Nadine Gordimer: Beute und andere Erzählungen

Von Michael Schwarz
Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Berlin Verlag, Berlin 2003,
254 Seiten EUR 19,90

Nadine Gordimer, die 1991 den Literaturnobelpreis erhielt, ist im letzten Jahr 80 Jahre alt geworden. Der im Jahre ihres runden Geburtstages erschienene neueste Band enthält zehn Erzählungen.
Roberta Blayne, eine nicht mehr ganz junge europäische Assistentin einer internationalen Hilfsorganisation, lässt sich zögernd in eine Beziehung mit einem schwarzen Regierungsbeamten ein. Sie weiß um die Unmöglichkeit dieses Liebesverhältnisses, das allen ihren Vorsätzen widerspricht. Dennoch erlebt sie viele erfüllte Begegnungen, bis der Geliebte sie zu seiner Zweitfrau machen will. Das ist für sie das Ende. Sie reist ab.
Ein alternder Vater verlässt seine Frau wegen einer jungen Musikerin. Die Kinder, die für sich selber alle Freiheiten beanspruchen, sind entsetzt. Sie können ihren Vater nicht verstehen, vielleicht aus Angst, selber den Boden zu verlieren. Aber alle Interventionen bringen nichts. Als die junge Musikerin am Ende ins Ausland fährt, steht der Vater vor dem Spiegel und nimmt sein altes Gesicht wahr.
Ein eindrückliches mythisches Bild enthält die Titelgeschichte. Ein großes Erdbeben hat den Meeresgrund frei gelegt. Jetzt liegen alle Gegenstände, die sich im Laufe der Menschheitsgeschichte abgelagert haben, für die Überlebenden sichtbar und zugänglich vor uns.
Nadine Gordimers Erzählungen handeln von Gesichtern und Spiegeln, von der Liebe und vom Tod. Dass die Endlichkeit eine so große Rolle spielt, hängt sicher auch damit zusammen, dass vor drei Jahren der Ehemann der Autorin gestorben ist.
Aber auch eindrückliche Spuren der Nach-Apartheid-Zeit finden sich in den Erzählungen, etwa wenn es heißt: „... den ehemaligen Herren fällt es leichter, die Masken abzulegen, hinter denen sich ihre Menschlichkeit verbarg, als den ehemaligen Sklaven, die Gesichter darunter zu erkennen.“
Die zehn Erzählungen sind spannend und anregend zu lesen. Manche bleiben fremd und rätselhaft und faszinieren dennoch.

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