Nicht kleinkriegen lassen

Von Christa Wüthrich · · 2012/04

Alice Nyamihanda misst nur 1,50 Meter. Doch die Afrikanerin ist für ein ganzes Volk das große Vorbild. Die 25-Jährige ist die Erste des Pygmäen-Volkes der Batwa, die einen Universitätsabschluss besitzt.

"Für Schuluniform und Bücher fehlte meiner Familie das Geld. Im Klassenzimmer saß ich alleine an einem Tisch, isoliert vom Rest der Klasse. Die Mitschüler haben mich gemieden. Die Lehrer gaben mir extra schlechte Noten. Ich wurde als klein, schmutzig und dumm taxiert“, erinnert sich Alice Nyamihanda. Die Uganderin gehört zum Volk der Batwa; Pygmäen, die seit Jahrhunderten größtenteils in den Wäldern von Burundi, Uganda, Ruanda und dem Kongo leben und damit die ältesten BewohnerInnen Zentralafrikas sind.

Als JägerInnen und SammlerInnen fanden die Batwa im Wald alles, was sie zum Leben brauchten. Honig, Wild und Pflanzen als Nahrung, Kräuter als Medizin, Bambus und Blätter, um ihre Hütten zu bauen, heilige Plätze zum Beten und für ihren Ahnenkult. Bekannt waren sie als begnadete TänzerInnen und TöpferInnen, aber auch für ihr Wissen über Heilkräuter.

Entwaldung, die Ausbreitung der Landwirtschaftszonen, die Errichtung von Nationalparks und bewaffnete Konflikte wie der Genozid in Ruanda und der Krieg im Kongo haben die Batwa um ihre Existenz gebracht. Heute sind sie laut der Organisation Minority Rights Group International (MRG) vom Aussterben bedroht. Nur noch an die 80.000 Batwa leben in den ursprünglichen Siedlungsgebieten und machen damit etwa 0,02 bis 0,7% der jeweiligen Landesbevölkerung aus. Die rund 6.700 Batwa in Uganda wurden Anfang der 1990er Jahre aus den Wäldern vertrieben. Diese wurden zu Nationalparks umgewandelt, um die Natur und die Berggorillas zu schützen.

Ohne Land, Ausbildung und Arbeit leben die Vertriebenen nun am Rande der Parks. „Mein Vater war Tagelöhner und starb früh. Meine Mutter fand als Haushälterin bei einer Familie Unterschlupf. Bezahlt wurde sie in Lebensmitteln“, erzählt Alice. Dass sie trotzdem die Schule erfolgreich absolvierte und 2010 an der Bugema University in der Hauptstadt Kampala mit einem Diplom in Development Studies graduierte, ist Internationalen Organisationen zu verdanken. Sie unterstützten Alice finanziell und ermöglichten ihr als erster Batwa einen Universitätsabschluss. Nach dem Studium begann Alice für die UOBDU, die United Organization for Batwa Development in Uganda, zu arbeiten.

„Die Ausbildung hat mir Mut gegeben, für mein Volk zu kämpfen und zu zeigen, dass wir nicht minder intelligent oder weniger fleißig sind. Ich habe eine Stimme bekommen und meine Leute hören mir zu. Für mich und die Batwa ist das eine neue Situation. Früher war meine Herkunft ein Handicap. Heute lass ich mich auf Grund meiner Größe und Kultur nicht mehr kleinkriegen“, umschreibt die junge Frau ihre Erfahrungen.

Kein Wasser, kein Strom, kein Dach über dem Kopf. James Kidoma, lebt in Mukingo, einer slumartigen Batwa-Siedlung am Rande der Stadt Kisoro im Westen Ugandas. „Freiwillig würde niemand hier leben. Doch eine Bleibe zu finden ist schwer. Wer möchte schon ein land- und arbeitsloses Volk auf seinem Grundstück?“, fragt der 38-Jährige schulterzuckend. Er scheint dabei in seinen viel zu großen Kleidern zu verschwinden. Nach unzähligen Umsiedlungen duldet nun die anglikanische Kirche die 30 Familien auf ihrem Grundstück. Nicht eine mehr.

Die Siedlung ist eine Mischung aus Abfallhalde und Friedhof. Platz für den Anbau von Getreide oder Gemüse gibt es keinen. Die aus Abfall erbauten Hütten kleben am Hang. Während der Regenzeit versinken sie in der weichen Erde. Mittendrin, zwischen Exkrementen, Müll und im Dreck spielenden Kindern, begraben die Batwa ihre Toten – heimlich, nachts im Dunkeln, aus Angst, sie würden sonst erneut vertrieben.

Eine internationale Organisation hat eine Toilette errichtet. Ansonsten gibt es keinerlei hygienische Einrichtungen. „Essen oder Seife gibt es nur, wenn ich irgendwo Arbeit finde. Beides ist selten“, umschreibt James seine Situation. Entsprechend schmutzig sind seine Kleider und groß ist sein Hunger.

