Nach der WM ist vor der Wahl

Das Fußballfieber in Brasilien ist abgeklungen, die Veranstalter-Nation leckt angesichts des Turnierverlaufs ihre Wunden. Die Proteste sind verstummt, die Unzufriedenheit bleibt.

Von Ulla Ebner
Beliebtheit im Keller: Dilma Rousseff braucht eine schwache Opposition, damit die Wiederwahl gelingt.

"Von dieser Schmach werden noch meine Enkelkinder reden“, klagt der Kellner im Ausgehviertel Lapa in Rio de Janeiro. Die 7:1 Niederlage gegen Deutschland hat in Brasilien ein nationales Fußballtrauma ausgelöst. Dass es die Seleção bis ins Halbfinale geschafft hat und der Ablauf der WM – allen Unkenrufen zum Trotz – reibungslos funktioniert hat, war mit einem Schlag bedeutungslos. Die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei (PT) kostete das Aus kurzfristig zwei Prozent in den Umfragen. Wird bis zu den Wahlen im Oktober alles vergessen sein?

„Fußball ist eine große Leidenschaft in Brasilien und kann sich auf die Politik auswirken“, ist Argemiro de Almeida überzeugt. Er ist Aktivist im „Comité Popular da Copa“ von Salvador da Bahía. In allen zwölf Austragungsstädten der „Copa“, der Fußball-WM der Männer, bildeten sich im Vorfeld solche „Volkskomitees“. NGOs, WissenschaftlerInnen und Betroffene taten sich zusammen, um die Welt über die Nebenwirkungen des sportlichen Groß-ereignisses zu informieren: Zwangsumsiedlungen, Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Verschuldung der Austragungsorte …

Natürlich hängt die Wiederwahl der Präsidentin nicht unmittelbar vom Abschneiden der brasilianischen Fußballmannschaft ab. Jedoch werde die WM im Wahlkampf instrumentalisiert, meint Argemiro: „Die Opposition verwendet die Niederlage, um gegen die Regierung zu wettern. Umgekehrt hätte die Regierung einen WM-Sieg für sich genutzt.“ Allerdings sei das kritische Bewusstsein in der Bevölkerung gestiegen. Das sei nicht zuletzt Verdienst der Protestbewegung gegen die Copa, so der Aktivist.

In den Wochen vor WM-Beginn schien die Stimmung auf dem Tiefpunkt. An den Biertischen, im Aufzug, an der Supermarktkasse wurde über die hohen Kosten des Mega-Events geschimpft. Eine Streikwelle überzog das Land, allein in São Paulo fanden im ersten Halbjahr 435 Demonstrationen statt. Doch die angekündigte Revolution während der WM blieb aus. „Fußball ist Opium für das Volk und der Drogenhandel der Medien“, projizierten AktivistInnen mit einem Beamer auf das Copacabana Palace Hotel in Rio, in dem die FIFA residierte. Dann kam das erste Match, und plötzlich waren die Menschen im WM-Fieber. Die Wut auf die Copa schien vergessen.

„Das war auch Folge einer starken Medienkampagne“, meint Sandra Quintela vom Comité Popular in Rio de Janeiro, „von Shampoos bis Autos wurde alles mit der WM beworben, um die Menschen zu emotionalisieren.“ Gleichzeitig wurde die Protestbewegung kriminalisiert. Die Militärpolizei reagierte selbst auf winzige Demonstrationen mit Tränengas und Pfefferspray. Vor dem WM-Finale wurden rund 20 AktivistInnen „präventiv“ verhaftet und beschuldigt, gewalttätige Aktionen geplant zu haben. Für den politischen Philosophen und Zeitungskolumnisten Vladimir Safatle zählt diese Einschränkung von Bürgerrechten zu den traurigen Errungenschaften dieser WM: „Die Regierung hat das Großevent genutzt, um eine Art Ausnahmezustand zu schaffen.“

