Neuanfang nach 50 Jahren

Mit Andrés Manuel López Obrador wurde in Mexiko ein Präsident gewählt, der die Hoffnungen jener verkörpert, die 1968 genau dafür umgebracht wurden. Wie das als Massaker von Tlatelolco in die mexikanische Geschichte eingegangene Blutbad noch heute spürbar ist, hat Alexander Gorski vor Ort erfahren.

Jedes Jahr gehen StudentInnen und andere Menschen aus der Zivilgesellschaft am 2. Oktober, dem Jahrestag des Massakers von Tlatelolco, auf die Straße.© Alfredo Estrella / AFP / picturedesk.com

Fünfzig Jahre danach steht Irene García Pérez wieder auf dem Platz der drei Kulturen in Tlatelolco, nur wenige Busstationen vom historischen Zentrum Mexiko-Stadts entfernt. Es ist erst das zweite Mal, dass sie hierher zurückkehrt. „Es hat sich nicht viel verändert. Nur kam mir der Platz damals viel größer vor“, sagt die heute 67-Jährige.

Damals, das ist Mittwoch, der 2. Oktober 1968. Die Demonstration der StudentInnen ist für vier Uhr Nachmittag angemeldet. García Pérez kommt alleine. Die 17-Jährige will ihre beiden älteren Brüder auf der Kundgebung treffen.

Seit Wochen schon nutzt die Gymnasiastin neben Schule und Arbeit jede freie Minute, um an Protesten teilzunehmen, Flugblätter zu verteilen und mit KlassenkameradInnen über Politik zu diskutieren.

Nach den Unruhen an den Universitäten Europas und der Vereinigten Staaten hat die StudentInnenrevolte Ende Juli auch Mexiko erreicht. Seit Anfang August werden alle größeren Universitäten und Höhere Schulen bestreikt, fast täglich gibt es Kundgebungen und politische Veranstaltungen.

In den überfüllten Bussen und armen Vierteln der schon damals sieben Millionen EinwohnerInnen zählenden Metropole suchen die StudentInnen den Kontakt zur Arbeiterschaft. Sie versuchen die Leute von der Notwendigkeit demokratischer Reformen nicht nur im Bildungssektor zu überzeugen. Sie fordern mehr Mitbestimmung in- und außerhalb der Universitäten und eine kulturelle Öffnung des konservativen nordamerikanischen Landes.

García Pérez will Teil des Wandels sein, der Mexiko zu erfassen scheint: „Ich hatte keine Ahnung von dem, was in Frankreich im Mai oder sonst wo los war“, sagt sie im Rückblick. „Aber die Forderungen der Studierenden waren so einleuchtend für mich, weil ich aus miserablen Verhältnissen kam und schon als Kind arbeiten musste. Bildung für alle, wie konnte man da dagegen sein?“

„Perfekte Diktatur“. Dass 1968 in Mexiko zu einem Epochenjahr sozialen Aufbegehrens werden sollte, war zu Beginn des Jahres nicht absehbar. Nach dem Willen der Regierung von Präsident Gustavo Díaz Ordaz sollte 1968 das Jahr der Olympischen Spiele werden, die vom 12. Oktober an in der Hauptstadt stattfinden würden. Er wollte Mexiko als aufstrebendes Entwicklungsland, vertrauenswürdigen Handelspartner und Bollwerk gegen die kommunistischen Umtriebe präsentieren, die Lateinamerika seit der kubanischen Revolution neun Jahre zuvor heimsuchten.

Die Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) hatte in vier Jahrzehnten an der Macht ein autoritäres Herrschaftsmodell errichtet, das der peruanische Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa einmal die „perfekte Diktatur“ nannte.

Freie Wahlen gab es nicht, oppositionelle Bewegungen wurden massiv unterdrückt, führende Gewerkschafter aus den sozialen Bewegungen der 1950er und frühen 1960er Jahre saßen im Gefängnis. Bis auf ein paar kleinere Guerillaorganisationen im Süden schien nichts die Stabilität des PRI-Regimes gefährden zu können.

