Mobile Inselwelt

Umwelt, Handel, Konflikte, Politik: Für die BewohnerInnen der pazifischen Inseln gab es immer viele Gründe, mobil zu sein. Heute gibt es sogar Organisationen, die die Mobilität der Menschen im Interesse aller zu planen versuchen.

Von Margit Wolfsberger
Nur scheinbare Idylle auf Kiribati: Küstenerosion zwang die BewohnerInnen immer wieder zu Umsiedlungen.

Im Flugzeug von Neuseeland nach Samoa sitzt ein älterer Herr, circa 80 Jahre alt. Er erzählt, dass er fünf Kinder hat, von denen vier nicht mehr in ihrem Geburtsland Samoa leben. Eine Tochter ist Anwältin in Alaska, die anderen leben in Kalifornien, Australien und Neuseeland. Nur ein Sohn ist zuhause geblieben und bewirtschaftet das Land der Familie.

Der alte Samoaner im Flugzeug kann als Vielflieger im pazifischen Raum bezeichnet werden. Und seine Mobilität ist keineswegs eine Ausnahme. Ob freiwillig zu Verwandtenbesuchen, Urlaubs- oder Einkaufsreisen, ob gezwungen durch Arbeitsplatzsuche oder fehlende Ausbildungsmöglichkeiten, politische Unruhen oder eingeschränkte Zukunftsperspektiven in Folge des Klimawandels: Die Menschen der pazifischen Inselstaaten sind unterwegs, verlassen ihre weltpolitisch betrachtet peripheren Heimatinseln und ziehen in ökonomische Zentren rund um den Pazifik: Sydney, Auckland, Kalifornien, Hawaii, Japan oder Santiago de Chile.

In seiner Tasche hat der alte Mann einen australischen und einen samoanischen Reisepass. Auf die Frage, wo er sich zugehörig fühle, lächelt er verschmitzt. Die Reisepässe sind für ihn nur Mittel zum Zweck, seine Identität wird dadurch nicht berührt. Denn auch beim Besuch der Kinder im Ausland taucht er in eine vertraute Welt ein.

Auf die schwierige ökonomische Situation und die oft ablehnende Haltung der jeweiligen Aufnahmegesellschaft reagieren die pazifischen MigrantInnen mit Anpassung und Abgrenzung. Sie halten in ihren Gastländern an spezifischen kulturellen und sozialen Herkunftspraktiken fest, wobei Familie und Kirche die wichtigsten Elemente sind. Die Rücksendungen von Geld und Gütern der ausgewanderten Familienmitglieder an ihre Angehörigen auf den pazifischen Inseln sind in den meisten Inselstaaten unverzichtbarer Teil der nationalen Wirtschaft, aber auch eine hohe finanzielle Last für die „GastarbeiterInnen“.

Transnationale Familienbeziehungen sind im Pazifikraum allerdings keine Erscheinung der Gegenwart. Zur Absicherung der Lebenschancen in Krisenzeiten oder bei Umweltkatastrophen, zur Beilegung von Konflikten, zur Beschaffung von begehrten und benötigten Objekten wurden immer schon Besuchs- und Besiedelungsfahrten in hochseetüchtigen Booten oder mitunter auch nur in Kanus unternommen und Tauschbeziehungen geknüpft. Der berühmte, von Männern dominierte, „Kula-Handel“ innerhalb des insularen Papua Neuguineas ist ein Beispiel aus dem pazifischen Raum. Dabei wurden scheinbar „nutzlose“ Objekte wie Arm- und Halsbänder nach fixen Regeln von Insel zu Insel weitergegeben und so Allianzen etabliert.

Die Kolonialmächte haben durch ihre Interessen ebenfalls Migrationsbewegungen ausgelöst, etwa durch die Anwerbung von InderInnen für die Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen in Fidschi ab den 1880er Jahren. Die Bevölkerungsverteilung veränderte sich dadurch massiv und diente als Vorwand für mehrere Staatsstreiche in Fidschi in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die politische Unterdrückung der IndofidschianerInnen und die gewaltsamen Ausschreitungen gegen sie lösten eine Auswanderungswelle aus. So schrumpfte der Anteil der Indo-FidschianerInnen von annähernd 50 Prozent der Bevölkerung um 1980 auf derzeit ca. 37 Prozent. Die vertriebenen BürgerInnen Fidschis gehen dabei überwiegend nicht in das Herkunftsland ihrer Vorfahren – Indien – zurück, sondern versuchen vielmehr nach Australien oder in die USA auszuweichen. Dies erfolgt auch durch via Internet vermittelte Ehen oder Universitätsstipendien. Im Gegensatz zu den pazifischen MigrantInnen gibt es für Indo-FidschianerInnen in der Migration keine sozialen oder kulturellen Praktiken, die sie an ihr eigentliches Heimatland Fidschi binden würden, vielmehr tendiert die nächste Generation dazu, sich wieder stärker an Indien zu orientieren und die Wurzeln der Vorfahren als eigene anzunehmen.

