Mut zu Degrowth jetzt

Von Christian Kerschner & Christina Plank ·

Die globale Wachstumswirtschaft kommt im Zuge der Corona-Krise zum Erliegen. Mit viel Mut wäre es möglich, im Zuge des Wiederaufbaus eine Postwachstum-Wirtschaft zu schaffen.

Von Christian Kerschner & Christina Plank

Auch jetzt, in der Corona-Krise, hören wir es weiterhin: „Ohne Wirtschaftswachstum geht es nicht!“ WachstumskritikerInnen seien naiv anzunehmen, dass man in der Transformation in Richtung Post-Carbon-Gesellschaft ganz auf Wirtschaftswachstum und Profite verzichten könne. Dabei wäre gerade jetzt ein umfassender Wandel wichtiger als je zuvor.

Was es dazu braucht, sind alternative Vorstellungsräume: Viele trauen sich nicht, sich eine Degrowth-Gesellschaft vorzustellen, obwohl eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien darauf hinweist, dass ein wachsendes Wirtschaftssystem wie bisher weder möglich noch wünschenswert ist. Die Studien beleuchten u.a. den Mythos des „Grünen Wachstums“, das seit Jahrzehnten stagnierende Lebensglück bei steigendem materiellen Konsum und die zunehmende Verteilungsungerechtigkeit.

In der Degrowth-Community rechnet man schon länger mit einer anhaltenden strukturellen Krise. Ausgelöst durch eine Pandemie kommt sie dennoch für viele unerwartet. Was dabei unterschieden werden muss: Degrowth ist ein bewusstes, demokratisch geführtes, verteilungsgerechtes Reduzieren des Material- und Energiekonsums, mit dem Ziel, ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Rezession und Krise hingegen sind schmerzhafte, chronische Erkrankungen der Wachstumswirtschaft und deshalb nicht mit Degrowth zu verwechseln.

Christian Kerschner ist Assistenz-Professor an der Modul-Universität Wien und der Masaryk-Universität in Brno (CZ) und ein aktives Mitglied von Research & Degrowth.

Christina Plank ist Gastprofessorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien.

Die für Ende Mai in Wien geplante große Degrowth-Konferenz findet nun online statt, von 29. Mai bis 1. Juni (vgl. auch S. 48): degrowthvienna2020.org

Der Mensch im Fokus. In den vergangenen Wochen und Monaten passierte vieles, was man aus einer Degrowth-Perspektive gutheißen kann. Auf der ganzen Welt wurde die Wirtschaft an bestimmte menschliche Grundbedürfnisse angepasst. Es wurden Listen von überlebensnotwendigen und verzichtbaren Produkten erstellt. Vielerorts wurde die Produktion freiwillig angepasst. Allgemein gingen die Umweltbelastungen überall rapide zurück.

Was es für die nächste Zeit braucht, ist Mut, um alternative Vorstellungsräume weiterzuentwickeln und umzusetzen. Die Frage, wie man aus dieser tragischen Situation gestärkt in Richtung nachhaltige (Degrowth-)Gesellschaft herausgehen kann, ist in aller Munde. In allem Leid gibt es Potenzial für ein positives Umdenken, und es gilt den negativen Tendenzen wie Nationalismus und den Angriff auf BürgerInnenrechte entgegenzuwirken.

Schon jetzt stellt die Krise vieles an unserem kapitalistischen Wachstumssystem in Frage: Wieviel Mobilität und welche Güter brauchen wir wirklich für ein gutes Leben? Wie abhängig wollen wir von einer globalisierten Weltwirtschaft und damit verbundenen langen CO2-intensiven Transportwegen sein? Worauf kommt es tatsächlich im Leben an?

Mehr gemeinsam. Vielleicht werden wir nach der Phase der Isolation direkte soziale Kontakte wieder mehr schätzen. Viele entdecken gerade ihre Naturverbundenheit neu. Gleichzeitig werden viele soziale Missstände und Ungerechtigkeiten durch die Krise deutlicher sichtbar, z.B. häusliche Gewalt, prekäre Einkommenssituationen oder die Situation von Geflüchteten. Was auf jeden Fall weiter wachsen darf, ist die derzeitige Welle der Solidarität und damit vielleicht der Mut, gemeinsam ganz neue Wege zu gehen.

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