Mutig gegen Simbabwes Regime

Von Markus Schönherr · ·
Porträitbild von Tsitsi Dangarembga
Tsitsi Dangarembga ist eine renommierte Schriftstellerin und Filmemacherin aus Simbabwe © Rudolf H. Boettcher/ CC BY-SA 4.0

Wie sich die Autorin Tsitsi Dangarembga friedlich und beharrlich für die demokratischen Freiheiten in ihrem Land einsetzt.

Ihr Verbrechen war ein Plakat – eine stille Botschaft an die Regierung ihres Heimatlandes Simbabwe, mit der sie „Reformen“ forderte. Wegen ihres friedlichen Protests auf den Straßen der Hauptstadt Harare im Juli 2020 musste Tsitsi Dangarembga mehr als 30 Mal vor Gericht erscheinen. Die Staatsanwaltschaft warf der renommierten Autorin „Aufruf zur Gewalt“ und Verstöße gegen Covid 19-Restriktionen vor.

In einem Schauprozess mit fingierten Zeugenaussagen und gefälschten Beweisen verhängte der Richter Ende September 2022 eine Geldstrafe von 224 Euro. Das Urteil hat Symbolkraft: Wer sich mit dem Regime anlegt, muss dafür zahlen.

Inszenierte Abschreckung
Der simbabwische Anwalt und Ex-Bildungsminister David Coltart ist überzeugt, dass Dangarembga wegen ihres öffentlichen Ansehens angeklagt wurde. „Man wollte allen zeigen, dass man nicht zögert, weder sie noch andere anzuzeigen.“ Dangarembga gilt als erste Schwarze Simbabwerin, die einen Roman in englischer Sprache verfasste; ihr Debütwerk „Nervous Conditions“ (1988) erhielt etliche Auszeichnungen. Nach einer Kindheit in England studierte die heute 63-Jährige Filmregie und Afrikanistik in Deutschland.

„Ich bin ziemlich erschöpft, jetzt nachdem das Verfahren vorbei ist“, sagt Dangarembga gegenüber dem Südwind-Magazin. Mit Sorge beobachtet die Schriftstellerin und Filmemacherin, wie demokratische Freiheiten fünf Jahre nach dem Sturz von Diktator Robert Mugabe weiter fehlen bzw. sogar immer weiter schwinden und meint: „Ich habe den Eindruck, die Simbabwerinnen und Simbabwer versuchen nicht mal mehr, gute Miene zum bösen Spiel des Regimes zu machen.“ Stattdessen erkennen immer mehr Menschen die sozioökonomischen Folgen der Krise. „Brutalität und Totalitarismus“ der seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1980 regierenden Partei ZANU-PF (Zimbabwe African National Union – Patriotic Front) hätten die 15 Millionen Einwohner*innen in zwei Lager gespalten, meint Dangarembga: auf der einen Seite die Mitläufer*innen, die mit gelegentlichen Almosen des Regimes überleben, auf der anderen Seite jene, „die von einem besseren Simbabwe träumen und dafür leiden“, so Dangarembga.

Noch mehr Repression
Der durch die Armee erzwungene Rücktritt des inzwischen verstorbenen Despoten Robert Mugabe  im Jahr 2017 hatte bei vielen die Hoffnung auf eine freiere Gesellschaft geweckt. „Doch die Regierung seines Nachfolgers Emmerson Mnangagwa hat sich als ein gleichermaßen strenges, wenn nicht sogar noch repressiveres Regime erwiesen“, sagt Steven Gruzd, Experte am Südafrikanischen Institut für Internationale Angelegenheiten (SAIIA).

In vielen Städten des Landes herrsche „Angst“ angesichts von Gewalt, Einschüchterung und willkürlicher Strafverfolgung von Regierungskritiker*innen. „Einige wünschen sich sogar die Zeiten unter Mugabe zurück“, so Gruzd. Er fürchtet, dass die Repression vor den Wahlen, die für Mitte 2023 geplant sind und bei denen es um die Präsidentschaft und um die Zusammensetzung der Nationalen Versammlung geht, weiter zunimmt.

Erst vor Kurzem sorgte eine Reihe brutaler Übergriffe auf Oppositionspolitiker*innen für Aufsehen in Simbabwe. Einem der Opfer, der Parlamentsabgeordneten Jasmine Toffa, wurden zwei Hände gebrochen. Sie war für eine Wahlkampagne im südlichen Bezirk Insiza unterwegs, als mutmaßliche Anhänger*innen der ZANU-PF sie und ihre Kolleg*innen anhielten und mit Stöcken, Holzscheiten und Steinen verprügelten.

Neben offener Gewalt werden Regierungskritiker*innen durch zermürbende Gerichtsprozesse mundtot gemacht. „Der Widerstand der Opposition findet abseits der Weltöffentlichkeit statt und die Justiz wird regelmäßig als Waffe gegen sie herangezogen“, sagt Coltart in Simbabwes zweitgrößter Stadt Bulawayo.

Und jetzt eben das Urteil gegen Dangarembga. Der tansanische Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah würdigte die Autorin vor Kurzem als „sehr mutige Frau, die schon seit langem provoziert, auf ihre Weise stichelt und widerspricht“.

Auf die Frage, ob sie weiterhin die Autokraten in Harare herausfordern wolle, antwortet Dangarembga: „Ich fordere nie das Regime heraus. Ich denke, das wäre ein komplett nutzloses Unterfangen. Aber ich nehme am gesellschaftlichen Diskurs teil und stütze mich dabei auf die Rechte, die mir die simbabwische Verfassung einräumt.“

Markus Schönherr ist freier Journalist in Pretoria und berichtet für deutschsprachige Medien aus dem südlichen Afrika.

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