Mythos, Marketing und Massentourismus

Von Günter Spreitzhofer · · 2020/Mar-Apr

Yogyakarta, Indonesiens Kulturmetropole auf der Insel Java, soll zu einer Tourismushochburg ausgebaut werden.

Von Günter Spreitzhofer

Am Strand von Parangtritis an der Südküste Javas warten Dutzende Beach-Buggies und hunderte Enduro-Geländemotorräder für laute, PS-starke Fahrten entlang der tropischen Sandstrände. Noch gibt es mehr Gefährte als Kundschaft. Das aktuelle indonesische Entwicklungsprogramm sieht vor, „zehn neue Balis“, also Tourismus-Hochburgen, zu schaffen. In Zentraljava ist Yogyakarta eine der designierten Zielregionen, mit der Altstadt als potentiellem UNESCO-Welterbe. Dazu kommen die weltberühmten Tempelanlagen Borobudur (buddhistisch) und Prambanan (hinduistisch) im nahen Umland, die im bevölkerungsreichsten muslimischen Staat der Erde Weltoffenheit und Toleranz symbolisieren.

Indonesiens 2019 wiedergewählter Präsident Joko Widodo hat mehrfach bekräftigt, sich für Gesundheit, Bildung, Land- und Wohnrechte der Armen einsetzen zu wollen. Davon merkt man in dieser Region wenig – der Tourismus hat höchste Priorität.

„Die Sultansstadt Yogyakarta steht zwischen Himmel und Erde“, lautet eine Schlagzeile in einer der Hochglanzbroschüren der Stadtregierung. Etwa 30 Kilometer nördlich von Yogya – die übliche Kurzform für Yogyakarta – sorgt der Merapi, einer der aktivsten Vulkane am zirkumpazifischen Feuerring, für permanente Gefahr; 30 Kilometer in die andere Richtung, gen Süden, liegen indonesische Badeorte wie Parangtritis.

Es ist ein Land der Mythen: So sollen hier die Lavaströme des Vulkans Legenden zufolge ihre Vermählung mit dem Meer feiern, nachdem sie den Kraton, den Sultanspalast im Zentrum von Yogya, passiert haben.

Übertourismus auf Indonesisch. Die Jalan Malioboro, Yogyas mehrspurige Hauptstraße, ist zur Shoppingmeile geworden. Rundfahrten in Pferdekutschen im Sultan-Stil oder rosa Hippie-VW-Cabrio-Bussen für Urlaubergruppen prägen das Stadtbild.

Bis lange nach Mitternacht drängen sich die Touristinnen und Touristen auf der Suche nach lokalen Batikprodukten und Billigramsch in den Straßen. Selfies mit Straßenbands, die die traditionelle Musik Gamelan zum Besten geben, gehören ebenso zum Urlaubserlebnis wie ein Besuch bei Burger King. Die US-Kette hatte 2019 bereits fünf Filialen in Yogya betrieben, mit Fastfood-Angeboten statt den Standardgerichten der indonesischen Küche, dem Reisgericht Nasi Goreng und Mie Ayam, Nudeln mit Huhn.

Tiefgreifende soziokulturelle Transformation ist in Yogya längst Realität geworden, noch bevor der staatlich vorgesehene Ausbau der Region überhaupt richtig begonnen hat. In den vergangenen Jahren sind über hundert neue Hotels und Airbnb-Wohnungen errichtet oder geplant worden – nicht selten Spekulationsobjekte mit fragwürdigen Investorenkonstrukten. Allein die Buchungsplattform booking.com listet zu Jahresbeginn 2020 757 Unterkünfte in der Region Yogya auf.

Zum Vergleich: Singapur, seit Jahrzehnten ein touristischer Fixstern in Südostasien, kommt vergleichsweise nur auf 365 Eintragungen.

Yogyakarta

Yogya, wie Stadt und Umland genannt werden, war während des indonesischen Unabhängigkeitskrieges (1945-1949) Regierungssitz. Heute bildet die Metropole in Zentraljava zusammen mit Surakarta das Zentrum der traditionellen javanischen Kultur und gilt aufgrund ihrer zahlreichen Universitäten auch als Bildungszentrum des Archipels. Sie beherbergt – das metropolitane Umland eingeschlossen – etwa 1,4 Millionen Menschen. Darunter sind rund 60.000 StudentInnen allein an der Gadjah Mada, der größten universitären Bildungseinrichtung Indonesiens. G. S.