Auf die neuen Lebensbedingungen außerhalb des Waldes sind die Batwa nicht vorbereitet. Sie sterben an Krankheiten wie Malaria oder HIV. Prostitution, Alkohol, Drogen und Gewalt werden zum Problem.

Im Kongo ist der Aberglaube, dass die beste Medizin gegen Rückenschmerzen Sex mit einer Batwa-Frau sei, immer noch verbreitet. In einer 2009 in Uganda durchgeführten Studie gaben alle 27 befragten Batwa-Frauen an, Opfer von Gewalt zu sein. Rund 70 Prozent wurden sexuell ausgebeutet. Schockierend hoch ist auch die Kindersterblichkeit. Zwei von fünf Batwa-Kindern sterben, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben. „Früher waren wir selten krank, dank der Heilkräuter und unserer Ernährung. Heute dürfen wir den Wald nur mit einer offiziellen Bewilligung betreten, eskortiert von einem Ranger“, erklärt James desillusioniert. „Wir haben den Wald verloren und dafür nichts bekommen, außer unserem Elend. Die Regierung verweigert uns eine Entschädigung. Wir sehnen uns nach der Vergangenheit und sehen keine Zukunft.“

 


Die ältesten BewohnerInnen Zentralafrikas: aus dem Wald in die Landlosigkeit.

 

Die Rückkehr in die Wälder wird für die Batwa ein Traum bleiben. Ob die neue Generation in der Wildnis überhaupt lebensfähig wäre, ist fraglich. Denn sie kennt den Wald nur aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern. Die Mehrheit der heutigen Batwa-Kinder geht in die Schule. Alice Nyamihanda besucht solche Schulen und erzählt in Lutwa, der Sprache der Batwa, wie wichtig Bildung ist. Die Kinder hören ihrem Vorbild mit großen Augen zu. Trotzdem werden die meisten nach wenigen Jahren versuchen, der alltäglichen Misere zu entkommen, indem sie die Schule verlassen und einen Gelegenheitsjob suchen. Das durchschnittliche Monatseinkommen in Uganda, das laut dem staatlichen Statistikbüro bei 85 US-Dollar liegt, erreicht fast kein Batwa. Sie werden selten in Geld bezahlt, sondern zumeist in Nahrungsmitteln oder Alkohol. Alice ist dennoch zuversichtlich: „Unsere Arbeit zeigt langsam Wirkung bei Eltern und Kindern. Ich werde nicht mehr lange die einzige Batwa mit einem Universitätsabschluss sein.“

Auf lokaler Ebene haben in Uganda die ersten Batwa für ein politisches Amt kandidiert, jedoch ohne Erfolg. Es fehlt an Lobbying und Geld. „Doch in zehn bis 15 Jahren werden die Batwa in den verschiedensten Bereichen präsent sind – sei es als Lehrer, Anwälte, Ärzte oder Politiker“, ist sich Penninah Zaninka, Koordinatorin der Batwa-Organisation UOBDU sicher und fügt hinzu: „Um eigenständig und unabhängig zu sein, müssen sie auch Land besitzen. Ohne Land bleibst du in unserer Kultur ein Niemand.“ Bis heute sind die ehemaligen WaldbewohnerInnen auf das Wohlwollen von Landbesitzern angewiesen, die sie auf ihren Grundstücken dulden.

So auch im Dorf Birara. Eine internationale Organisation hat den rund 40 Familien ein abgelegenes, steiles Landstück zur Verfügung gestellt. Es ist nur zu Fuß erreichbar. Abgeschnitten von der Außenwelt stellt das Radio die einzige Verbindung zur Zivilisation dar – aber nur wenn Geld für Batterien vorhanden ist. Das Regenwasser wird in einem Tank gesammelt. Elektrizität oder Landmaschinen gibt es keine. „Die Menschen wissen nicht, wie lange sie hier bleiben“, erklärt Penninah Zaninka die Situation. „Landrecht oder Erntemanagement sind für die Batwa Fremdwörter. Wir versuchen sie zu sensibilisieren und ihnen ihre Rechte aufzuzeigen“, ergänzt sie.

John Bidagaza, einer der Dorfältesten in Birara, wird kaum mehr miterleben, dass er zum Landbesitzer wird. „Ich träume nicht von Land, sondern vom Geruch des Waldes, vom Rauschen der Bäume und vom Geschmack des wilden Honigs. Auch mit eigenem Land werden wir dies nie mehr spüren.“

Und wovon träumt die Universitätsabsolventin Alice Nyamihanda? Sie überlegt lange und streicht ihrer acht Monate alten Tochter sanft über den Kopf. „Ich träume, dass meine Tochter Anwältin wird und sich für die Rechte der Batwa stark macht.“ Ihrer Tochter hat Alice den Namen „Precious“ gegeben, was „wertvoll“ bedeutet – und genau das soll sie sein: nicht nur für ihre Mutter, sondern für ihr ganzes Volk.

Christa Wüthrich ist freie Journalistin und arbeitet für verschiedene Printmedien (www.wuethrich.eu ).

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