Nacht am Nil

Proteste, Präsidenten-Sturz, Gewalt: Ausnahmezustand in Sudan. Solange das militarisierte Machtsystem intakt bleibt, kann keine Demokratie entstehen.

Von Dominic Johnson

In den Straßen von Khartum wurde die Verhaftung des langjährigen Präsidenten gefeiert.© Ala Kheir / dpa / picturedesk.com

Lange Zeit war Sudan der größte Flächenstaat Afrikas, bis zur Abspaltung des Südens vor acht Jahren. Zusammengehalten wurde dieses äußerst unwirtliche Territorium, von den mörderischen Sandwüsten der Sahara im Norden bis zu den undurchdringlichen Sümpfen des südlichen Nils, während der knapp 60 Jahre langen britisch-ägyptischen Fremdherrschaft durch zwei Dinge: durch den Nil selbst, über einen Verlauf mehrerer tausend Kilometer – und durch die Projektion militärischer Macht vom arabischen Zentrum weit hinaus in die Ferne, in die von Sklavenhändlern ausgeplünderten Stammesgesellschaften des „schwarzen“ Südens, in die niedergekämpften Fürstentümer des Landes der Fur (Darfur) im Westen, in die Berge Richtung Äthiopien. Mit Strafexpeditionen und Eisenbahnen und pharaonischen Industrialisierungsprojekten sollte damals dieses riesige Gebiet gewaltsam in eine moderne Zukunft geführt werden, unter Missachtung der tatsächlich dort lebenden Menschen.

Machterhalt durch Gewalt. Einen demokratischen Ausgleich zwischen Sudans Bevölkerungsgruppen hat es nie gegeben. Seit der Unabhängigkeit 1956, damals durchaus von Fortschrittshoffnungen einer im damaligen afrikanischen Vergleich bemerkenswert industrialisierten Gesellschaft geprägt, wurden immer nur Kriege um den Erhalt des Staates geführt: gegen den Südsudan, der ab 2005 schließlich seine eigenen Wege ging und 2011 unabhängig wurde; gegen Darfur, das sich nie als Teil Sudans begriffen hatte; gegen rebellierende Völker in den Nuba-Bergen und im Osten, die sich der Herrschaft der arabischen Militärelite in Khartum nicht beugen wollten. Und auch im Kernland des Sudan, um das Machtzentrum Khartum und seine proletarische Schwesterstadt Omdurman gegenüber am anderen Nilufer, wurden Machtfragen meist mit Gewalt geklärt.

Militärdiktatur Omar Hassan al-Baschir wurde im April 2019 nach dreißig Jahren Terrorherrschaft von den eigenen Generälen abgesetzt, während draußen vor den Toren der Khartumer Festung, in der die Militärführung residiert, Hunderttausende für die Freiheit demonstrierten – ein bemerkenswerter Triumph eines Volksaustandes, der da schon fast vier Monate währte. Aber dass diese Palastrevolution nicht automatisch eine Volksrevolution bedeutete und dass aus der Ersetzung eines Militärdiktators durch einen Militärrat noch keine Demokratie entsteht, ahnten die Menschen auf der Straße da schon längst. Die brutale Zerschlagung ihrer Dauerproteste zwei Monate später, fast auf den Tag genau 30 Jahre nach dem Tiananmen-Massaker in Peking, gab den SkeptikerInnen recht.

Aufstand im Zentrum. Die alten Machtinstrumente Sudans sind alle noch intakt: eine Militärelite, die über dem Gesetz agiert; eine Infrastruktur aus lokalen Milizen und paramilitärischen Verbänden, die die lokalen Dauerkriege des Regimes gegen das eigene Volk führt; eine politische Kultur, in der die Masse der Bevölkerung nichts zählt und im Wortsinn draußen auf der Straße verhungern darf, ohne dass es jemanden schert.

Eine demokratische Neuordnung Sudans kann nicht gelingen, solange diese Grundlagen des Machtsystems namens Sudan und seine aus der Kolonialzeit geerbten Unterdrückungsmittel fortdauern. Dieses Machtsystem geht über Leichen, um seine Privilegien zu wahren.

Immerhin aber ist durch den Volksaufstand gegen Baschir klar geworden, dass immer größere Teile der Bevölkerung dabei nicht mehr mitspielen wollen – und zwar nicht mehr nur in den klassischen Aufstandsregionen, sondern im Herzen der Macht, in Khartum selbst. Dieser Mut lebt weiter, auch wenn viele ihn inzwischen mit dem eigenen Leben bezahlt haben.

Dominic Johnson ist Afrika-Redakteur und Leiter des Auslandsressorts der deutschen Tageszeitung taz.

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