Murathan Mungan: Palast des Ostens

Von Michael Schwarz
1993/2002. Aus dem Türkischen von Birgit Linde und Alex Bischof. Unionverlag, Zürich 2006, 252 Seiten, EUR 19,90

Zwei 15-jährige Freunde müssen sich dem Initiationsritus zum Mann-Sein unterziehen. Ökke¸s wird an einem Baum festgebunden. Cengaver muss ihn blutig schlagen. Am nächsten Tag werden die Rollen von Opfer und Täter vertauscht: Cengaver soll sich in einem abgegrenzten Gebiet verstecken und Ökke¸s muss ihn suchen, fangen und schlagen. Nur wer ein guter Jäger und Kämpfer ist, taugt zum Mann. Wo bleibt dabei die langjährige Freundschaft?
Der Todesengel soll den wagemutigen Brückenbauer Dumrul ins Jenseits begleiten und lässt sich auf ein Gespräch und auf einen Handel mit dem Todgeweihten ein. Wer muss letztendlich sterben?
Der junge Hirte Temir findet im Wald den schwer verwundeten Räuberanführer Binali und rettet ihn. Gleichzeitig lässt er ihn seine Abhängigkeit spüren. Binali merkt zum ersten Mal in seinem Leben, wie schwach und ohnmächtig er ist, bis sich ihm eine Gelegenheit zur bitteren Rache bietet.
Die Prinzessin verliebt sich in einen Tänzer. Wegen des Standesunterschiedes können sie nicht heiraten. Welche Möglichkeit bleibt den beiden noch?
Als der Sultan auf einem Heereszug stirbt, bringt der Großwesir den Toten heimlich in einer Sänfte zurück in den Palast. Mit einem ausgeklügelten Plan versucht er, seine Stellung auch bei einem Nachfolger zu sichern. Kann er der überall lauernden Gewalt entkommen?
Die fünf Geschichten haben alle ein gemeinsames Thema: Im Mittelpunkt steht jeweils die Beziehung zwischen zwei unterschiedlichen Menschen. Es geht um das, was sie verbindet und trennt: um Macht und Ohnmacht, um Stärke und Schwäche, um Hass und Liebe. Murathan Mungan entnimmt den Stoff dazu aus alten Sagen, Mythen, Geschichten und historischen Begebenheiten aus der Zeit des osmanischen Reichs, als die Türkei noch ein Vielvölkerstaat war. Es gelingt dem Autor, die zeitlosen Themen in seinen Erzählungen so durchsichtig zu machen, dass sie für die heutige Zeit ganz aktuell werden. Dabei hilft auch seine sehr dichte, schnörkellose Sprache. Die Geschichte vom Hirten und dem Räuber schildert psychologisch sehr gekonnt und eindrucksvoll die vielschichtige Beziehung zwischen Folterer und Gefoltertem, zwischen Täter und Opfer. Vielleicht kann Murathan Mungan mit diesem Buch besonders auch Männer ansprechen, weil es eine bestimmte Art der überlieferten Männlichkeit in Frage stellt.

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