Statistiken zufolge stieg die Zahl der BesucherInnen von rund 3,5 Millionen im Jahr 2016 auf 4,1 Millionen im Jahr 2018. Der steigenden Nachfrage wird auch logistisch Rechnung getragen. Ein neues Mega-Flughafenprojekt im Westen der Stadtregion, das für 15 Millionen Fluggäste jährlich ausgerichtet ist, soll noch dieses Jahr in Vollbetrieb gehen. Doch bis dahin muss das Areal von Polizei und Armee gesichert werden, denn die lokale Bevölkerung protestiert. Weder Umweltfragen noch Landbesitzverhältnisse und Entschädigungen sind zufriedenstellend gelöst.

Kampf um Recht. Der Bauboom hat Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem der Stadtregion, wie Dodok Jogia, Aktivist der Gruppe Urban Poor Consortium, seit Jahren immer wieder betont. „Meine Hoffnung ist, dass wir in Zukunft mit möglichst vielen Menschen um das Recht auf Land, Wasser und Wohnen kämpfen werden“, sagte er schon vor ein paar Jahren in einem früheren Interview für das Südwind-Magazin (vgl. SWM 3/2017) – und das gilt noch heute.

Jogias Tochter heißt Resistencia, Spanisch für „Widerstand“. Doch FollowerInnen hat er hauptsächlich in sozialen Medien. Derzeit sind nur wenige Menschen für Protestmaßnahmen zu mobilisieren, selbst jene nicht, die vergleichsweise hohes Bildungsniveau und einen gewissen Wohlstand erreicht haben.

Und Landflüchtlinge, die zu Zigtausenden auf der Suche nach Arbeit in Industriebetrieben in die Megalopolen von Jakarta und Bandung zogen, dort in Armut leben und die für soziale Protesten vielleicht zu mobilisieren wären, gibt es hier nicht.

Vulkan-Vermarktung. Am Fuß des Vulkans Merapi starben nach dem Ausbruch von 2010 dreihundert Menschen, ganze Dörfer wurden abgesiedelt. Wirtschaftliche Aktivitäten sind oberhalb einer Bannzone seither behördlich unter Strafe gestellt. Laut Aussagen der lokalen Bevölkerung ahndet die Regionalregierung derartige Verstöße aber nicht. Viele vermuten, dass Korruption dahinter steht.

Und so boomen die Jeep-Touren durch die verlassenen Orte. Sie führen auf Geröllpisten hinauf bis zum makabren Schutzbunker-Mahnmal, wo Dutzende Menschen an Giftgasen erstickt sind. Mundschutz ist dort auch heute gefragt, allerdings der Staub- und Dieselentwicklung wegen.

Es gibt rosa Selfie-Sticks in schnell errichteten Verkaufsständen zu kaufen, gleich neben „I-love-Yogya“-Baseballmützen. Die Styropor-Halde hangabwärts wächst stetig an, denn die Reste der Lunchpakete und anderer Abfall bleiben zumeist am Berg.

„Es gibt mittlerweile hunderte Jeeps für diese Lava-Touren, betrieben meist von auswärtigen Anbietern, die Fahrzeuge auch aus Militärbeständen und dem Ausland herbeischaffen“, sagt eine Soziologie-Studentin von der renommierten Gadjah-Mada-Universität in Yogya. „Es ist gefährlich und außerdem verboten, doch die Regionalregierung greift nicht ein. Unser Alltag, unsere Mythen sind im Ausverkauf, vermarktet von Geschäftemachern von anderswo“, betont sie.

Viele ihrer studentischen KollegInnen sitzen in der Starbucks-Filiale in der klimatisierten Ambarrukmo Mall. Dort gibt es gratis WLAN. In ihrer Einschätzung der touristischen Zukunft sind sie genauso gespalten wie der Rest der Bevölkerung.

Der Wissenschaftler Günter Spreitzhofer (Institut für Geographie und Regionalforschung, Universität Wien) leitete im Sommer 2019 gemeinsam mit Martin Heintel eine mehrwöchige Exkursion durch Java. Der Schwerpunkt lag auf Stadt- und Regionalentwicklung.

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