Jedoch sind nicht nur Fußballfieber und Polizeirepression schuld, dass die WM ruhig verlaufen ist. Die Protestbewegung vom Juni 2013 scheint müde geworden zu sein, und das hängt auch mit der Natur der Bewegung zusammen. Sie ging nicht von den „üblichen Verdächtigen“ – Gewerkschaften und Parteien – aus. Es waren kleine Gruppen, deren Aufrufe auf Facebook und Twitter enormen Zulauf erhielten. Viele der DemonstrantInnen hatten sich davor noch nie politisch engagiert. Einmal mehr zeigte sich die Stärke der sozialen Medien, wenn es darum geht, Massen zu mobilisieren. Gleichzeitig zeigte sich auch die Schwachstelle dieser 2.0-Proteste: Noch haben sie nicht gelernt, den zweiten Schritt zu machen, sich zu organisieren, gemeinsame Ziele, Forderungen und Strategien zu formulieren. Daher zerbröseln sie auch schnell wieder. Die latente Unzufriedenheit in der Gesellschaft sei aber nach wie vor vorhanden, betont Safatle, und früher oder später werde sie wieder aufbrechen.

Paradoxerweise steht die Unzufriedenheit in Zusammenhang mit dem Aufschwung, den Brasilien in den vergangenen zwölf Jahren unter der PT-Regierung erlebt hat. Mehr als 30 Millionen Menschen stiegen von der Armut in die sogenannte „neue Mittelschicht“ auf, die Wirtschaft wuchs durchschnittlich um sieben Prozent. „Die Leute hofften auf eine höhere Lebensqualität für alle und die Verbesserung öffentlicher Dienstleistungen, wie Bildung, Gesundheitsversorgung und öffentlicher Transport“, erklärt Safatle. Diese Hoffnungen wurden enttäuscht. Heute gibt die „neue Mittelschicht“ etwa die Hälfte ihres Einkommens für Privatschulen und private Gesundheitsversorgung aus. „Würde der Staat ein anständiges Bildungs- und Gesundheitssystem zur Verfügung stellen, bliebe den Menschen doppelt so viel Geld für Konsum“, kritisiert der Philosoph. Das wäre auch gut für die Wirtschaft, die seit kurzem beinahe stagniert.

Wie unbeliebt Präsidentin Rousseff bei weiten Teilen der Gesellschaft ist, zeigte sich während der WM. Sowohl die konservative weiße Oberschicht in den Stadien als auch die Fans bei Public Viewings in ärmeren Stadtteilen starteten unflätige Sprechchöre, sobald die Präsidentin ins Bild kam. Und doch dürfte sie im Oktober wiedergewählt werden. „Das liegt daran, dass die Opposition noch schwächer ist“, meint Vladimir Safatle.

Es wird also eine Wahl des geringsten Übels, insbesondere für die Linke. Soziale Bewegungen sind enttäuscht von der PT. „Seit zwölf Jahren haben wir Hilfsprogramme, aber auf Strukturänderungen, wie eine Landreform, warten wir noch immer“, kritisiert Sandra Quintela vom Comité Popular, die auch Leiterin der NGO „PACS – Politische Alternativen für den Cono Sur“ist.

Jetzt, wo die Weltmeisterschaft geschlagen ist, lösen sich die meisten Volkskomitees wieder auf. Auf jenes in Rio wartet jedoch auch in den kommenden Jahren Arbeit. 20.000 Familien aus Armenvierteln wurden bereits vor der WM zwangsumgesiedelt, um großen Infrastrukturprojekten oder Immobilienspekulationen Platz zu machen. Und diese Zwangsumsiedlungen gehen weiter. Ab September sollen knapp 900 Familien aus einer Favela im westlichen Stadtteil Jacarepaguá dem Bau einer Schnellbustraße weichen, die zum Olympischen Dorf führen wird. Denn nach der WM ist auch vor den Olympischen Sommerspielen 2016.

Ulla Ebner ist freie Journalistin und lebt seit Jänner 2014 in Rio de Janeiro.

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