Nahrungsmittel – Das neue Gold

Die Finanzbranche hat die Spekulation mit Nahrungsmitteln als lukrative Geldquelle entdeckt – mit verheerenden Folgen für die ärmsten Menschen der Erde. New Internationalist Redakteurin Hazel Healy hat recherchiert, wie das funktioniert.

Die Welt steht auf Messers Schneide, was das Verhältnis von Angebot und Nachfrage betrifft“, warnt Bill Plumber, ein „Ag Trader“, der an den Agrarbörsen mit Terminkontrakten (Futures) auf Agrarprodukte handelt (siehe Fakten S. 39). „Wenn es zu einem Ernteausfall kommen sollte, dann weiß ich wirklich nicht, wie die Welt damit zurechtkommen wird.“1

Bill ist auf einem Hedgefonds-Videokanal im Web zu sehen, im Rahmen einer Interviewserie mit Legenden des Investmentgeschäfts, die derart ihre Weisheiten verbreiten dürfen. Wie er selbst mit der Nahrungsmittelknappheit zurechtkommen – das heißt, davon profitieren – wird, beschreibt er dann so: „Ich freue mich auf die aufregendsten Jahre meiner Berufslaufbahn. Anstatt Boom und Bust wird es bloß Booms geben, einen gewissen Preisrückgang und dann den nächsten Höhenflug.“

In der Londoner City, in Canary Wharf (Geschäftsviertel im Londoner East End, Anm. d. Red.) und an der Wall Street kleben tausende HändlerInnen vor den Bildschirmen, die wie Plumber von der Annahme ausgehen, dass es sehr bald nicht mehr genügend Nahrungsmittel geben wird. Banken haben Produkte entwickelt, um KleinanlegerInnen und Pensionsfonds dazu zu bringen, auf die Preise von Adzukibohnen, Rohwolle oder auf „Leveraged Soybeans“ zu wetten. Mit Erfolg: In diesem Jahr wurden 126 Mrd. US-Dollar in Wertpapiere investiert, die auf den Preisen von Agrarprodukten basieren, 2003 waren es nur drei Mrd.2

Aber diese „Ag“-Bonanza hat einen großen Fehler: Die drei wichtigsten Nahrungsmittelrohstoffe – Weizen, Reis und Mais – sind auch die Grundnahrungsmittel der zwei Milliarden ärmsten Menschen dieser Erde.3 Und seit die „Hochfinanz“ sich so für Nahrungsmittel begeistert, können sich eine Milliarde Menschen – ein Siebentel der Weltbevölkerung – das Essen nicht mehr leisten. Und auch die Preise entwickeln sich merkwürdig – sie zeigen extreme Schwankungen: In nur drei Wochen im Jänner und Februar 2008 stieg der Weizenpreis um 46%, fiel bis Mai wieder auf das Anfangsniveau und schoss innerhalb desselben Monats wieder um 21% nach oben.4 In den zwölf Monaten bis April 2011 verdoppelte sich der Maispreis (+102%).5 Zwischen 2005 und 2008 stiegen die Nahrungsmittelpreise im Schnitt um 83%.6

Hohe Preise führen direkt zu Elend und Unterernährung. Arme Haushalte im Süden geben teilweise 70% ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus, was Familien mit fatalen Dilemmata konfrontiert. Menschen essen seltener, nehmen weniger nahrhafte Speisen zu sich und geben weniger für die Gesundheit und für die Schulbildung aus.7 Mangelernährung kann dazu führen, dass Kinder nicht mehr wachsen. Die Weltbank schätzt, dass sich die Zahl der Menschen, die an Hunger und Armut leiden, seit der Erhöhung der Nahrungsmittelpreise ab Juni letzten Jahres um 44 Millionen erhöht hat.

Die Artikel dieses Themas wurden zuerst im ­Monatsmagazin „New Internationalist“ (Ausgabe 447, November 2011) veröffentlicht. Wir danken den KollegInnen in Großbritannien für die gute Zusam­menarbeit. Der „New Internatio­nalist“ kann unter der Adresse: McGowan House 10 Waterside Way Northampton, NN4 7XD, UK bezogen werden (Jahresabo: 37,85 Pfund; Telefon: 0044/ 1604 251 046). www.newint.org. Redaktionelle Bearbeitung und Kürzung der Artikel: Irmgard Kirchner. Übersetzung: Robert Poth.

Sich am Hunger zu bereichern ist unmoralisch. Aber Hunger zu verursachen ist nichts Geringeres als Mord. Natürlich streiten die Banken ab, dass zwischen den Dollarmilliarden, die die Agrarmärkte überschwemmen, und der Zahl der Kinder unter fünf Jahren, die an Mangelernährung sterben, ein Zusammenhang besteht. Sie sagen, die Preise seien eine Folge einer Angebotsverknappung durch Missernten und einer steigenden Nachfrage, die mit der Produktion von Agrotreibstoffen, dem zunehmenden Fleischkonsum in China und einer wachsenden Weltbevölkerung zusammenhängt.8

Für Olivier de Schutter, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung – dem es darum geht, Menschen zu ernähren und nicht darum, aus Geld mehr Geld zu machen – sind diese Faktoren bestenfalls nachrangige Katalysatoren. Die heftigen Schwankungen und Höhenflüge der Preise sind seiner Ansicht nach einfach Auswirkungen einer „spekulativen Blase“.4

Aber wie kam es überhaupt dazu, dass Investoren plötzlich Einfluss auf die weltweite Nahrungsmittelversorgung haben? Wer macht das eigentlich, und wie? Um das herauszufinden, beschließe ich, in eines der Produkte zu investieren, die auf einer Investment-Site im Web beworben werden – wo die Landwirtschaft als „das neue Gold“ gepriesen wird.

Ich sollte zuerst klarstellen, dass ich eine altmodische, risikoscheue Anlegerin bin. Das größte finanzielle Risiko, das ich jemals einging, war die Eröffnung eines Sparkontos für ethische Investments, auf dem schon seit langem kein Geld mehr liegt. Aber bloß nach ein paar Minuten Googeln entdecke ich einen Werbespot („Trade for a Pound“), in dem ein übergewichtiger Mann hinter einem Sofa hektisch nach Münzen sucht. Es handelt sich um die Einstiegsseite zu einem Online-Trading-Konto, wie sich herausstellt.

Es dauert nicht lange, bis mir ein Produkt namens „Agriculture Booster“ präsentiert wird, das verschiedene Rohstoffe beinhaltet, darunter die meisten Zutaten eines üblichen Frühstücks – Weizen, Mais, Zucker und Kaffee – sowie die Baumwolle im Tischtuch. Der Reiz dieses „Simple. Secured. Liquid“-Investments, so erklärt mir ein netter Mann von der Deutschen Bank namens Steve, besteht darin, dass ich an den Preisveränderungen von Rohstoffen verdienen kann, ohne befürchten zu müssen, dass mir tatsächlich jemand eine Tonne Weizen ins Haus liefert.

Der Wert des „Boosters“ hängt von den Preisen der zugrundeliegenden Rohstoffe ab. Der Grafik mit der bisherigen Performance ist zu entnehmen, dass er seine Höchstwerte während der Nahrungsmittelkrise von 2008 und dann wieder im Jänner 2011 erreichte – offenbar handelt es sich also um eine Möglichkeit, in honoriger Weise vom Hunger zu profitieren.

Der Booster basiert auf einem „investierbaren“ Rohstoffindex, der 1991 von der gerissenen und opportunistischen Investmentbank Goldman Sachs eingeführt wurde – d.h., er wurde in einen Vermögenswert verwandelt, den man kaufen und verkaufen kann wie eine Aktie.9 Er beruhte auf den Preisen von 24 verschiedenen Rohstoffen – Landwirtschaft, Energie, Metalle – auf den Rohstoffterminmärkten. Solange diese Märkte einer strengen Regulierung unterlagen, erfüllten sie ihren Zweck – sie spiegelten das Verhältnis von Angebot und Nachfrage – und der reale Weizenpreis (inflationsbereinigt) sank.9 1999 jedoch, nach intensivem Lobbying, lockerte die CFTC, die US-Aufsichtsbehörde für die Rohstoffterminmärkte, die Regeln. Banken wie etwa Barclays, Deutsche Bank und JP Morgan war es damit möglich, beliebig große Positionen auf diesen Märkten zu halten.10

