Musik als Atemholen

Roland Neuwirth hat im vergangenen Juli mit seinen Extremschrammeln versucht, den Schrammelbazillus auf die Kapverden zu tragen. Der Musiker, der eigentlich lieber wie Qualtingers Travnicek zuhause bleiben würde, berichtet von seiner Reise.

Von Roland Neuwirth
Am meisten beeindruckt hat mich auf den Kapverdischen Inseln, und zwar auf allen vier Inseln, die wir angeflogen sind, die Freundlichkeit der Leute. Die Menschen sind unglaublich offen, haben so reine Augen, überhaupt nicht verschlagen oder hintergedankenträchtig, eher so wie Kinder. Das hat mich fasziniert. Und zwar auf Grund dessen, weil die Menschen überhaupt nichts haben. Die sind arm wie Kirchenmäuse. Wasser würden sie am dringendsten brauchen. Die reichsten Leute, habe ich gehört, haben nur eine Stunde am Tag Wasser; die armen Leute, die Frauen, die müssen mit Plastikbehältern am Kopf oft 1400 Meter hinaufsteigen auf die Berge, wo irgendwo eine Quelle ist.

Es ist unglaublich, wie schlecht es den Leuten dort geht, wie hart sie arbeiten müssen, um ein kleines Stück Maniokwurzel herauszuholen aus dem Boden oder Bananenplantagen zu bewässern. Das müssen sie alles händisch machen. Es wird geackert bis auf 2000 m Höhe, und zwar mit der Hand, mit einer kleinen Spitzhacke.

Was mich weiters sehr beeindruckt hat, war diese Kultur, die es trotz allem gibt. Zum einen natürlich in der Musik, eh klar, zum anderen aber diese Zuckerrohrplantagen, da machen sie einen herrlichen Zuckerrohrschnaps. Das ist ein Traum, schmeckt ganz edel.

Die Musik ist mit der unsrigen überhaupt nicht vergleichbar. Musik zählt dort zum Atemholen. Es gibt keine musikfreie Minute. Ununterbrochen rennt ihre Musik. Zu 95% nur "coladeras" oder die von mir so heißgeliebten "mornas" , richtig schöne Einiraunzer, und jeder zweite, wenn nicht jeder, kann ein bißchen Gitarre spielen. Es genügen bei den meisten Stücken zwei Akkorde. Als Rhythmusgerät dienen den Leuten Cola-Dosen, mit Steinen angefüllt, oder jemand schleift mit einem Messer über ein Metallstück, das genügt schon.

In Sant Antao, wo sich die Wolken an den Bergen stauen und wo sich der einzige Berg befindet, wo es grün ist, dort wo der Zuckerrohrschnaps in jeder Hütte brodelt, da kommen, ganz arge Musiker von den Bergen runter, Geiger, Gitarristen, Sänger, das war für mich wirklich Afrika, das war ganz erdig, das ist unvergleichbar. Die singen auch aus dem Stegreif, wie bei uns die Gstanzlsänger. Die Leute lachen drüber. Das geht stundenlang so dahin. Man kommt in eine Art Trance dadurch.

Die Hochkultur der Musik sind eigentlich die Mornas. Die werden auch meistens von wirklich ausgebildeten Gitarristen gespielt.

Ich finde es schön, daß jede der kapverdischen Inseln - bis heute zumindest - ihr eigenes Gesicht bewahrt hat. Ich glaube, daß es in zehn Jahren ganz anders ausschauen wird. Der Tourismus wird einfach volle Breitseite zuschlagen, auch wenn die Leute behaupten, sie machen es gescheiter. Das ist nicht wahr. Hier wird sich die Gier genauso entwickeln, und das wird einfach zubetoniert werden, hundertprozentig. Die Touristen werden nicht in Maßen kommen, sondern in Massen.

Ich selbst bin ja nicht so ein begeisterter Reisender. Ich bin mehr der Travnicek-Typ. Ich bin froh, wenn ich zuhause bin. Ich glaube, das sollte schon längst außer Mode sein, die Umwelt verpesten mit diesen blöden Fliegern. Es ist ja unglaublich, wie es zugeht auf diesen Flughäfen ...

Unsere Musik war etwas völlig Neues für die Leute. Wir haben einen ganz anderen Zugang zur Musik. Sie wechselt dauernd im Tempo, das sind die Leute dort nicht gewöhnt. Wir haben in einem Lied oft drei, vier verschiedene Tempi, während die in sechs Liedern dasselbe Tempo haben, das heißt, sie sind immer auf Bewegung aus, man bewegt sich eben so dahin, everything is beautiful.

Wir haben uns dann mit den Musikern zusammengespannt und sind eingestiegen in ihre Coladeras usw.

Wir haben unsere Lieder nicht übersetzt, das ist zwecklos, da kommt man überhaupt nicht zum Spielen. Aber es wurden Plakate aufgehängt und Flugblätter verteilt, so wurde den Leuten zumindest die Geschichte und die Art der Musik nahegebracht.

Ich finde es vor allem wichtig, daß Gruppen von dort zu uns kommen, weil das einfach sensiblere Menschen sind, und ich finde es wichtig, dieses Berühren ... Aber ich befürchte, daß die Touristen das Lächeln dieser Leute zunichte machen werden.

Das einzige, was die Leute dort wirklich brauchen, ist Wasser. Wenn sie Wasser haben, haben sie auch alles andere. Fleißig sind die Leute genug. Sie würden wirklich viel rausholen aus diesen Inseln, wenn sie Wasser hätten.

Und die Musik! Da kann sich unser Rundfunk ein Beispiel nehmen. Hier werden wir überhaupt nicht gespielt als Österreicher - dort werden nur eigene Leute gespielt! Das ist herrlich. Dadurch kann auch die Kultur bestehenbleiben und sich weiterentwickeln.

Roland Neuwirth und die Extremschrammeln bereisten im Juli im Rahmen des Kulturaustauschprogramms der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit die Kapverdischen Inseln. In der zweiten Augustwoche kam die hierzulande nicht mehr unbekannte kapverdische G

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen