Nachrichtenflut löscht Brände

Wer sich sein Weltbild nur aus täglichen Überschriften macht, läuft Gefahr, die roten Fäden aus dem Blickfeld zu verlieren.

Von Christina Schröder
© Illustration: Thomas Kussin / stockgiu / Freepik

Gleich wenn wir nach dem Aufstehen in der Früh einen Blick auf unser Smartphone werfen, geht´s los: Wir werden von einer News-Front zur nächsten gezogen, lugen den ReporterInnen über die Schulter, sind ganz nahe dran an den Geschehnissen des Tages – und der vergangenen Nacht.

Im August 2019 konnte kaum wer medial überhören oder übersehen, wie der Amazonas brannte. Man kam nicht umhin, gebannt in die Flammen zu schauen.

Dann, gefühlt von einem Tag auf den anderen, riss die Nachrichtenflut ab und andere Schauplätze standen im Fokus. Viele ließen sich mitreißen. Und auch die nächsten Schlagzeilen sind rasch aus den Augen, aus dem Sinn. Was macht das mit uns, wenn wir ständig nur kurz, aber intensiv ZeugInnen von topaktuellen Geschehnissen sind?

Kurze Aufmerksamkeit. BildungsforscherInnen von der Technischen Universität  Berlin und der Universität Kopenhagen haben berechnet, dass sich ein mit Hashtag versehenes Trendthema auf der Mikroblogging-Plattform Twitter 2013 durchschnittlich 17,5 Tage unter den Top 50-Themen hielt – im Jahr  2016 hatte sich diese Zeitspanne auf rund 12 Tage verkürzt.

Twitter ist nur eines von vielen sozialen Medien. Aber dieses Beispiel und die Amazonas-Brände zeigen: Der Fokus der Aufmerksamkeit wird, nicht zuletzt von den großen Playern der Medienbranche und durch soziale Medien, immer schneller von einem zum nächsten Thema gelenkt.

Kaum ein Medium richtet einen Blick zurück. Auf Fragestellungen wie „Was wurde aus…?“ wird zu wenig gesetzt.

Johan Galtung, der norwegische Politikwissenschaftler, Soziologe und Friedensforscher, sagte im Jänner 2019 in einem Interview mit der Schweizer Medienwoche: „Newspapers sollten gleichzeitig auch oldpapers sein, also nicht nur die Neuigkeiten des Tages, sondern auch die ‚Altigkeiten' des Tages beinhalten.“

Mehr „Slow Journalism“! In dieselbe Kerbe schlägt das britische Magazin „Delayed Gratification“, zu Deutsch „Belohnungsaufschub“. Der Begriff kommt aus der Psychologie, dabei geht es um den Verzicht auf eine kleine Belohnung sofort im Austausch gegen eine größere in der Zukunft. Dazu passend erscheint das Magazin nur viermal im Jahr und berichtet grundsätzlich erst drei Monate nach Ereignissen, die es in die Schlagzeilen schafften.

Das dahingehende Konzept des „Slow Journalism“ verspricht einen qualitativ besseren Nachrichtenwert durch zeitliche Distanz, die es ermöglicht größere Zusammenhänge zu erfassen und korrekt einzuordnen. Auch das Südwind-Magazin setzt in den Printausgaben vor allem auf Weitsicht und Schwerpunkte abseits von „Trendigem“.

Übrigens, im August 2019 zeigten Daten der NASA aus dem Weltall, dass zu diesem Zeitpunkt drei Mal mehr Brände in Angola im südlichen Afrika wüteten als im brasilianischen Amazonas. Berichtet wurde davon nur von ganz wenigen (afrikanischen) Medien – da gibt es also ein Defizit.

Als MedienkonsumtIn lohnt es sich, auf beides zu schauen: sich zum Tagesgeschehen auf dem Laufenden zu halten und sich Zeit zu nehmen für Hintergrundinformationen und Slow Journalism.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen