Neue Wolken am Horizont

20 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda 1994 hat sich das kleine Land im Herzen Afrikas zu einem vermeintlichen Entwicklungs-Musterland gemausert. Doch es gibt auch Verlierer des rasanten Aufschwungs. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst.

Von Simone Schlindwein
Jeanette hat im Genozid ihre Eltern und ihre drei Schwestern verloren. Sie wünscht sich, dass ihre Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, in der es nicht darum geht, ob man Hutu oder Tutsi ist.

Die Mauern der Kirchen haben Einschusslöcher. Drinnen liegen noch immer die Schädel aufgebahrt und aufgereiht. Daneben Schuhe, Armreifen, Teelöffel, Kugelschreiber und Bibelseiten – die Überreste der Habseligkeiten der rund tausend Menschen, die in dem kleinen Backsteingebäude Schutz gesucht hatten. Die Gegenstände sind heute, 20 Jahre nach dem Massenmord, verstaubt, verrostet, ausgebleicht.

Die kleine Kirche in Ntarama, nur wenige Kilometer außerhalb von Ruandas Hauptstadt Kigali, ist eine von hunderten Gedenkstätten im Herzen Afrikas, an welchen dieser Tage Kränze niedergelegt werden. 20 Jahre ist es her, dass aufgehetzte Hutu-Milizen bis zu eine Million Tutsi und moderate Hutu abschlachteten. Der Völkermord in Ruanda 1994 war eines der schlimmsten Gewaltverbrechen der jüngeren Geschichte. Der Konflikt destabilisiert bis heute die Region.

Ruandas Regierung hat das Gedenkjahr eingeläutet. „Kwibuka20“ lautet die Kampagne, übersetzt: 20-jähriges Gedenken. Zu Beginn des Jahres wurde eine Fackel an der zentralen Völkermord-Gedenkstätte in Kigali angezündet. 250.000 Menschen wurden dort in Massengräbern beerdigt, ihre Namen säumen die Mauern rund um die gigantischen Gräber. Von Jugendlichen wird die „Kwibuka20“-Flamme in einer landesweiten Tour von Bezirk zu Bezirk getragen. Zu diesen Fackel-Veranstaltungen kommen tausende Menschen zusammen. Delegierte der nationalen Kommission zur Bekämpfung des Völkermordes (CNLG) halten Reden über Versöhnung und Vergebung. Versöhnung und Vergebung, das sind die zwei Schlagworte des Jahres.

Doch wie soll diese Versöhnung funktionieren? In Dörfern wie in Mbyo, unweit der Kirche von Ntarama, wird die tägliche Herausforderung des friedlichen Miteinanders greifbar: Jeannette (vollständiger Name der Redaktion bekannt) macht sich am Sonntagvormittag für die Kirche zurecht. Ihre Kinder spielen vor der Hütte. Ihr Nachbar Mat­thieu Sedangiye sitzt auf einer Holzbank vor dem Haus nebenan, den Kopf in die Hand gestützt, die Augen blutunterlaufen. Er riecht nach Alkohol. Sendangiye ist ein Massenmörder. Er hat die sechsköpfige Familie des Dorfpfarrers umgebracht. Selbst dessen vierjährigen Sohn hat er in Stücke gehackt. Während er schwerfällig redet, imitiert Sedangiye, wie er die Machete geschwungen hat. Sedangiye ist Hutu. Jeannette ist Tutsi.

Sie hat als einzige aus ihrer Familie das Massaker überlebt. Sie musste mit ansehen, wie ein Dorfbewohner ihre drei Schwestern, den Vater und die Mutter umbrachte. „Ich hätte nie gedacht, dass ich je wieder neben einem Hutu leben könnte“, sagt sie. Doch sie hat keine Wahl. Jeanette hat sich, wie Millionen andere Ruanderinnen und Ruander, nie ganz vom Trauma des Jahres 1994 erholt. Sie lächelt nie.

Aber auch Sedangiye lächelt nicht. Sieben Jahre saß er im Gefängnis, nachdem er vom lokalen Gacaca-Gericht verurteilt worden war. Durch eine Generalamnestie kam er frei, die Gefängnisse wurden zu voll. Täter wie Sedangiye sind jetzt zurück in ihren Dörfern.

Jeanette hat keine Verwandten, die auf ihre Kinder aufpassen. Sie überlässt die Aufsicht ihrem Nachbarn Sedangiye. Auch er hat Kinder. Oft tollen sie alle gemeinsam vor der Hütte herum. „Ich wünsche mir, dass sie in einer Gesellschaft aufwachsen, in der es nicht immer darum geht, wer wer ist“, sagt Jeanette und winkt zum Abschied.

Das Zusammenleben von Überlebenden und Tätern ist für Außenstehende schwer zu begreifen. Doch Ruanda ist ein kleines Land. Sich aus dem Weg zu gehen ist schwierig.  

„Wir sind alle Ruander – Ruanda, das bist du und ich“ steht auf Aufklebern am Heck vieler Autos, an Straßenlaternen und Wellblechzäunen. In einer Hinsicht stimmt dies auch: Hutu wie Tutsi sprechen dieselbe lokale Sprache, Kinyarwanda. Eine fruchtbare Basis, um ein Nationalgefühl zu schaffen. Im heutigen Ruanda über die ethnische Identität von Hutu und Tutsi zu sprechen ist verboten, man macht sich des „Divisionismus“, also Sektierertums, schuldig. Verwendet werden die Begriffe „Überlebende“ und „Täter“. Doch das ist problematisch: Es stempelt schnell alle Hutu, immerhin die Mehrheit der Bevölkerung, zu Tätern ab. Jüngst hat Ruandas Präsident Paul Kagame angeregt, dass sich Kinder öffentlich für die Taten ihrer Väter entschuldigen sollen. Damit wird die Kollektivschuld auf die nächste Generation weiter vererbt. Und dass, obwohl viele dieser Kinder 1994 nicht einmal geboren waren. Selbst der Direktor der Überlebenden-Vereinigung IBUKA, Jean-Pierre Dusingizemungu, sagt, man könne von allen Hutu erwarten, sich zu entschuldigen.

„Der Versöhnungsprozess ist Aufgabe unserer Generation“, meint Celestin Ntawirema. Er hat beim Massaker in der Schule in Kigalis Stadtteil Kicukiru Geschwister und Eltern sterben sehen. Als Waisenkind schlug er sich danach auf der Straße durch. Er hatte nie Geld für Schulgebühren. Eine Ordensschwester nahm ihn im Waisenhaus auf. Die anderen Kinder dort waren Söhne und Töchter der Täter. „Ihre Eltern saßen im Gefängnis, sie hatten auch kein Geld für Schulgebühren – irgendwie ging es uns allen gleich“, sagt Ntawirema.

Ruandas Jugend hat heute Facebook, Kino, Musikvideos und Modetrends im Kopf. Nach und nach eröffnen in Kigali Nachtclubs, Festivals werden veranstaltet. Bislang lebten die RuanderInnen in einer Art Kollektiv-Trauma. Während der Gedenktage müssen die Nachtclubs aber alle wieder schließen. So verdreht manch ein Jugendlicher dieser Tage die Augen, wenn es darum geht, bei den Kwibuka-Gedenkritualen teilzunehmen. „Manche wollen das alles einfach gerne hinter sich lassen“, erzählt Ntawirema.

Die Jugend hat andere Sorgen: Arbeitslosigkeit. Im Jahr 2010 änderte das einst französischsprachige Ruanda seine Amtssprache zu Englisch. Es will sich damit auch sprachlich in die Ostafrikanische Union integrieren. Ein gemeinsamer, ostafrikanischer Binnenmarkt mit freier Arbeitsmigration soll Vorteile bringen.

Matthieu Sedangiye lächelt selten. Er hat 1994 selbst gemordet. Sieben Jahre saß er im Gefängnis, durch eine Generalamnestie kam er frei.

Doch die Jugend war auf diese radikale Umstellung nicht vorbereitet. „Wir hatten alle weit schlechtere Noten aufgrund der Sprachumstellung“, berichtet Ntawirema, der 2010 seinen Schulabschluss machte. Mit Rap-Musik aus den USA übten sie Englisch. Es gab nur wenige Wörterbücher und noch keine englischen Schulbücher. Die Hutu-Jugendlichen waren oft im Nachteil. Millionen von Hutu-Familien waren nach dem Genozid in die französischsprachigen Nachbarländer Burundi und Demokratische Republik Kongo geflohen. Auch die, die nicht Täter waren, flohen – aus Angst vor der Tutsi-Befreiungsarmee RPA unter dem späteren Präsidenten Paul Kagame. Die RPA war vom östlichen, englischsprachen Uganda aus einmarschiert, um das Massenschlachten zu stoppen. Präsident Kagame spricht fließend Englisch und kaum Französisch. Seine Elite stellte die erste Regierung nach dem Genozid. Und die Kinder der Eliten sind es, die heute die Jobs bekommen. Auch KenianerInnen und UganderInnen sind KonkurrentInnen am Arbeitsmarkt: Weil in ihren Heimatländern die Arbeitslosenquote hoch ist, zieht es sie nach Ruanda, wo Investoren, Behörden, Schulen und Universitäten händeringend nach englischsprachigen BuchhalterInnen, SekretärInnen, LehrerInnen und ProfessorInnen suchen.

Ruanda gilt als Paradies für InvestorInnen. Die Null-Toleranz-Politik gegenüber Korruption und die militärisch durchorganisierte Wirtschaftspolitik zeigen Früchte. Vor 20 Jahren lag Ruanda in Schutt und Asche. Wer heute in Kigali ankommt, sieht frisch geteerte Straßen und neu errichtete moderne Hotels. In Ruandas Hauptstadt gibt es eine flächendeckende WLAN-Abdeckung und Computerterminals, auf denen man online Unternehmen gründen, Steuern überweisen und Baugenehmigungen erhalten kann. Vor allem der Bausektor boomt. Die Wirtschaft wächst jährlich um über sieben Prozent. Nur 2013 knickte sie ein.

Täglich meldet Ruandas Regierung auf Twitter neue Erfolge: Im März soll am Kivu-See eine 100-Megawatt-Anlage ans Netz gehen, die aus dem Methangas im See Energie gewinnt. Strom ist Mangelware und kostbar. Ruanda nach Einbruch der Dunkelheit, das heißt: Kigalis Hauptstraßen leuchten im Schein der Straßenlaternen, der Rest des Landes liegt im Dunkeln. Nur 16 Prozent der Bevölkerung verfügen über einen Stromanschluss. In zwei Jahren sollen es 70 Prozent sein.

Die Ungleichheit zwischen Stadt und Land ist ein weiterer Nährboden für wachsende Unzufriedenheit, gepaart mit der Teilung der Bevölkerung in Gewinner und Verlierer des raschen Aufschwungs: Die Hutu, einst 85 Prozent der Bevölkerung, beackern die wenigen Landflächen auf den Hügeln. Die Regierung diktiert, was wo anzubauen ist und verschenkt Kühe, um Milch und Käse zu gewinnen. Viehwirtschaft war traditionell den Tutsi vorbehalten. Auch in diesem Bereich werden jetzt alle „Ruander“. Ruanda fehlt eine freie Diskussionskultur. Es herrscht das große Schweigen, Menschen stauen Ärger auf. Menschenrechtsorganisationen bezeichnen Ruanda als Militärdiktatur. Die Oppositionspolitikerin Victoire Ingabire, eine Hutu, hielt 2010 eine Rede, in der sie betonte, dass 1994 auch Hutu umkamen. Seitdem sitzt sie im Gefängnis. Der Chef der Sozialistischen Partei sitzt ebenfalls hinter Gittern. Die Grüne Partei benötigte knapp drei Jahre, um sich registrieren zu lassen.