Die Rohstoffindizes schossen in die Höhe, als andere Wertanlagen nicht mehr viel hergaben. Ob der Dot-com-Crash von 2000, der Einbruch des US-Immobilienmarkts 2006 oder die weltweite Finanzkrise von 2008 – alles brachte Manager von Pensionsfonds dazu, nach neuen, sicheren Anlagen zu jagen, um ihr Vermögen zu vermehren. Innerhalb von zehn Jahren nahmen die Investitionen in Rohstoffindizes um das 50-Fache zu und erreichten 2010 ein Volumen von 376 Mrd. Dollar.11

Eine verblüffende Vielfalt von Produkten wurde geschaffen, um es AnlegerInnen zu ermöglichen, auf diese Indizes zu wetten. Bei vielen Geschäften handelt es sich um Swaps (Swaps sind Verträge, die einen Austausch von Zahlungsströmen zu bestimmten zukünftigen Zeitpunkten vorsehen, Anm. d. Red.), die „over the counter“ („OTC“), d.h. außerbörslich zwischen Banken und Kunden vereinbart werden und keiner Regulierung unterliegen.

Das Hauptinstrument, mit dem VerbraucherInnen und institutionelle Anleger auf die Preisentwicklung von agrarischen Rohstoffen wetten können, sind börsengehandelte Index-Fonds („ETF“, für englisch Exchange Traded Funds) wie der Agriculture Booster der Deutschen Bank. Die Investitionen in Agrar-ETF stiegen im ersten Halbjahr 2011 um 35% auf 15,7 Mrd. Dollar.12

Anfang August, als die weltweiten Aktienbörsen eben erst 3.000 Mrd. Dollar an Wert verloren hatten, mache ich auf Investor und verwandle mich in eine Nahrungsmittelspekulantin. Ich kaufe zehn Wertpapiere zu je 14,4 Dollar und sehe zu, wie die Performancekurve vertikal in die Höhe schießt. Die Kurve hat für mich schon lange nichts mehr mit den Nahrungsmittelpreisen zu tun, und unwillkürlich will ich einfach, dass sie weiter steigt.

Aber wie weit ich mich schon von der Wirklichkeit entfernt habe, Tatsache ist, dass meine Renditen den Kursschwankungen der Nahrungsmittelfutures entsprechen. Was uns zu einem weiteren Argument der Banken bringt: dass eine Wette auf den Preis von etwas den wirklichen Preis nicht beeinflussen kann. Aber können Finanzderivate doch die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treiben? Um das herauszufinden, begebe ich mich in die Londoner City, wo sich die zweitgrößte Agrarbörse der Welt befindet. Mich interessiert, was die Händler selbst darüber denken.

 


„Körpereinsatz für unterschiedliche Ziele“: für Wetten auf Soja an der Börse von Chicago (oben)… für das Recht auf Nahrung für die Ärmsten in der Nähe des indischen Parlaments.

 

Barclays Capital und Deutsche Bank wollen mir nichts sagen, aber ein führender Fondsmanager willigt ein, mit mir zu sprechen – unter der Bedingung der Anonymität. Ich nenne ihn Mike. Geduldig erklärt er mir, dass ich meinen Booster nirgendwo entdecken kann, da der Fonds nur elektronisch vom Computer aus gehandelt wird. Ersatzhalber lädt er mir eine App von Bloomberg auf mein Mobiltelefon, wo ich ihn nun blinken sehen kann.

Mike ist ein erfahrener Rohstoffhändler, der in den 1980er Jahren einen Zucker-Hedgefonds managte. Für ihn ist es überhaupt keine Frage, dass diese Rohstofffonds und mein Booster die Preise in die Höhe treiben. „Natürlich“, sagt er, „weil sie die Nachfrage erhöhen, und das nimmt Angebotsmengen vom Markt.“

Ein Blick auf das Kleingedruckte auf meinem Booster sagt mir, dass meine Terminkontrakte (Futures) vor dem Auslaufen in einen „Kontrakt mit einer längeren Laufzeit“ „gerollt“ werden. Das ist die Schlüsselinformation, um die künstliche Preissteigerung zu verstehen. Es bedeutet, dass der Fonds so konzipiert ist, dass Terminkontrakte automatisch gekauft werden, basierend auf der Annahme, dass die Preise steigen werden.

