Mysteriöse Krankheit

Die Nick-Krankheit breitet sich in Norduganda aus. Betroffene und ExpertInnen sind ratlos. Die tödliche Erkrankung ist bislang weitgehend unerforscht.

Von Patricia Otuka-Karner
Distrikt Pader in Norduganda: Eine Mutter hat ihr 12-jähriges Kind an einen Baum gebunden. Das soll verhindern helfen, dass es sich während seiner Anfälle verletzt.

Viel weiß man noch nicht über die Nick-Krankheit, zu Englisch „nodding disease“. Fest steht, dass sie zum Tod führt und bereits tausende Kinder in den ehemaligen Rebellengebieten der Lord Resistance Army (LRA) daran erkrankt und über 300 verstorben sind. Auf Heilung warten derzeit je nach Schätzung über 3.500 (laut ugandischem Gesundheitsministerium) bzw. über 7.000 (laut Weltgesundheitsorganisation) Kinder in den Distrikten Kitgum, Pader, Lamwo und Gulu in Norduganda. Das ist die Region, die bereits schwer von den Nachkriegswirren des über 20 Jahre andauernden Konflikts zwischen der ugandischen Regierung und der LRA gezeichnet ist. Die Menschen sind erst vor wenigen Jahren in ihre Dörfer zurückgekehrt, bauen sich ein neues Leben auf. Es herrscht große Armut, Essen gibt es gerade genug zum Überleben.

Lucy Akello, eine 40-jährige Witwe aus Kitgum, verlor ihren Sohn durch die Nick-Krankheit. Sie ist am Boden zerstört. „Es fing harmlos an. Eines Tages kam er von der Schule nach Hause und begann mit dem Kopf zu nicken, als er sein Mittagessen vorgesetzt bekam.“ Die Kinder haben einen sehr langen Schulweg zu Fuß. Also dachte sich die zweifache Mutter nichts Schlimmes. Vermutlich sei er einfach nur müde. Nachdem das Nicken aber zunahm, ging sie mit ihrem Sohn in die nächstgelegene Klinik, wo man ihm Medikamente gegen Epilepsie verschrieb. „Die Pillen halfen nichts, im Gegenteil, seine Krankheit wurde schlimmer, er flog aus der Schule, brauchte durchgehende Betreuung – bis ich ihn eines Tages tot im Bett liegend fand.“

Viele Mütter von an Nick-Krankheit leidenden Kindern beginnen, diese an Bäumen oder Möbeln festzubinden, da sie sich während der Anfälle oft selbst verletzen, in offene Feuerstellen oder auf spitze Gegenstände fallen. Außerdem werden sie orientierungslos und verlaufen sich im Wald, wo weitere Gefahren lauern.

Die tödlich endende neurologische Erkrankung hat charakteristische Symptome. Bei Kindern kommt es zu einem Wachstums- und Entwicklungsstillstand und mit der Zeit zu mentaler Retardierung. Der Name ist auf die für die Erkrankung typischen Nickanfälle zurückzuführen, die oft auftreten, wenn das Kind isst oder friert. Die Anfälle sind stark, aber kurz, und enden meist, wenn der/die Erkrankte zu essen aufhört. Eine eigenartige Besonderheit ist, dass keine Anfälle auftreten, wenn man den Opfern unbekannte Speisen, zum Beispiel Schokolade, gibt.

Nach früheren Ausbrüchen in Tansania 1960-62 wurden erste Fälle im Südsudan und in Norduganda 2003 bekannt. Derzeit ist das Ausbreitungsgebiet der Nick-Krankheit auf kleine Regionen in Südsudan, Tansania und Nord-Uganda begrenzt. Waren zuerst ausschließlich Kinder, vor allem zwischen 5 und 15 Jahren, betroffen, erkranken mittlerweile auch Erwachsene. „Das Nicken breitet sich aus. In unserer Region leiden bereits über 20 Erwachsene daran“, berichtet Morris Otto vom dörflichen Gesundheitsdienst in Kitgum. Lucy Akello ist eine von ihnen. Nachdem ihr Sohn verstorben war, beobachtete sie an sich selbst bald erste Anzeichen der Krankheit. „Ich hoffe, dass sie bald ein Heilmittel finden und ich das noch erlebe“, meint sie.

Die Hoffnung scheint vergeblich. „Eine Heilung ist derzeit nicht in Sicht“, sagt Peter Spencer, Professor an der Oregon Health & Science University. „Dies würde voraussetzen, dass die Ursachen bekannt sind. Deren Erforschung bietet die Basis, um Prävention und möglicherweise die Bekämpfung der Krankheit zu ermöglichen.“ Doktor Spencer war einer der ersten, die sich mit dieser bislang unerforschten Krankheit beschäftigt haben. Er war Teil des WHO-Teams, das einen ähnlichen Ausbruch 2002 im Südsudan erforschte. „Die Ursachen für diese Gehirnkrankheit sind unbekannt, aber sie tritt häufig bei Kindern auf, die auch mit Onchozerkose (Flussblindheit) infiziert sind. Allerdings ist Onchozerkose auch in vielen anderen Teilen der Welt vorhanden, wo die Nick-Krankheit nicht vorkommt.“ Fest steht also derzeit lediglich, dass der Forschungsstand noch unzureichend ist und keine genauen Aussagen getroffen werden können. In der Zwischenzeit hadern die Menschen in den betroffenen Regionen mit ihrem Schicksal und fühlen sich machtlos, als wären sie Opfer eines bösen Fluches.

Patricia Otuka-Karner ist Theaterwissenschaftlerin und forscht zu afrikanischen Kulturen.

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