zurechtzukommen. Hier fühle ich mich sicher.“

Anja Bengelstorff arbeitet seit mehreren Jahren als freie Journalistin in Kenia und schreibt für deutschsprachige Medien.

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