Müll, der tötet

Von Christina Schröder ·

Warum immer mehr Elektroschrott anfällt und welche Gefahren davon für hunderttausende Menschen ausgehen, beleuchtet Christina Schröder.

Die Menge des produzierten Elektroschrotts wächst weltweit rasant. Im Jahr 2016 waren es 44,7 Millionen Tonnen, mehr als die Hälfte davon Kleingeräte und Bildschirme. 44,7 Millionen Tonnen, das kann man sich in etwa mit dem Gewicht von 4.500 Eiffeltürmen vorstellen. In vielen Ländern wird die Menge an Elektroschrott in den nächsten Jahren noch bis zu 500 Prozent pro Jahr zunehmen, denn es steigt die Zahl der Menschen, die das Internet für immer mehr Zwecke nutzen und damit auch im Schnitt die der Geräte, mit denen sie das tun.

Die Hersteller befinden sich unter hohem Konkurrenzdruck und kämpfen um KundInnen – auch mit niedrigen Preisen. Weltweit feiert die Elektronikindustrie Tage und Anlässe wie „Cyber Monday“, den chinesischen „Singles Day“ oder Weihnachten mit Angeboten und hohen Umsätzen.

Gleichzeitig wird ständig in die Weiterentwicklung und Innovationen investiert, die den Absatz von neuen Produkten immer weiter ankurbeln. Die Verschränkung von miteinander über das Internet  kommunizierenden Geräten sowie die technischen Fortschritte im LED-Bereich schaffen derzeit Bedarf an einer neuen Generation von elektronischen Produkten.

Kurze Lebensdauer. Nicht zuletzt werden die Lebenszyklen der Geräte immer kürzer – manche unterstellen den Produzenten, die Lebensdauer künstlich zu verringern, die sogenannte geplante Obsoleszenz. Mancherorts, etwa in Frankreich, ist das gesetzlich verboten, aber generell schwer nachzuweisen.

Das alles führt zu immer mehr Elektroschrott: von Kühlschränken, Fernsehern und anderen Bildschirmen bis zu Computern, Laptops und Telefonen. Allein das Gewicht der in Österreich entsorgten Elektrokleingeräte beträgt über 80.000 Tonnen pro Jahr, dem Äquivalent von 190 Wiener Riesenrädern.

Der österreichische Dokumentarfilm „Welcome To Sodom“ von Florian  Weigensamer & Christian Krönes, der sich der Müllhalde Agbogbloshie widmet, startet österreichweit am 23. November im Verleih des Stadtkino Filmverleih. Siehe auch Kulturbeitrag S. 45.

Die Kampagnenabteilung von Südwind beschäftigt sich immer wieder mit dem Thema Elektroschrott, derzeit im Rahmen des Projektes „Make ICT fair“, das sich vor allem mit der Herstellung von Smartphones, Tablets und Computern auseinandersetzt. Mehr Infos unter: www.suedwind.at

In Österreich ist die Entsorgung von Elektroschrott im Regelfall über die Müllsammelplätze der Städte und Gemeinden geregelt. Alles, was nicht dort abgegeben wird, läuft Gefahr, in Ländern wie Ghana oder China zu landen –trotz der Basler Konvention für den Umgang mit Elektroschrott von 1992, die es Firmen und Staaten verbietet, Elektroschrott außer Landes zu bringen.

Von Guiyu bis nach Accra. Bis vor gut zwei Jahren befand sich die größte Elektroschrott-Deponie weltweit in der chinesischen Stadt Guiyu. Mittlerweile hat die chinesische Regierung den Import von Elektroschrott verboten. Nun wird er zwar in Hongkong vorsortiert und zerlegt, dann aber dennoch teilweise nach China exportiert.

So gibt es immer noch tausende Menschen in China, die Festplatten auf eigene Faust, eigene Gefahr und ohne Schutzkleidung ausschmelzen, um an wertvolle Rohmaterialen wie Gold, aber auch an Kupfer zu kommen. Der Schrott wird nicht weniger, denn auch in China fällt immer mehr davon an.

Ein anderer Hotspot ist seit vielen Jahren Accra, die Hauptstadt Ghanas. Dorthin gelangt besonders viel Elektromüll aus Europa und den USA. Das Südwind-Magazin berichtete schon 2009 (vgl. Ausgabe 6/2009) im Rahmen eines Lokalaugenscheines ausführlich über die Müllhalde Agbogbloshie. Das Bild und die Missstände haben sich bis heute nicht verändert, wie der gerade erschienene und preisgekrönte Film „Welcome To Sodom“ beweist.

Bis heute zerlegen vor allem Buben und junge Männer, aber auch Frauen mit bloßen Händen und Füßen Kühlschränke, Computer etc. Sie verletzen sich dabei oft und atmen giftige Dämpfe ein. Sie schmelzen über offenem Feuer Plastik von den Drähten herunter, um an das Kupfer der Kabel zu kommen, das sie anschließend für einen Hungerlohn weiterverkaufen können – meist an chinesische HändlerInnen.

Gegenstrategien. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ist gerade dabei, in Ghana ein nachhaltiges Elektroschrott-Management aufzubauen (vgl. dazu nebenstehendes Interview).

Ob man das mit einer so stark informell funktionierenden Müllhalde wie Agbogbloshie schaffen kann – darüber gehen die Meinungen auseinander. NGOs, darunter auch Südwind, fordern seit Jahren Regierungen, Hersteller und Handel dazu auf, stattdessen die illegalen Elektroschrott-Exporte zu stoppen. Nach wie vor sind die Wege des Elektromülls nach Afrika vollkommen intransparent.

Und so werden immer weiter PCs und Fernseher in Agbogbloshie landen. Was dort übrig bleibt, landet übrigens in einer ehemaligen Lagune, mittlerweile eines der giftigsten Gewässer der Welt, das direkt ins Meer fließt.

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