Trotzdem will Díaz Ordaz kein Risiko eingehen. Für die zweiwöchigen Olympischen Sommerspiele im Oktober würden die Augen der Welt auf Mexiko gerichtet sein. Alles soll ohne Störungen verlaufen.

Irene García Pérez hat das Massaker überlebt und blickt nach 50 Jahren erstmals mit Hoffnung auf ein besseres Mexiko in die Zukunft. © Aline Juarez Contreras

Plötzliche Eskalation. Vielleicht war es diese Angst vor Unwägbarkeiten, die die Polizei beim ersten Anzeichen von Unruhe dazu bewegte, hart durchzugreifen. Nach einem Fußballspiel kam es in Mexiko-Stadt am 22. Juli zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen SchülerInnen verschiedener Institutionen, die sich am nächsten Tag fortsetzten. Die Sicherheitskräfte schritten massiv ein, es kam zu Straßenschlachten zwischen den Protestierenden und den „granaderos“, der berüchtigten Bereitschaftspolizei Mexikos.

Danach ging es ganz schnell: In den Folgetagen solidarisierten sich mehrere Universitäten mit den SchülerInnen und klagten die Polizeigewalt an. Die Gedenkdemonstration zum 15. Jahrestag des gescheiterten Angriffs von Fidel Castro auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba am 26. Juli endete wieder in brutalen Straßenschlachten zwischen den jungen Protestierenden und der Polizei. Dutzende wurden verletzt oder verhaftet.

Doch die Bewegung war nicht mehr aufzuhalten. In den folgenden Tagen wurden mehrere große Gymnasien besetzt, immer mehr Fakultäten traten in den Streik, jede Nacht kam es in den Straßen zu Auseinandersetzungen. Am 30. Juli drang die Polizei in verschiedene besetzte Schulen ein, in einer öffneten sie den verbarrikadierten Haupteingang mit Hilfe einer Bazooka, vierhundert Schüler wurden zum Teil schwer verletzt, mehr als tausend festgenommen.

Die wie durch einen Blitz politisierte Jugend versammelte sich am 1. August zu Zehntausenden, um gegen das Vorgehen der Regierung zu demonstrieren, und gründete einen Tag später den Nationalen Streikrat (CNH), der zum zentralen Koordinationsorgan der Revolte wurde.

In diesen Tagen wurde auch García Pérez von den Ereignissen mitgerissen. Sie hörte sich mit Freundinnen gerade ein Bossanova-Konzert in ihrer Schule an, als mehrere von der Polizei verfolgte AktivistInnen in dem Gebäude Schutz suchten. Die Polizei prügelte brutal auf die SchülerInnen ein. „Von da an habe ich mich mehr und mehr in die Bewegung eingebracht. Ich war sogar Schatzmeisterin unserer Schülerverwaltung und habe das Geld für politische Aktionen verwaltet“, erzählt sie 50 Jahre später lächelnd.

Vernetzter Protest. In den kommenden Wochen erreichten die Mobilisierungen ihren Höhepunkt. Hunderttausende beteiligten sich an Kundgebungen und Demonstrationen. Die Studierenden und SchülerInnen bildeten Brigaden, vernetzten sich mit Gewerkschaften und anderen sozialen Organisationen. Und trotz der anhaltenden Repression der Regierung beharrte die Jugend auf ihren Forderungen: Freilassung aller politischen Gefangenen, Auflösung der „granaderos“, Bestrafung der Verantwortlichen für die brutalen Polizeieinsätze und Entschädigung der Opfer.

Doch die Regierung gab nicht nach. Vielleicht auch, weil viele der jungen Protestierenden mittlerweile mehr wollten. Die Porträts der Helden der mexikanischen Revolution von 1910, Emiliano Zapata und Pancho Villa, sowie des erst ein Jahr zuvor in Bolivien ermordeten Che Guevara waren allgegenwärtig.

Umsturz lag in der Luft, die Macht des PRI-Regimes schien zu bröckeln. Auch weil es den Studierenden gelang, sich mit linken Gewerkschaften zu verbünden und sie neben der Unterstützung vieler einflussreicher Intellektueller auch auf die Sympathie großer Teile der Bevölkerung zählen konnten.

Schweigende Demonstration. Aus dieser ereignisreichen Zeit ist García Pérez vor allem der 13. September in Erinnerung geblieben. Um der Regierungspropaganda entgegenzuwirken, die die protestierende Jugend als vom kommunistischen Ausland gesteuerte Randalierer darzustellen versuchte, versammelten sich 250.000 Menschen zur Marcha del Silencio, einer schweigenden Demonstration durch das Zentrum von Mexiko-Stadt. „Selbst als wir an der verhassten US-Botschaft vorbeikamen, war kein Mucks von uns zu hören. Wir hielten einfach nur Plakate mit unseren Forderungen in die Höhe. Wir wollten zeigen, dass die Gewalt nicht von uns, sondern von der Regierung ausging“, so García Pérez.

Doch den Dialog, den die Studierenden forderten, lehnte die Regierung ab. Präsident Díaz Ordaz setzte weiter auf die Niederschlagung der Bewegung. Dazu wurde fünf Tage nach der stillen Massendemonstration das Gelände der seit Wochen von den Studierenden besetzten Nationalen Autonomen Universität (UNAM) vom Militär unter Einsatz von Panzern geräumt. In der letzten Septemberwoche nahm die Repression weiter zu. Tausende AktivistInnen saßen mittlerweile im Gefängnis, immer wieder kam es zu Scharmützeln zwischen Polizei und Studierenden.

Der Tag des Massakers. Als García Pérez am 2. Oktober am Nachmittag am Platz der drei Kulturen ankommt, kann sie ihre Brüder nicht finden. Der Platz ist voll, aus dem dritten Stockwerk des angrenzenden Plattenbaus halten AktivistInnen und Gewerkschafter Reden. Im gleichen Haus sitzen auch die Scharfschützen des Bataillons Olympia, einer von der mexikanischen Regierung gegründeten paramilitärischen Einheit zur Bekämpfung der Studierendenbewegung, und warten auf ihren Einsatzbefehl.

Der kommt um kurz nach sechs. „Plötzlich wurde es ganz hell. Aus einem Helikopter warfen sie bengalisches Feuer. Dann begann der Lärm. Zuerst dachte ich, sie würden mit Gummigeschossen auf uns schießen. Aber als ich die ersten Studenten umfallen sah, wurde mir klar, dass sie scharfe Munition benutzten“, beschreibt García Pérez mit belegter Stimme.

Sie flüchtet sich an den Rand des Platzes, wo sie in der allgemeinen Panik hinfällt. „Unter mir lag ein kleiner Junge, der nur zur Demo gekommen war, um Kaugummis zu verkaufen. Und dann spürte ich etwas Schweres auf mir. Der kleine Junge rief: ‚Ich ersticke, ich ersticke!‘ und in dem Moment merke ich, dass mein ganzer Rücken voller Blut ist. Auf mir lag ein regloser Körper. Ich blieb einfach liegen.“ Als die Schüsse weniger werden, beginnen die Soldaten die Überlebenden einzusammeln. „Auf manche am Boden liegenden Körper stachen sie einfach mit ihren Bajonetten ein“, erinnert sich García Pérez, heute noch fassungslos.

Sie selbst wird mit einer Gruppe Menschen erst vor der Kirche festgehalten und später zum nahen Außenministerium gebracht. „Wir hatten Todesangst. Wir Frauen dachten, sie würden uns zuerst vergewaltigen und dann in eines der berüchtigten Folterlager stecken.“

Auf dem Weg zum Außenministerium stecken ihr viele männliche Studenten Personalausweise, Uhren und Eheringe zu. „Für Frauen ist es leichter hier weg zu kommen. Sag unseren Familien, was mit uns passiert ist“, flüstern sie ihr zu. Auf dem Weg sieht sie einen leblosen Körper in einem Brunnen treiben. „Die Soldaten haben einfach weiter auf diesen toten Jungen geschossen und dabei gelacht“, erzählt sie, der Schrecken über das Gesehene steht ihr immer noch ins Gesicht geschrieben.

Als sie am Außenministerium von den Soldaten befragt wird, behauptet sie, nur auf dem Weg zu einer Tante gewesen zu sein, die in der Nähe wohnt. „Mach, dass du weg kommst. Beim nächsten Mal lassen wir dich nicht mehr raus“, raunt ihr der Soldat zu. Um halb fünf Uhr morgens kam sie nach Hause. Dort warteten ihre Eltern und ihre beiden Brüder auf sie. Die beiden waren von Soldaten vorher gewarnt worden. „Geht nicht dahin, da wird was passieren“ habe ein Soldat ihren Brüdern zugeflüstert, berichtet García Pérez.

Hunderte Tote. Die nächsten Tage verbrachte sie damit, durch Mexiko-Stadt zu fahren und die Ausweise an die Familien der festgenommenen Studenten zu verteilen. Was aus ihnen geworden ist, weiß sie bis heute nicht. Genauso wenig wie viele Menschen am 2. Oktober wirklich getötet wurden. Unabhängige Quellen gehen von mindestens 300 Toten aus. Bis heute wurden die Verantwortlichen für das Massaker nicht zur Rechenschaft gezogen.

Zehn Tage nach dem Blutbad von Tlatelolco eröffnete Gustavo Díaz Ordaz die „Olympischen Spiele des Friedens“. Sie gingen ohne große Störungen über die Bühne. Die Studierendenbewegung konnte sich vom Massaker des 2. Oktober nicht mehr erholen. Zu groß war der Schock, zu tief saß die Angst, zu mächtig waren die Lügen der Regierung und der großen Medien, die von „Auseinandersetzungen“ anstatt von Massenmord sprachen.

Am 4. Dezember beendete der CNH offiziell den großen Hochschulstreik, einen Tag später löste er sich auf. Mexikos Linke brauchte lang, um sich von diesem Schlag zu erholen.

Fünfzig Jahre später steht García Pérez auf dem Platz der drei Kulturen und blickt sich um. Über ihr weht eine mexikanische Flagge, ein Monument erinnert an die Ermordeten. Nachdem sie hier dem Tod nur knapp entronnen war, konnte sie jahrelang nicht richtig schlafen, bei jedem Feuerwerk, jedem lauten Knall waren die Bilder wieder da. Nach Abschluss des Gymnasiums arbeitete sie als Sekretärin in der Finanzverwaltung. Eines Tages sah sie dort die Soldaten, die sie in der Nacht des 2. Oktober befragt hatten, ihre Lohnschecks abholen.

Was von 1968 blieb. Später begann sie Geographie zu studieren und wurde Lehrerin am neu gegründeten Gymnasium CCH in Mexiko-Stadt, das Kindern aus Arbeiterfamilien den Weg zu höherer Bildung ermöglichen soll. Während viele ihrer ehemaligen KommilitonInnen sich Guerillaorganisationen anschlossen, die im „schmutzigen Krieg“ der 1970er Jahre von Díaz Ordaz‘ Nachfolger Luis Echeverría aufgerieben wurden (siehe Interview), versuchte sie als Lehrerin zum sozialen Wandel beizutragen. Schritt für Schritt. Bis heute.

Was ist noch geblieben von den Wochen der Revolte 1968? „Viele der jungen Menschen, die damals auf die Straße gegangen sind, haben sich einen kämpferischen und kritischen Geist bewahrt und ihn weitergegeben, an ihre Kinder, Schüler, Studentinnen“, meint García Pérez.„Und niemand konnte mehr behaupten, dass wir eine demokratische Regierung haben.“

Trotzdem sollte es ein halbes Jahrhundert dauern, bis die Staatspartei PRI die Macht endgültig verlor und mit Andrés Manuel López Obrador („AMLO“) ein progressiver Politiker an die Macht kam. Ein spätes Ergebnis des Aufbruchs von 1968? „Ja, auf jeden Fall“ meint García Pérez. „Es hat lange gedauert und viel Kraft gekostet. Und mit einer neuen Regierung wird zwar jetzt nicht auf einmal alles gut, aber es ist ein Zeichen, ein neuer Anfang“, sagt sie, bevor sie in den Bus steigt und nach Hause fährt, den Unterricht für morgen vorbereiten.

Alexander Gorski hat Jus studiert und arbeitet als freier Autor in Mexiko-Stadt zu sozialen und menschenrechtlichen Themen.

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