Mord an der „Mutter der Flüsse“

Frau, Indígena, Regime-Gegnerin. Ihr ganzes Leben widmete Berta Cáceres dem Einsatz für Gerechtigkeit. Ein Nachruf von Magdalena Heuwieser.

Berta Cáceres

In der Nacht vom 2. auf den 3. März wurde Berta Cáceres in ihrer Heimatstadt La Esperanza, Honduras, ermordet. Sie war Mitbegründerin und Koordinatorin der Lenca-Organisation COPINH (Ziviler Rat der Volks- und indigenen Organisationen von Honduras), Gegnerin des Putsch-Regimes in Honduras, engagiert in verschiedensten internationalen Netzwerken. Berta Cáceres war eine der wichtigsten Umwelt- und MenschenrechtsaktivistInnen Lateinamerikas.

Bedroht. Diejenigen, die Berta Cáceres kennenlernen durften, schätzten sie für ihre Herzlichkeit, ihre Energie, die Klarheit ihrer Worte und Aktionen. Sie scheute keine Konflikte, schloss keine faulen Kompromisse und ließ sich selbst durch vielfache Mordversuche nie abschrecken. Angst und Bedrohung begleiteten sie, solange sie denken konnte. Seit dem Militärputsch im Jahr 2009 war es besonders schlimm. Drei ihrer vier Kinder leben daher schon seit Jahren im Exil. Kurz vor ihrem Tod prangerte Berta Cáceres öffentlich an, wie sehr sich die Drohungen – insbesondere in den letzten Wochen – gehäuft hatten. Sie standen insbesondere in Zusammenhang mit dem Staudammprojekt Agua Zarca, wogegen sie sich mit COPINH-Basisgemeinden seit 2013 einsetzte. Allein im Lenca-Territorium, welches im Südwesten des Landes liegt, sind derzeit rund 40 Wasserkraftwerke in Planung oder in Bau. Die Staudamm-Projekte führen zur Zerstörung von Subsistenzflächen und werden fast ausnahmslos auf autoritäre und gewaltsame Art durchgesetzt – ohne die rechtlich verankerte Vorab-Befragung der indigenen Bevölkerung.

Geehrt. Berta Cáceres wurde nicht ohne Grund des öfteren „Mutter der Flüsse“ genannt. In ihrer Rede bei der Verleihung des Goldman Preises, einem der weltweit bedeutendsten Umweltpreise, welchen sie 2015 verliehen bekam, erklärte sie, warum sie ihr Leben diesem Kampf widmete: „In unseren Weltanschauungen sind wir Wesen, die aus der Erde, dem Wasser und dem Mais entstanden sind. Als Lenca sind wir seit Generationen Hüter der Flüsse, beschützt außerdem von den Geistern der Mädchen. Diese zeigen uns, was es bedeutet, auf verschiedene Weise das eigene Leben der Verteidigung der Flüsse zu widmen, nämlich, das Leben für das Wohl der Menschheit und dieses Planeten zu geben.“

1973 als Tochter der örtlichen Hebamme geboren, wuchs Cáceres inmitten der linken Umbrüche Zentralamerikas auf. Als junge Frau ging sie ins wenige Kilometer entfernte El Salvador, um die dortige Revolution zu unterstützen. 1993 gründete sie mit anderen gemeinsam die Lenca-Organisation COPINH. Inspiriert durch den Zapatisten-Aufstand, der am 1. Jänner 1994 in Chiapas, Mexiko, begann, besetzte COPINH kurz darauf – unbewaffnet – mehrere regionale staatliche Büros und forderte unter anderem den Stopp mehrerer Abholzungsprojekte. Im selben Jahr wurde ein Fußmarsch mit mehreren tausend Indigenen in die Hauptstadt organisiert. Berta Cáceres erzählte, welchen Wendepunkt dies bedeutete: „Der Marsch war historisch. Er erschütterte tatsächlich das Land. Die größte Errungenschaft war, dass die indigenen und schwarzen Völker plötzlich auftauchten und ihre Existenz in diesem Land anerkannt wurde.”

Kämpferin. In der Deklaration der vier Kinder von Berta Cáceres heißt es: „Wir wissen mit absoluter Sicherheit, dass die Motivation für ihre niederträchtige Ermordung ihr Widerstand und ihr Kampf gegen die Ausbeutung der natürlichen Gemeingüter und die Verteidigung der Lenca war. Ihre Ermordung ist ein Versuch, den Einsatz der Lenca gegen jegliche Form der Ausbeutung und Vertreibung auszulöschen. Ein Versuch, den Aufbau einer neuen Welt zu verhindern. … Sie kämpfte für die Umwelt und einen Systemwandel, gegen den Kapitalismus, gegen Rassismus und gegen das Patriarchat.“

Viele hatten ein Interesse daran, Berta Cáceres zum Schweigen zu bringen. Nur zwei Wochen nach ihrem Tod wurde ein weiteres COPINH-Mitglied, Nelson García, ermordet. Internationale Solidarität für COPINH ist nun wichtiger denn je.

 Noch sind die  Morde nicht aufgeklärt. Die bisherigen Untersuchungen sind höchst einseitig und der einzige Zeuge in Zusammenhang mit Berta Cáceres Ermordung, der mexikanische Menschenrechtsverteidiger Gustavo Castro, ist selbst in Gefahr. Mehrere Eilaktionen fordern eine internationale Untersuchungskommission zur lückenlosen Aufklärung sowie den Stopp des Staudammprojekts Agua Zarca. Als erste Reaktion auf die Morde haben Mitte März zwei europäische Geldgeber die Beteiligung am Projekt eingestellt.

Magdalena Heuwieser ist seit dem Militärputsch 2009 in der deutsch-österreichischen Solidaritätsgruppe Hondurasdelegation aktiv, die insbesondere COPINH begleitet. Sie hat Berta Cáceres persönlich gekannt.

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