Heute kommen zu den bisher bereits bestehenden Motivationen zur Migration noch die Folgen des Klimawandels hinzu, wobei auch diese Migration kein neues Phänomen ist. Die pazifischen Inseln verändern weitaus stärker als etwa das kontinentale Festland ihre Fläche, Ausdehnung oder Gestalt. Starke vulkanische Tätigkeit schafft relativ rasch neuen Lebensraum oder zerstört ihn ebenso überfallsartig. Wellen und Meeresströmungen überformen Sandbänke und Küstenlinien, Stürme und Tsunamis zerstören Riffe und „entwalden“ ganze Inseln oder verunreinigen die Süßwasserreservoirs mit Salzwasser. Um diese periodisch auftretenden Umweltkatastrophen zu überleben, haben pazifische Gesellschaften ebenfalls soziale Praktiken entwickelt, die das Risiko gemildert oder zumindest verteilt haben. Diese Migrationsbewegungen sind heute noch präsent, etwa in den überlieferten Mythen, die in großer Zahl um Ankommen, Sesshaftwerden und Auswandern kreisen.

Aber die gegenwärtige Situation birgt zusätzliche Risiken und Probleme. Erstens werden soziale Netze in Folge von Christianisierung und kolonialer Einflüsse nicht mehr in der Form gepflegt wie in vorkoloniale Zeit. Und die schriftlich fixierten Bodenrechte nach westlichem Vorbild behindern die Ansiedelung neuer Gruppen. Die Abwanderung von BewohnerInnen abgelegener Inseln in die jeweiligen Hauptstädte und Hauptinseln (etwa auf Funafuti in Kiribati) erhöht dort den Bevölkerungsdruck und führt zu eingeschränkten Siedlungsalternativen bei der Überschwemmung durch hohe Flutwellen. Und es kommt zu sozialen Spannungen zwischen alteingesessener Bevölkerung und Neuankömmlingen. Diesen einschränkenden Rahmenbedingungen für klimainduzierte Migration innerhalb der pazifischen Staaten stehen aber auch Initiativen gegenüber, die eine aktive Klimapolitik betreiben. Dabei reicht das Spektrum der Bestrebungen von der geplanten und begonnenen Absiedelung ganzer Inselgemeinschaften über die Forderung an Industrie- und Schwellenländer zur Reduktion von Treibhausgasemissionen bis zur Finanzierung und Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen auf den Herkunftsinseln.

„Aber unter eigener Führung“ – so lautet die Übersetzung der Initiative Tulele Peisa auf der Insel Bougainville bzw. den Carteret-Inseln. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der organisierten Umsiedelung eines Großteils der 3.300 BewohnerInnen der insgesamt sechs (bzw. nach der Teilung einer Insel durch Überschwemmung: sieben) Carteret-Inseln auf die Insel Bougainville. Die Notwendigkeit der Absiedelung der InselbewohnerInnen ist schon seit den 1980er Jahren bekannt. Eine Initiative der Zentralregierung Papua-Neuguineas, dem Bougainville und die Carteret-Inseln angehören, verpflanzte 1984 zehn Familien von den Carterets nach Bougainville. Der Bürgerkrieg auf Bougainville trieb die umgesiedelten Familien 1989 aber wieder zurück, und nach einer langen Zeit der Inaktivität der Regierung beschlossen die BewohnerInnen, selbst aktiv zu werden und die NGO Tulele Peisa zu gründen.

Die katholische Kirche stellte Land an der Küste Bougainvilles in der Nähe der Siedlung Tinputz zur Verfügung, und 2009 übersiedelten fünf Männer auf das Grundstück. Sie legten Gemüsefelder an und bauten die ersten Häuser, um ihre Familien nachholen zu können. 2010 übersiedelten zwei Familien, aber einige der bereits ausgewanderten Männer kehrten wieder auf die Inseln zurück. Die Leiterin der NGO, Ursula Rakova, ist dennoch optimistisch, dass die Integration in die neue Umgebung bei gleichzeitiger Beibehaltung der kulturellen Identität und der Zugehörigkeit zu einer Minderheit innerhalb Bougainvilles gelingt. Unter anderem gibt es dafür auch ein begleitendes Programm, das die Aufnahmegesellschaft betreut und für die Neuankömmlinge sensibilisiert. Was fehlt, ist die finanzielle Unterstützung, denn die staatlichen Stellen beobachten die Aktivitäten der unabhängigen NGO mit Misstrauen.

Obwohl nach Meinung von Ursula Rakova niemand auf den Inseln zurückgelassen werden sollte, möchte sie die Verbindung zur Heimat nicht aufgeben, sondern diese soll vielmehr mit besseren Bootsverbindungen auch in Zukunft besucht und für den Fischfang genutzt werden. Dies wäre wohl eine wichtige Komponente, um den InselbewohnerInnen, die vom und mit dem Meer als FischerInnen gelebt haben, die zukünftige Lebensweise als überwiegend vom Bodenbau lebende „FestlandbewohnerInnen“ zu erleichtern und ihnen Zeit zu geben, ihre Identität den neuen Lebensumständen anzupassen.

Margit Wolfsberger, Studium der Publizistik und Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien; Forschungen und Publikationen zur Geschichte der Ersten Republik, Migration im Pazifik und Stereotypisierung der „Südsee“; Obfrau der Österreichisch-Südpazifischen Gesellschaft und Mitglied der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung.

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