Wenn eine ganze Flut von Anlegern ständig kauft, erzeugt das einen „Nachfrageschock“ an den Rohstoffbörsen, sagen ExpertInnen, der die Preise der Futures in die Höhe treibt.13 Händler auf den physischen Märkten orientieren sich an den Preissignalen von den Terminbörsen, halten in Erwartung höherer Preise Verkäufe zurück und horten Bestände. Dann kommt es zu Panikkäufen, und Länder verhängen Exportverbote.

Ein Manager eines Rohstoffindex-Fonds hortet faktisch Terminkontrakte und löst damit ganz reales Horten aus, was wiederum die Wette auf steigende Rohstoffpreise zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung macht. Selbst wenn die Rohstoffpreise wieder abstürzen – wie etwa 2008 – beginnt der Prozess einfach wieder von vorne.

Mike glaubt, dass es wie bei den Immobilienpreisen zuvor eine wachsende „Nahrungsmittelblase“ gibt. Er nennt das eine „Zeitbombe“. Diese Produkte, so Mike, haben eine psychologische Anziehungskraft: „Die Leute konnten sich mit dem Wunsch, ein eigenes Heim zu besitzen, identifizieren. Genau deshalb möchten sie auch gerne Rohstoffe besitzen. Da können sie sich hinein fühlen – schließlich müssen wir uns ja alle von irgendetwas ernähren.“

Die Story von der steigenden Nachfrage bietet den Banken bloß eine weitere Gelegenheit, an mehr Geld heranzukommen. Sie müssen bloß einen Bruchteil meines Gelds deponieren, um einen Terminkontrakt zu kaufen. Den Rest verborgen sie oder investieren es woanders, zu höheren Renditen. Mike macht mich auf die Bankgebühren aufmerksam: 0,45 Prozent Verwaltungsgebühr, Gebühr für Sicherheiten 0,16 Prozent.

Als Letztes frage ich ihn noch, was er von der Ethik dieser Art von Investments hält. Er lächelt und sagt mir: „Damit verhält es sich so wie bei den Randalierern.“ (Er meint die Leute, die für die Krawalle und Plünderungen in London verantwortlich waren, etwa zu der Zeit, als ich in Nahrungsmittel investierte.) „Wieso wie bei den Randalierern?“ „Sie stecken da einfach mitten drin. Sie fragen sich nicht, ob das ethisch okay ist. Das fällt ihnen erst später ein.“

Als Nächstes frage ich einen der führenden britischen Ökonomen und Kolumnisten der Financial Times, John Kay, ob er glaubt, dass die Nahrungsmittelpreise von großen Investoren in die Höhe getrieben werden. „Mit hoher Wahrscheinlichkeit verhält es sich so“, sagt er mir. „Investmentbanken müssen einfach sagen, dass es nicht so ist. Sie verdienen einen Haufen Geld damit. Fondsmanager dagegen stehen nicht so unter Druck, die müssen nicht unbedingt lügen.“ Es zu beweisen wäre schwer. „Aber wenn man sich ansieht, was passiert ist, scheint es sehr plausibel. Dass es daran liegt, dass die Chinesen mehr Fleisch essen, das halte ich für unglaubwürdig.“

Kays Ansicht wird von Daten des US-Landwirtschaftsministeriums unterstützt: Keiner der Höhenflüge der Mais- oder Weizenpreise war von einer Knappheit oder übermäßigen Nachfrage begleitet.5

Wir sehen uns dann meinen Agriculture Booster noch einmal näher an. Ich beginne mich zu fragen, ob überhaupt irgendwer das Ding wirklich versteht. Ich lese, dass das Produkt auf einem Swap-Vertrag beruht und „zu 100 % mit physischem Gold besichert“ ist, das (und die nächste Information ist ganz klein geschrieben) ab und zu „durch Wertpapiere ersetzt“ werden kann. Kay identifiziert das sofort als ein weiteres ethisches Problem mit dem Booster: Banken müssen Sicherheiten hinterlegen, damit ich mein Geld wieder bekommen kann, „aber was sie da hernehmen, ist illiquider [unverkäuflicher] Mist“.

