Nähfabrik in Hietzing

Werner macht sich in letzter Zeit immer öfter Gedanken über die Globalisierung, über das System und darüber, dass es so nicht weitergehen kann. Er hat sich einen kleinen Revoluzzer-Bart wachsen lassen, will im Sommer ein paar Tage im Wohnwagen verbringen und überhaupt unabhängiger werden.

„Wir in Europa sind überhaupt nicht mehr praktisch orientiert“, sagt er. „Wir lassen alles in Asien produzieren – Unterhosen, Kopfhörer und Handys. Asien ist der Hobbyraum von Europa: Dort wird gebastelt, genäht und geschraubt. In Österreich nicht mehr. Wir tun uns nur mehr gegenseitig beraten, evaluieren und zertifizieren. Wir erfinden Versicherungen und Finanzprodukte, bei denen du wetten kannst, dass es im Winter kälter ist als im Sommer. Wir besprechen, berichten und schreiben darüber, dass wir besprechen und berichten werden“, sagt Werner.

„Nur irgendwann werden die Asiatinnen und Asiaten auch nicht mehr im Hobbyraum basteln wollen. Dann werden die indischen und chinesischen Firmen die europäischen Beratungsunternehmen kaufen und sagen: Freunde, wir drehen das jetzt um: Wir produzieren in Europa, Sandalen, Trägerleibchen und Radiowecker, aber beraten, evaluieren, zertifizieren tun wir in China. Finanzprodukte und Versicherungsprodukte erfinden geht in Indien billiger.“

Für so einen Fall seien wir aber überhaupt nicht vorbereitet, meint Werner. „Wenn die dann in Hietzing eine Nähfabrik eröffnen, wer kann dann dort arbeiten? Wahrscheinlich sind dann die Praktikantinnen von der Rechtsanwaltskanzlei die ersten, die umsatteln werden. Später dann die Installateur- und Fleischhauerlehrlinge. Dann kommen sie alle in die Bekleidungsfabrik bei Schönbrunn und in die Schuhfabrik in Döbling und hoffen, dass sie noch einen Job bekommen. Weil PR-Beratung, Rechtsanwaltskanzlei und Technikbüro, das ist in Asien alles billiger.“ Und deshalb meint Werner, wir sollten alle alles selber machen.

Ich bin skeptisch: „Aber Werner“, sage ich, „was ist das für eine Vorstellung? Jeder eine Insel, jeder ist Selbstversorger, jeder erzeugt seinen eigenen Strom? Wir sind doch alle verbunden oder?“ „Du willst ja bloß selber nicht dreckig werden, weil du lieber am PC sitzt und Texte schreibst“, erwidert Werner. „Nein“, sage ich, „ich glaube, dass die Arbeitsteilung Vorteile hat und ich glaub an ein Miteinander“. Werner hält mich für naiv. „Wirst schon sehen“, sagt er, „ob dann die asiatischen Firmenbosse in Bangkok auf die Straße gehen und Flugzetteln verteilen: für gerechtere Arbeitsbedingungen in Europa“.

Georg Bauernfeind ist Kabarettist und Publizist in Wien. Programm und Termine auf www.georg-bauernfeind.at

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen