Moderne „Subversionsbekämpfung“

Von Werner Hörtner ·

Kolumbien ist ein Paradebeispiel für die Privatisierung des Kampfes gegen „Aufständische“ und alle ihre möglichen und angeblichen SympathisantInnen – sowie für den Schutz der geopolitischen Interessen der USA.

Das Departement Arauca, im Osten Kolumbiens an der Grenze zu Venezuela gelegen, ist bekannt als eines der Zentren der nationalen Erdölförderung – und als widerständische Region mit Guerillagruppen und kämpferischen sozialen Bewegungen. Dementsprechend hoch ist auch der Blutzoll, den die so genannte Aufständischenbekämpfung unter der Zivilbevölkerung fordert.
Es ist ein dünn besiedeltes Gebiet, und was sich in den abgelegenen Dörfern abspielt, kommt oft erst Tage später an die Öffentlichkeit. Und der Hintergrund kommt oft erst Jahre später ans Tageslicht – oder gar nie.
Ende 1998 beschossen mehrere Flugzeuge das Dorf Santo Domingo im Departement Arauca, weil sie dort Guerilleros vermuteten. 17 Menschen starben bei dem Angriff, darunter sechs Kinder. Das Video, auf dem die Aktion aufgezeichnet wurde, lag jahrelang beim US-Ölkonzern Oxy unter Verschluss. Es zeigt, dass der Angriff von der Sicherheitsfirma Airscan durchgeführt wurde, die für die Überwachung einer Ölpipeline zuständig ist. Geleitet wurde der Angriff von drei US-Söldnern.
Der indisch-deutschen Journalistin Sheila Mysorekar gelang es, für eine Radiosendung in den Besitz der Bordaufzeichnungen zu kommen. Das demaskierende Feature über die Privatisierung des Krieges am Fallbeispiel Kolumbien wurde kürzlich auch vom heimischen Radiosender Ö1 gesendet.
Drei andere US-Bürger zählen seit Jahren zu den vielen Geiseln der Guerilla-Organisation FARC. Sie befanden sich an Bord eines Spionageflugzeugs, das im Februar 2003 von der FARC im Süden des Landes abgeschossen wurde. Die US-Regierung entsandte sofort 50 und die kolumbianische Armee mehrere Tausend Soldaten, die die Entführten befreien sollten, doch vergeblich.

Das an Ecuador angrenzende Dschungeldepartement Putumayo ist in menschenrechtlicher Hinsicht ebenfalls eine der schlimmsten Krisenregionen Kolumbiens. Genau so wie in Arauca herrscht hier das Recht des Stärkeren, und seit die Armee zusammen mit den Paramilitärs die Guerilla zurückgedrängt hat, sind die Stärkeren eindeutig die bewaffneten Verteidiger von Recht und Ordnung – und von bestimmten wirtschaftlichen Interessen. Denn seit wenigen Jahren wird auch im Putumayo Erdöl gefördert. Wenig noch, doch die Reserven dürften groß sein.
Santa Ana ist ein kleines unscheinbares Dorf in den endlosen Weiten des Departements. Es wäre auch völlig uninteressant, gäbe es nicht gleich nebenan eine US-Militärbasis, die größer ist als der ganze Ort. Ein Dorflehrer erzählte Sheila Mysorekar, dass immer wieder Hubschrauber mit „Gringos“ landeten, mit großen blonden Männern, und dass in Plastiksäcke eingehüllte Leichen ausgeladen werden. Wer da eingepackt sei, wisse er aber nicht.
Kolumbien ist ein Fallbeispiel für jene Form des modernen Kriegs, den eine ausländische Macht verdeckt in einem anderen Land führt. Es gibt wohl auch eine offizielle US-Militärpräsenz in Kolumbien, doch wurde deren Stärke vom Kongress in Washington auf 400 Mann beschränkt. Obendrein werden ihre Aktivitäten – v. a. Ausbildung und Beratung der kolumbianischen Armee in Drogen- und Aufständischenbekämpfung- von den zuständigen US-Behörden überprüft.

Den einheimischen Teil im „Schmutzigen Krieg“, also dem Kampf gegen widerständische, systemkritische bis -gefährdende Bewegungen, seien sie nun militärischer Natur wie die Guerilla oder ziviler Natur wie die sozialen Bewegungen, Gewerkschaften, Bauern- oder indigene Bewegungen, Menschenrechtsgruppen usw., übernahmen und übernehmen in Kolumbien die paramilitärischen Gruppen. Trotz ihrer so genannten Demobilisierung in der ersten Amtszeit von Präsident Uribe sind sie weiterhin aktiv. Den Grundstein dafür legten die USA 1962, als Washington der Regierung in Bogotá empfahl, aus Zivilisten und Militärs zusammengesetzte Gruppen zu bilden, um die Sympathisanten des Kommunismus zu bekämpfen und „um paramilitärische terroristische Aktivitäten durchzuführen“ (!). Diese Empfehlung erfolgte Jahre, bevor in Kolumbien die ersten Guerillabewegungen entstanden. Die Enthüllungen im Rahmen der Anhörungen paramilitärischer Führer im vergangenen Jahr haben mit erschütternder Deutlichkeit die enge – und tödliche – Zusammenarbeit der paramilitärischen Gruppen mit Armee und Geheimdiensten gezeigt.
In den 1980er Jahren wurden ausländische „Fachleute“ zur Ausbildung paramilitärischer Killerkommandos ins Land geholt (siehe Artikel S. 27 und Kasten unten), doch erfolgte die Internationalisierung des Konflikts erst im Gefolge des so genannten Plan Colombia. Dieser Plan sollte nach der Idee von Präsident Andrés Pastrana (1998-2002) ein internationales Hilfsprogramm für Kolumbien werden, das den Friedensprozess mit der Guerilla begleiten und unterstützen sollte. Doch schließlich nahm Washington das Ruder in die Hand und arbeitete ein eigenes Konzept des Kolumbien-Plans aus. In dem Programm, das schließlich im Oktober 1999 dem US-Kongress – noch unter der Präsidentschaft von Bill Clinton – vorgelegt wurde, stand die Drogen- und Aufständischenbekämpfung im Vordergrund. Aus dem Entwicklungsplan war ein Kriegsplan geworden. Mit dem Geldregen, der nunmehr aus Washington im Rahmen des Plan Colombia nach Kolumbien floss – bis heute an die sechs Milliarden US-Dollar, womit das Land schlagartig nach Israel und Ägypten zum drittgrößten Militärhilfeempfänger Washingtons aufrückte -, drangen auch die PMCs, die Private Military Corporations, ins Land. An die 30 solcher Unternehmen sind heute in Kolumbien aktiv. Um ihre Herkunft zu verschleiern, geben sie sich gerne neue, zivile Namen. Das vorhin erwähnte Bombardement des Dorfes Santo Domingo wurde von der Firma Airscan durchgeführt, das von den FARC abgeschossene Spionageflug stamt von der Firma California Microwave, ID Systems ist der kolumbianische Zweig von Blackwater …

DynCorp ist so etwas wie der Marktführer unter den privaten Militärunternehmen. Die Firma wurde bereits 1946 von pensionierten Piloten der US-Air Force gegründet und ist heute rund um die Welt aktiv, in Bosnien und Kosovo, an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, im Irak und in Afghanistan – und bereits seit 1991 auch in Kolumbien. Im Inland ist der 2003 von der Computer Science Corporation (CSC) aufgekaufte Dienstleister für die Informatik zahlreicher US-Regierungsbehörden (u.a. Verteidigungs-, Außen-, Justizministerium, Drogenbekämpfungsbehörde) zuständig. Letztere hat auch DynCorp nach Kolumbien geholt, um hier die Besprühung der Koka- und Schlafmohnplantagen mit dem giftigen Pestizid Glifosfat durchzuführen.
Die genaue Anzahl der in Kolumbien tätigen DynCorp-Mitarbeiter ist nicht bekannt. Wohl hat der Kongress die Höchstzahl des im Lande beschäftigten US-Zivilpersonals auf 400 begrenzt, doch heuern DynCorp und die anderen PMCs eben Söldner aus anderen, vorwiegend lateinamerikanischen Staaten, an. Human Rights Watch schätzt, dass sich insgesamt 2.000 Mitarbeiter von privaten Militärunternehmen in Kolumbien befinden. Für großen Unmut sorgt die Tatsache, dass sie de facto Immunität besitzen, keiner Kontrolle unterliegen – und im Falle einer möglichen strafrechtlichen Verfolgung durch kolumbianische Behörden sofort in die USA abgezogen werden. Die Männer werden ohne Einreiseformalitäten direkt in die Militärbasen geflogen, die großteils im Süden des Landes liegen. Und auch wenn sie in Plastiksäcken Kolumbien wieder verlassen, erfährt niemand etwas über diesen Betriebsunfall in einem privaten Unternehmen.

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