Anders gesagt, börsengehandelte Fonds (ETF) wie der meinige sind undurchsichtige Produkte, bei denen nicht klar ist, wer letztlich das Risiko trägt – genau wie bei jenen, die dazu beigetragen haben, die jüngste Finanzkrise auszulösen. „Wenn wieder eine Blase platzt – und das passiert mit Sicherheit – werden die ETF alles noch schlimmer machen, und die Abwärtsspirale wird sich noch schneller drehen“, prophezeit Kay.

Aber man kann nicht all die enormen Preisschwankungen mit meinem riskanten Agriculture Booster erklären. Investmentbanken, Hedgefonds und Getreidehändler spielen ja auch mit ihrem eigenen Geld auf den Märkten. Das ist eine „traditionelle“ Form der Spekulation. Heute wird sie aber von einer neuen Art von Händlern praktiziert, meint Bart Chilton von der US-Aufsichtsbehörde CFTC.14 Chilton hat eine Gabe für einprägsame Spitznamen. Er nennt diese Händler „Cheetahs“ (Geparden), weil sie in blitzartiger Geschwindigkeit in Geschäfte ein- und wieder aussteigen. Damit eine Bank ein derartiges Hochfrequenz-Trading praktizieren kann, braucht sie ein Heer von vielleicht tausend MathematikerInnen und PhysikerInnen, die die entsprechenden Algorithmen programmieren.

Der enorme Bedeutungszuwachs der Finanzspekulation im Rohstoffhandel lässt sich auch daran ablesen, dass sich auf den Rohstoffterminmärkten nun dreimal mehr Spekulanten tummeln als Händler, die bloße Sicherungsgeschäfte zur Minimierung des Preisrisikos abwickeln („Hedging“), etwa im Auftrag von Nahrungsmittelherstellern.15 Wenn Märkte von Spekulanten dominiert werden, wirkt sich der Herdentrieb stärker aus als Informationen über Weizenlagerbestände. Geld verdient man nur, wenn man die Stimmung auf dem Markt richtig einschätzt. Liegt man daneben, hat man bald ausgespielt.

Die Konsequenz sind wilde Preissprünge und plötzliche Crashs, wogegen mittlerweile auch die Nahrungsmittelbranche protestiert. „Leben diese Typen vom Markt wie Parasiten? Ich neige zu dieser Ansicht“, lehnt sich Chilton hinaus.

Zum Abschluss meiner Recherche spreche ich mit dem Vizepräsidenten der National Farmers Union of Scotland, Allan Bowie. „Als Produzenten müssen wir uns mit dem Wetter, dem Welthandel und nun mit den Tradern in der City herumschlagen“, beklagt sich Bowie, der u.a. Gerste anbaut, um daraus Whisky zu brauen. „Seit dreißig Jahren baue ich Weizen an, aber derartige Preisschwankungen wie in den letzten 18 Monaten habe ich noch nie beobachtet.“

Bowie glaubt, dass die Märkte nicht richtig funktionieren. „Es wird immer schwieriger, abzuschätzen, wie sich der Markt entwickeln wird. Das führt zu einem gewaltigen Hin und Her bei den Anbauprodukten. Angebot und Nachfrage sind einfach verzerrt.“

Mitte September wird es Zeit, meinen Agriculture Booster loszuwerden. Die letzten fünf Wochen habe ich zugesehen, wie er in die Höhe kletterte, in drei Wochen um 7,4 Prozent. Bei plus 9 Prozent war dann Schluss, und er fiel fast wieder dorthin zurück, wo er am Anfang war. Das hatte sein Gutes: Mir wurde wieder klar, dass solche Investitionen einfach ein Glücksspiel sind und nicht mehr. Meine Maus klickt auf den roten „Sell“-Button, verkauft um 14,6 Dollar. Mein bescheidener Gewinn von 2,32 Dollar (1,6%) wird von den Gebühren in Höhe von 10,45 Dollar aufgefressen.

Hätte ich aber eine Million für einen Pensionsfonds investiert, wäre ein Gewinn von 16.000 Dollar angefallen – nicht zu verachten. Ich muss an den abschließenden Rat eines Experten auf Moneyandmarkets.com denken: „Es wird vielleicht ein wilder Ritt – aber der Lohn kann fürstlich sein!“16

Während ich auf Rohstoffpreise wettete, ist in Somalia eine Hungersnot ausgebrochen. Laut Weltbank wurden die Auswirkungen einer von Bürgerkrieg und Dürre ausgelösten Katastrophe „durch Knappheiten und Mais-, Weizen- und Zuckerpreise verstärkt, die beinahe historische Höchststände erreicht ­hatten“.

Die Zeit ist reif, um der Spekulation Einhalt zu gebieten – die Chancen stehen nicht schlecht, denn die öffentliche Abscheu gegenüber den Exzessen und der Arroganz der Banken nimmt zu. „Wenn die Politik alles richtig macht und sich nicht von der Wall Street und der Londoner City unter Druck setzen lässt, kann man die Nahrungsmittelpreise mit einfachen Gesetzen stabilisieren“, versichert Deborah Doane vom World Development Movement.

Eben macht die Gegenseite die Reihen dicht. Die einflussreiche Lobby der Finanzbranche kann auf Unterstützung durch die OECD, den Internationalen Währungsfonds und Länder wie die USA, Großbritannien und Brasilien zählen. Ihnen gegenüber steht eine bunte Palette unwahrscheinlicher Verbündeter: AktivistInnen für soziale Gerechtigkeit, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und die Dominikanische Republik fordern eine Einschränkung der Spekulation, genauso wie große Unternehmen, die unter den steigenden Rohstoffkosten leiden wie etwa Starbucks, die Luftfahrtbranche und der Nahrungsmittelgigant Unilever.

Nahrungsmittel sind zum Essen da, nicht um damit mit „investierbaren Indizes“ und „gehebelten Produkten“ herumzuspielen. Sie gehören raus aus der Welt der Hochfinanz und wieder zurück auf die Teller der Hungrigen.

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1) Interview mit Bill Plumber, 10. Mai 2011: www.opalesque.tv/hedge-fund-videos/Bill_Plummer/1
2) World Development Movement (WDM): www.wdm.org.uk/blog/infographic-how-banks-cause-hunger
3) FAO, The State of Food and Agriculture 2010-2011.
4) Olivier de Schutter, Food Commodities Speculation and Food Price Crises: www.srfood.org/index.php/en/component/content/article/894-food-commodities-speculation-and-food-price-crises
5) WDM, Broken Markets, September 2011: www.wdm.org.uk/stop-bankers-betting-food/broken-markets-how-financial-regulation-can-prevent-food-crisis
6) Christian Aid, Hungry for Justice, Mai 2011: www.christianaid.org.uk/resources/policy/christian-aid-week-report-2011.aspx
7) World Food Programme
8) Reaktion von Goldman Sachs auf „The Food Bubble“ von Frederick Kaufman im Harper’s Magazine, Juli 2010: www2.goldmansachs.com/media-relations/comments-and-responses/archive/harpers/letter-harpers-content.html
9) Frederick Kaufman, „The Food Bubble“, Harper’s Magazine, Juli 2010: theglobalrealm.com/2011/02/04/the-food-bubble-how-wall-street-starved-millions-and-got-away-with-it/
10) Die Position eines Händlers ist der Saldo aus Kauf- und Verkaufspositionen ( „Long“- bzw. „Short“-Positionen).
11) „Are speculators to blame for high commodity prices?“, Futures and Options, 2. September 2011: www.fow.com/Article/2894454/Are-speculators-to-blame-for-high-commodity-prices.html
12) ETFs linked to agricultural commodities surge as supply tightens, 2. Juli 2011: www.risk.net/structured-products/news/2093259/etfs-linked-agricultural-commodities-surge-supply-tightens
13) Hedgefonds-Manager Michael Masters bei einer Anhörung zur Nahrungsmittelkrise von 2008 im US-Senat.
14) Interview mit Bart Chilton von der CFTC auf Real News Network im August 2011: www.youtube.com/watch?v=_UdhZ0i7tCI&feature=related
15) US Commodity Futures Exchange Commission (CFTC), www.cftc.gov
16) How to profit from rising food prices with ETFs; www.moneyandmarkets.com/profit-from-rising-food-prices-with-etfs-40471

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