Neue Lösungen für alte Probleme

Die internationale Bewegung Ashoka fördert innovative Ideen, die gesellschaftliche Probleme lösen. Die ehemalige Wiener Stadtpolitikerin Marie Ringler gründete und leitet Ashoka Österreich.

Von Werner Hörtner
Ein belgischer Ingenieur entdeckte und entwickelte die Fähigkeit afrikanischer Beutelratten als Minendetektor.

Als Projektvermittlungsagentur könnte man sie etwas despektierlich bezeichnen, diese Initiative, die der US-Amerikaner Bill Drayton vor über 30 Jahren gestartet hat. Doch die Projekte sind von ganz besonderer Art. Marie Ringler, die für die Grünen zehn Jahre im Wiener Gemeinderat saß, bevor sie Ashoka Österreich aufbaute: „Unser Ansatz ist, eine neue Lösung für Probleme verschiedenster Art zu finden. Das reicht von Menschenhandel, Prostitution, Aids-Prävention bis hin zu frühkindlicher Erziehung, Bildung, Brustkrebsvorsorge, Anti-Korruption usw., also alles, was ein großes gesellschaftliches Problem darstellt. Unsere Aufgabe ist es nun, Menschen mit einer entsprechenden guten Idee zu finden und zu schauen, dass sie diese auch umsetzen und dann dorthin bringen können, wo sie gebraucht wird.“

Eigentlich ist Ashoka, das, frei übersetzt, im Sanskrit so viel bedeutet wie „das aktive Überwinden von Missständen“, selbst ein einziges kreatives – und mittlerweile globales – Projekt. Wobei die Ausgangsüberlegung ganz simpel ist. Aber bekanntlich liegen gerade in der Einfachheit oft die besten Ideen.

„Bill Drayton hat gesehen, dass es weltweit immer mehr Menschen in der Gesellschaft gibt, die als Einzelpersonen etwas tun wollen, doch für die es keine Entwicklungsmechanismen gibt“, erklärt Ringler die Ausgangslage. „Es gibt Unternehmen und Organisationen, die vielleicht die Projekte dieser Leute unterstützen, aber für diese Menschen selbst, die unter zum Teil ganz schwierigen Bedingungen, etwa in Sri Lanka im Bürgerkrieg oder in Indien als Witwe, die Ideen zur Lösung eines Problems entwickeln, für die gibt es keine Sichtbarkeit, keine Unterstützung – und obendrein werden solche innovativen Modelle oft am Anfang belächelt.“

Etwa die Ratten als Minenräumer. Diese Idee ist für Marie Ringler ein Musterbeispiel für die Sinnhaftigkeit von Ashoka. Der belgische Ingenieur Bart Weetjens hat begonnen, in Tansania Ratten zu trainieren, Landminen aufzuspüren. „Weetjens ist für mich ein tolles Beispiel. Ziemlich sicher ist er am Anfang auch ausgelacht worden.

Da braucht es dann solche Organisationen wie Ashoka, die schauen, ob solche auf den ersten Blick verrückt anmutenden Ideen vielleicht doch die richtigen sind.“

Bis jetzt wurden über 4,5 Millionen Quadratmeter Land entmint. Und nicht nur das: Mittlerweile werden diese tansanischen Beutelratten auch auf Frühdiagnose von Tuberkulose trainiert. Sie können das Bakterium im Speichel des Menschen bereits erkennen, wenn es unter dem Mikroskop noch gar nicht sichtbar ist.

Ist es nicht verwunderlich, gerade in Zeiten, wo ein wild gewordener Kapitalismus die Welt in gefährliche Krisen stürzt, vom „unternehmerischen Geist“ eine Überwindung der Missstände zu erwarten? „Was uns interessiert, ist unternehmerisches Handeln im Sinne der Gemeinschaft, und das kann nicht heißen, dass man dabei vom Gewinnstreben geleitet wird. Es ist der Begriff des Unternehmers, der uns interessiert: eine Person, getrieben von dem Wunsch, ein gesellschaftliches Problem zu lösen. Das steht auch im Mittelpunkt unseres Auswahlprozesses. Jeder Kandidat, jede Kandidatin muss sich schriftlich verpflichten, für zehn Jahre die Gewinne in den Betrieb zu investieren. Im Zentrum steht für uns der gesellschaftliche Profit“, erklärt Marie Ringler den Ashoka-Begriff von Unternehmertum.

Der Auswahlprozess für einen „Fellow“ – das sind die Personen, die diesen Prozess positiv durchlaufen haben – hat es in sich. Am Beginn stehen die Vorschläge, die von den Personen selbst stammen oder auch von anderen eingereicht werden können, etwa von Bekannten, von Fachleuten. „Es entwickelt sich dann ein intensiver Prozess von Kontakten, Treffen, Interviews, die für uns das Ziel haben herauszufinden, ob unsere Kriterien erfüllt werden. Unsere fünf Kriterien sind: Handelt es sich wirklich um eine neue innovative Idee? Handelt es sich um eine Idee, die eine soziale Wirkung erzeugt? Ist sie auch durchführbar? Hat sie eine breite gesellschaftliche Wirkung? Und schließlich die Integrität und Vertrauenswürdigkeit des Ideenfinders. Dieser Entscheidungsprozess kann drei Monate dauern, aber auch zwei Jahre.“

Der Ashoka-Fellow erhält dann für drei Jahre ein Stipendium, das an keine Bedingungen geknüpft wird. Aber auch nachher wird die Verbindung aufrecht erhalten, wird Unterstützung angeboten, werden Kontakte zu Unternehmen geknüpft.

Südwind-LeserInnen können auch Fellow-KandidatInnen, mit Kurzbeschreibung ihres Projektes, vorschlagen, die nicht aus Österreich sein müssen.
Näheres auf austria.ashoka.org/social-entrepreneurs-nominieren

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