E-Mail aus Chile

Von: Mea Ossberger

Betreff: Nicht dazu gehören

Liebe Redaktion,

nun, da ich hier in Chile seit einem halben Jahr quasi „sesshaft“ bin, stellt sich mir die Frage: Wieso nennen mich hier alle „gringa“, wo ich mich doch schon als halbe Chilenin fühle? Wieso erklärt mir der nette, junge Mann, der den Bus durch die engen Gassen von Valparaiso chauffiert, auf einmal in (überaus gebrochenem) Englisch, dass bei der nächsten Haltestelle Endstation sei. Wo ich doch schon beim ersten Mal die spanische Busdurchsage einwandfrei verstanden habe. Und wieso meint die überaus freundliche Dame, mich darauf aufmerksam machen zu müssen, dass das hier eine dunkle Ecke sei und ich das Handy lieber nicht zücken sollte. Wo ich doch hier jeden Tag am Weg zur Arbeit vorbeikomme und risikoförderndes Verhalten ohnehin brav vermeide. Dabei sind die Chileninnen und Chilenen stets liebenswert und respektvoll.

Und trotzdem: Man fühlt sich anders. Nicht dazu gehörend. Fremd. Und dabei trifft mich als Europäerin hier – und fast überall auf dieser Welt – so genannter „positiver“ Rassismus ... die Leute wollen mir helfen und mich beschützen. Wie aber müssen sich Menschen fühlen, die als Flüchtlinge in unser Land reisen? Die nicht paternalistische, leicht nervende, aber im Grunde gut gemeinte Andersbehandlung erleben, sondern echten, brutalen Rassismus. Abweisung und im schlimmsten Falle sogar Gewalt. Eine Erfahrung, die ich dank meiner privilegierten Herkunft wahrscheinlich nicht machen werde. Umso mehr Grund, solidarisch mit jenen zu sein, die weniger Glück hatten.

Abrazo, Mea

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