Nachhaltiges Tomatencurry

Wie erreicht man SDGs wie „Keine Armut“ oder „Kein Hunger“? Im Süden von Indien sollen der Anbau und die Vermarktung neuer Tomatensorten helfen.

Von Monika Austaller, Bangalore

Harte Arbeit. Indische Tomatenbauern und -bäuerinnen kämpfen mit Preisschwankungen.© GIZ / Ronny Sen

Die Sonne brennt auf den betonierten Vorplatz der Fabrik. Palmen säumen die Einfahrt. Und ein süßlicher Geruch liegt in der Luft. Im Schatten unter einem Dach sind gelbe, blaue und orangene Plastikkisten voll frischer Tomaten aufgestapelt.

Fünf Arbeiterinnen in bunten Saris kippen eine Kiste nach der anderen auf das sich langsam bewegende Fließband und sortieren faulige Früchte aus. Dicht hinter ihnen gedrängt steht eine Gruppe von Männern in hellen, kurzärmeligen Hemden und Dhotis, einem Tuch, das in Südindien häufig um die Hüfte gebunden wird. Mit ihren eigenen Händen haben sie diese Tomaten hochgezogen und recken nun die Hälse, um einen Blick auf ihre Ernte zu erhaschen. In der heutigen Exkursion zu einem Verarbeitungsbetrieb in der Nähe von Bangalore, Hauptstadt des südindischen Bundesstaates Karnataka, sehen sie zum ersten Mal, was mit ihren Tomaten nach der Ernte passiert.

Indien ist nach China der zweitgrößte Tomatenproduzent der Welt. Doch indische Tomatenbauern und -bäuerinnen kämpfen mit großen Preisschwankungen: Wenn die Preise hoch sind, beginnen viele damit, Tomaten anzubauen. Durch ein baldiges Überangebot fallen die Preise. Viele verlieren dann das Interesse und stoppen den Anbau. Schon sinkt die Menge von Tomaten am Markt, die Preise steigen wieder an, und der Kreislauf beginnt von Neuem.

Auch das Wetter beeinflusst die Ernte. Diese Schwankungen führen zu unvorhersehbaren Preisen und ebenso unsicherem Einkommen. Dass nur ein geringer Anteil der Tomaten weiterverarbeitet wird, verschärft das Problem zusätzlich. Um Tomatenpaste herzustellen, sind Tomaten mit einem hohen Zucker- und Säuregehalt, dichtem Fruchtfleisch und besonders roter Farbe besser geeignet. Diese Sorten gibt es in Indien noch kaum.

Vier SDGs im Visier. Dem will die indische Regierung entgegenarbeiten, mit Unterstützung Deutschlands. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) setzt im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) mit öffentlichen deutschen Geldern Projekte in Indien um. Das GIZ-Projekt „Grünes Innovationszentrum in der Agrar- und Ernährungswirtschaft“ mit Sitz in  Bangalore möchte zum Ziel der indischen Regierung beitragen, bäuerliche Einkommen bis 2022 zu verdoppeln, vor allem durch landwirtschaftliche Innovationen. Damit soll die GIZ-Initiative auch zu vier Nachhaltigen Entwicklungszielen beitragen, nämlich SDG 1: Keine Armut, SDG 2: Kein Hunger, SDG 5: Geschlechtergerechtigkeit und SDG 8: Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum.

Auch B. Gangadarappa nimmt an der heutigen Besichtigung teil. Er betreibt eine Tomatengärtnerei. Über das Grüne Innovationszentrum bezieht er Informationen und bekommt direkte Beratung. Seither hat er in seinem Gewächshaus einige Innovationen umgesetzt: ein Doppeltürsystem als Schädlingsschutz, Bodenmatten gegen bodenbürtige Krank-
heiten und neues Saatgut. Er zeigt sich zufrieden damit: „Mein Kundenstock hat sich von 20 auf 40 bis 50 Bäuerinnen und Bauern verdoppelt. Und das, obwohl viele andere Setzlings-ProduzentInnen wegen langer Dürreperioden schließen mussten.“

Diversifizierung. Um das Leben der Tomatenbäuerinnen und -bauern zu erleichtern, soll nun die Produktion und Vermarktung von Tomaten diversifiziert werden, damit der Erfolg nicht mehr so am Marktpreis für Tafeltomaten hängt. Das Grüne Innovationszentrum verfolgt folgende Theorie: Wenn indische ProduzentInnen Tomaten anbauen, die zur Weiterverarbeitung geeignet sind, können sie diese unabhängig von den Preisen für frische Tomaten verkaufen und bekommen ein stabiles Einkommen. Wenn weniger LandwirtInnen auf dem Markt für frische Tomaten verkaufen, sollten die Preise automatisch weniger schwanken.

Derzeit testet das Grüne Innovationszentrum Sorten zur Weiterverarbeitung in den indischen Bundesstaaten Karnataka und Andhra Pradesh und vernetzt ProduzentInnen mit Verarbeitungsbetrieben. Mit einem indischen Forschungsinstitut werden mehrere Hybridsorten einer US-amerikanisch-indischen und einer indischen Saatgutfirma mit verschiedenen Anbaumethoden ausprobiert.

Die größte Herausforderung sieht der Generaldirektor des Verarbeitungsbetriebs SunSip, V.D. Sarma, in den Produktionskosten: „Wir können maximal 4,5 Rupien pro Kilo Tomaten zahlen (0,06 Euro, Anm. d. Red.). Die Produktionskosten dürfen daher nicht höher als bei 3 Rupien pro Kilo liegen (0,04 Euro). Sonst greift der Weiterverarbeiter auf billigere Tomaten aus China zurück.“

Die Produktionskosten zu senken ist zwar durch verbesserte Anbaumethoden möglich, aber nur bis zu einem gewissen Grad, weil die Arbeitskosten konstant bleiben. Außerdem wird der Tomatenanbau in manchen Regionen schwieriger, weil Wasser in Indien immer knapper – und damit teurer – wird.

Knifflige Situation. Um den Marktdruck abzuschwächen, schlossen die ProduzentInnen und der Verarbeiter eine Abmachung: Die LandwirtInnen bauen Tomaten an, die zur Weiterverarbeitung geeignet sind, und der Verarbeiter kauft zum fixen Preis von 4,5 Rupien pro Kilo, unabhängig vom schwankenden Marktpreis.

Damit geraten die BäuerInnen aber wiederum in eine Zwickmühle: Sind die Tomaten gerade wenig wert, ist der fixe Preis ein gutes Geschäft. Ist aber die Nachfrage hoch, können sie viel mehr Geld verdienen, wenn sie ihre Ernte direkt am Markt zum frischen Verzehr verkaufen.

Ihre Motivation, sich dem Verarbeiter zu verpflichten, ist also gering. Außer in der richtigen Saison: Wenn die Preise niedrig sind, ist die Abmachung für beide Seiten von Vorteil.

Die LandwirtInnen sind in dem Fall nicht allein: Um den Fortschritt des Projektes zu messen, werden vom Projekt zweimal jährlich Daten erhoben, zu Produktivität und Einkommen der Landwirtschaftsbetriebe, Einsatz klimaintelligenter Innovationen, und Umsatz und Arbeitsplätze in der gesamten Lieferkette. Mit diesen Daten kann auch der Fortschritt der Agenda 2030 gemessen werden.

Monika Austaller ist Journalistin und studiert Socio-Ecological Economics and Policy an der Wirtschaftsuniversität Wien.

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