Nährboden des Terrors

Inwieweit sind die Anschläge in den USA Ausdruck des Nord-Süd-Konfliktes? Antworten auf diese Frage geben Außenministerin Benita Ferrero-Waldner und der Gründer des „Begegnungszentrums für aktive Gewaltlosigkeit“ in Bad Ischl, Matthias Reichl.

Benita Ferrero-Waldner: Unterentwicklung fördert Krieg und Aggression, dies ist eine unbestreitbare Tatsache. Es wäre aber sicher falsch, in der Armut die alleinige Grundlage für die Anschläge vom 11. September zu sehen. Wenn man nach den Ursachen dieser Anschläge sucht, so muss man dies unter drei Gesichtspunkten tun:

Wir müssen die Existenz eines weltweit bestehenden, funktionierenden und jederzeit aktivierbaren Netzwerkes des Terrorismus zur Kenntnis nehmen, welches eine Bedrohung nicht nur für unsere Sicherheit, sondern auch für alle demokratischen Errungenschaften, die unsere Nationen auszeichnen, darstellt.
Wir müssen den Konflikt im Nahen Osten in einem globalen Umfeld sehen und es auch als unser essentielles Sicherheitsinteresse betrachten, diesen Konflikt einer dauerhaften und gerechten Lösung zuzuführen.
Wir müssen schließlich die Armut in dieser Welt, verbunden mit den neuen Möglichkeiten, die die Globalisierung auf den Ebenen des Transports oder der Kommunikation mit sich bringt, als einen Hintergrund sehen, in dem ein Radikalismus keimen kann, der auch uns erreichen kann.

Es gibt daher keine einfachen Antworten auf den Terror, sondern nur Lösungsstrategien, die verschiedene Ebenen miteinander vereinen. Neben der europäischen Solidarität mit den USA, der verstärkten internationalen Zusammenarbeit im Rahmen der Verbrechensbekämpfung sowie der Formulierung einer klaren EU-Position geht es vor allem auch darum, jene Konflikte und sozialen Probleme in der globalisierten Welt zu entschärfen, die von den Terrorgruppen als Anlass für ihre Gräueltaten genommen werden und die den Nährboden für Extremismus bilden.

Hier kommt der Entwicklungszusammenarbeit eine besonders wichtige Rolle zu. Wir setzen mit unserer Schwerpunktpolitik bereits seit einiger Zeit an den zentralen Stellen an: Friedenssicherung und Konfliktlösung (wie etwa in Burundi), globaler Umweltschutz (etwa im Regenwald oder im Himalaya) und vor allem die Bekämpfung der Armut (Gesundheit, Bildung, Frauenförderung etc.) sind wichtige Strategien der Entwicklungszusammenarbeit, die sich damit als ein wichtiger Beitrag zur Lösung der Globalisierungsprobleme präsentiert.

Entwicklungszusammenarbeit ist daher ein effektives und vor allem notwendiges Element, dem Terrorismus langfristig die Grundlagen zu entziehen.


Matthias Reichl: Nach der Betroffenheit über die Opfer von New York und Washington und dem Erinnern an weniger spektakuläre Bedrohungen weltweit wird erneut klar: Terror in jeder Form darf sich nicht ausbreiten und auszahlen. Doch wer zahlt dabei drauf – auch weitab von den Kriegsschauplätzen?

Die ersten Milliardenstützungen der US-Regierung gab es für die Börsen, Luftfahrtfirmen und vor allem für militärische und zivile „Sicherheitssysteme“. Fehlinvestitionen in Gewaltapparate und gekürzte bzw. verweigerte staatliche Unterstützungen für gewaltfreie Initiativen schwächen deren Einfluss – und stärken deren gewaltsame Gegner.

Verarmte Menschen – nicht nur in (Nach-)Kriegsregionen – sind zunehmend gezwungen, in der Grauzone der Schattenwirtschaft unter Selbstausbeutung ihr Überleben zu organisieren, erpressbar durch kriminelle Syndikate und Politiker. Konferenzen, Demonstrationen und Appelle reichen nicht aus: Gewaltfreier Widerstand gegen und Verweigerung der Zusammenarbeit mit ungerechten Institutionen ist gefordert. Doch das Vertrauen in die Bekehrung der strukturellen Gewalttäter allein durch Dialog und vorgelebte Alternativen wurde nur zu oft enttäuscht.

Die weitere Liberalisierung des Welthandels ist keine Waffe gegen Terrorismus, wie es der US-Chefdelegierte bei der WTO, Zoellick, weismachen will – sie erzwingt vielmehr eine weitere Reduzierung von mühsam erkämpften ökonomischen, sozialen und ökologischen Regulierungssystemen. Privatisierung und Vermarktung zerstören zunehmend und irreversibel die Grundversorgung der Bevölkerung sowie den Genpool von Menschen und Ökosystemen.

Abgesehen von der „furchtbaren Zerstörung von menschlichem Leben“ gebe es zu denken, meint die österreichische Friedensaktivistin Hildegard Goss-Mayr, dass die Terroristen zwei neuralgische Zentren der gegenwärtigen Weltpolitik und Weltwirtschaft getroffen haben. Das Welthandelszentrum sei „auch ein Turm zu Babel“. Die gesamte Weltwirtschaft sei „auf Profit ausgerichtet und nicht in erster Linie auf das Wohl der Menschen“. Den Preis bezahlten die „Dritte Welt“ und „immer mehr auch Leute im Westen“. Und das Pentagon, das zweite Ziel, stehe für „die militärische Macht, mit der dieses Wirtschaftskonzept verteidigt wird“.

Überdimensionierte Konstruktionen sind anfälliger für Naturkatastrophen, Chaos und technische Störungen (von innen und außen). Und sie ziehen auch Terroristen an.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen