Neue Antworten auf Al Shabaab gesucht

Nach dem verheerenden Terroranschlag der Al Shabaab in Nairobi will Kenia zurück zur Normalität. Ob das dauerhaft gelingt, hängt auch von den kenianischen Behörden und dem Umgang mit der somalischen Minderheit im Land ab.

Von Anja Bengelstorff
Eine Frau, die als Geisel gehalten wurde, wird am 21. September aus Nairobis Westgate Einkaufszentrum gebracht.

Zehn Tage nach dem Terroranschlag auf das Westgate-Einkaufszentrum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi begann ein neuer Monat. In Nairobi bedeutet das: Gehälter wurden ausbezahlt, und Autobesitzerinnen und Autobesitzer hatten wieder Geld, die Tanks ihrer PKW aufzufüllen. So auch diesmal: Anfang Oktober erreichten die Staus auf den Straßen der Stadt wieder ihre monatliche Rekordlänge. Öffentliche Plätze und Geschäfte waren voller Menschen. Alles ging seinen gewohnten Gang. Fast als hätte es die Tragödie, die am 21. September ihren Lauf nahm, nie gegeben. Die traurige Bilanz: 67 Tote nach offiziellen Angaben, mehr als 170 Verletzte, ein zerstörtes Shopping-Center und eine Bevölkerung, die diesen Schock erst verarbeiten muss.

Präsident Uhuru Kenyatta ermahnte seine Landsleute zur Einigkeit, wohl wissend, dass dieser Anschlag die innere Stabilität seines ohnehin schon gespaltenen Landes auf eine weitere harte Probe stellt.

Die Al Shabaab (Arabisch für „Jugend“) bekannte sich zum Anschlag. Dabei handelt es sich um eine bewaffnete Gruppierung, die bis 2006 den radikalen Flügel der mittlerweile zerschlagenen somalischen „Union islamischer Gerichte“ bildete. Die Miliz will einen islamistischen Gottesstaat in Somalia erkämpfen. Sie pflegt enge Verbindungen zu Al-Kaida. Seit Jahren kämpfen die Al Shabaab-Rebellen gegen die schwache somalische Übergangsregierung.

Kenia marschierte im Oktober 2011 in Somalia ein und schloss sich den Truppen der Mission der Afrikanischen Union in Somalia (AMISOM) im Kampf gegen Al Shabaab an. 2012 nahm die kenianische Armee Kismayo ein. Über den Hafen der südsomalischen Stadt hat die Al Shabaab zu einem großen Teil ihre Operationen finanziert.

Die Miliz kontrolliert allerdings nach wie vor weite ländliche Teile von Süd- und Zentralsomalia. Bis heute finanziert sich die Organisation aus illegal eingeforderten Steuern und Schutzgeld­erpressungen, aus Handel und Schmuggel etwa mit Holzkohle, aber auch mit Geldern aus der somalischen Diaspora, Saudi-Arabien und den Golfstaaten.

Die Al Shabaab und SympathisantInnen haben seit dem Einmarsch der kenianischen Truppen in Somalia etwa 50 Anschläge auf Ziele in Kenia verübt. Vor allem der Nordwesten des Landes war davon bisher betroffen, aber auch die Großstädte Nairobi und Mombasa.

In Kenia hat die Al Shabaab ein Netzwerk von UnterstützerInnen aufgebaut, mit deren Hilfe sie Jugendliche zu radikalisieren versucht. Anhänger der Al Shabaab hier sind vor allem junge, hauptsächlich muslimische Männer aus verschiedenen ostafrikanischen Ländern (siehe SWM 2/2012).

Laut Cedric Barnes, Leiter der Arbeitsgruppe „Horn von Afrika“ bei der International Crisis Group in Nairobi, schließen sie sich „nicht komplett aufgrund von Armut, sondern vor allem wegen ihrer Ausgrenzung aufgrund ihres Glaubens“ der Miliz an. Die 2,4 Millionen muslimischen Kenianerinnen und Kenianer mit somalischen Wurzeln sind negativen Stereotypen und großem Misstrauen ausgesetzt. In Kenia herrschen seit Jahrzehnten Spannungen zwischen Christen und Muslimen (etwa ein Fünftel der Bevölkerung). Der Nordosten und die Küstenregion Kenias, wo überwiegend Muslime leben, werden von Kenias Regierungen systematisch marginalisiert: Sie gehören zu den ärmsten Landesteilen mit den schlechtesten Straßen, den wenigsten und am schlechtesten ausgestatteten Schulen sowie einer kaum bis gar nicht vorhandenen industriellen Infrastruktur.

Die kenianischen Behörden versuchen, hart gegen TerroristInnen durchzugreifen, und schießen dabei oft über das Ziel hinaus: KenianerInnen mit somalischen Wurzeln sind willkürlichen Verhaftungen, Durchsuchungen und gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt. Umso mehr nun nach dem Westgate-Anschlag. Ostafrika-Experte Barnes befürchtet, dass Kenia wie in der Vergangenheit mit Razzien in somalischen Einrichtungen und mit ethnischem Profiling „somalisch“ aussehender Menschen auf die Geiselnahme reagiert – und damit Al Shabaab in die Hände spielt: „Betroffene solcher Maßnahmen lassen sich leichter für die Zwecke von Al Shabaab gewinnen“, so Barnes.

Die kenianische Bevölkerung raffte sich bisher nach Rückschlägen immer wieder auf. Doch weitere Terroranschläge würden das Land dauerhaft verändern: Der Tourismus, eine der wichtigsten Einnahmequellen, könnte einbrechen. Internationale Investoren könnten dem Land zukünftig fern bleiben. Kenias Wirtschaftswachstum steht auf dem Spiel. „Al Shabaab“, so Barnes, „will Kenia destabilisieren und weiter spalten.“ Es kommt nicht zuletzt auf Kenia selbst an, ob der Miliz das gelingt.

Anja Bengelstorff ist freie Korrespondentin mehrerer deutschsprachiger Medien für Ostafrika. Sie lebt in Nairobi.

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