Gacaca bedeutet übersetzt „grüne Wiese“. Auf solchen Wiesen kamen traditionell die Dorfgerichte zusammen. Diese Laiengerichte halfen nach 1994, die rund zwei Millionen Prozesse abzuwickeln. 2012 wurden die Akten geschlossen. Die noch offenen Verfahren werden jetzt vor den ordentlichen Gerichten abgewickelt. Die Gerichtssäle sind ausgebucht. Doch noch immer laufen mutmaßliche Befehlshaber und Planer des Völkermordes frei herum, die meisten im Exil.

Rund 72.000 Täter haben die Gacaca-Gerichte in Abwesenheit verurteilt. „Wir suchen noch immer nach diesen Tätern“, erklärt Jean Bosco Siboyntore, Chef des zuständigen Ermittlerteams der Generalstaatsanwaltschaft. Tausend dieser verdächtigen Täter hat seine Einheit weltweit aufgespürt. Lange haben sich westliche Länder geweigert, mutmaßliche Völkermörder auszuliefern. Der Europäische Gerichtshof hatte einst geurteilt, ihnen würde in Ruanda kein faires Verfahren garantiert. Seit 2013 wird nach Ruanda ausgeliefert. Aber auch in den Exil-Ländern stehen Ruander wegen Völkermordes vor Gericht: in Deutschland, in Frankreich. In Siboyntores Büro geben sich derzeit französische, schwedische, kanadische und deutsche Ermittler die Klinke in die Hand.

„Der schlimmsten Verbrecher können wir jedoch nicht habhaft werden, sie sitzen bewaffnet im kongolesischen Busch“, sagt Siboyntore. Gemeint ist die FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas). Diese Hutu-Miliz hat sich aus jenen geformt, die 1994 die Massaker angerichtet hatten. Bis heute führt die FDLR Krieg gegen das Regime in Kigali und begeht dabei auch im Kongo Gewaltverbrechen.

Immer wieder hat Ruanda kongolesische Tutsi gegen die FDLR eingesetzt. Jüngst werfen UN-Experten Ruanda wieder vor, die Tutsi-Miliz M23 (Bewegung des 23. März) unterstützt zu haben, die entlang der Grenze einen Landstreifen erobert hatte. Im November 2013 wurde sie durch eine gemeinsame Militäroperation der UNO und der Armee der DR Kongo geschlagen.

Jetzt rüstet sich die FDLR erneut zum Krieg. Die Miliz ging Koalitionen mit anderen Oppositionellen im Ausland ein, darunter mit einem ehemals engen Gefährten Kagames, General Faustin Nyamwasa, der der Exilpartei RNC (Ruandischer Nationalkongress) vorsteht. Er lebt wie viele Dissidenten aus Kagames Clique in Südafrika. Vom Exil aus ist er nach wie vor einflussreich in Ruandas Armee – dem Nukleus der Macht. Patrick Karegeya, ein Mann Nyamwasas und beim RNC für die Finanzen verantwortlich, wurde im Dezember ermordet in einem Hotel in Johannesburg aufgefunden. Als Verdächtige wurden ruandische Staatsangehörige festgenommen. Kigalis Regime weinte ihm keine Träne nach. „Diejenigen, die Ruanda hintergehen, müssen mit Folgen rechnen – wo immer sie sich aufhalten“, sagte Kagame: „Wir werden zurückschlagen.“ Die Affäre Karegeya sorgt für Irritation: 20 Jahre nach dem Völkermord wird stetig Versöhnung und Vergebung gepredigt. Und dann passiert so etwas.

Simone Schlindwein lebt seit über fünf Jahren als Journalistin in Uganda und reist regelmäßig nach Südsudan, Burundi, Ruanda, in die Zentralafrikanische Republik und in den Ostkongo.

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