Fernsehen: Nicht nur berieseln lassen

Was ist Medienkompetenz und warum ist sie von zentraler Bedeutung?

Von Jasmin Kulterer & Sascha Trültzsch
Etwas radikale Methode eines frustrierten Fernsehkonsumenten in Brasilien: Transfenestrale Entsorgung der Glotze.

Wie soll mit Fernsehen umgegangen werden? Durch die enorme Dynamik des medialen Wandels seit Mitte der 1990er Jahre sind traditionelle Bildungsinstanzen wie die Schule oder auch Familien gefordert und teilweise überfordert in dieser Frage. Dort, wo es Menschen nicht gelingt, selbstbestimmt und kritisch mit Medien umzugehen, müssen sie mittels Bildungsmaßnahmen dabei unterstützt werden. Bezüglich des Kerns der Medienkompetenz bzw. -bildung, die sowohl Kinder als auch Erwachsene brauchen, existiert mehr oder weniger Einigkeit: Sich in der mediatisierten Welt orientieren und Medien aktiv nutzen zu können. Hinsichtlich der Fragen, wie diese Aufgabe erfüllt werden soll und in wessen Verantwortungsbereich sie fällt, gibt es jedoch deutliche Unterschiede und Kontroversen.

So steht in den USA die Medienbildung auf gleicher Stufe mit der politischen, mit dem Ziel, mündige BürgerInnen hervorzubringen. Europa zeigt sich im Hinblick auf medienpädagogische Diskurse als sehr heterogen. In vielen Ländern dominierte lange Zeit eine sehr medienskeptische Haltung und die Vorstellung von Medien als schädlichem Einfluss. In Deutschland setzte sich ab den 1970er Jahren zunehmend das Verständnis „einer handlungs-, teilnehmer- und lebensweltorientierten Medienpädagogik“ durch, die nicht mehr danach fragt, wie Menschen durch Medien beeinflusst werden, sondern wie diese bewusst und selbstbestimmt mit Medien umgehen. Für Bildungsinstitutionen bedeutet das, neben dem Aufzeigen von Handlungsalternativen bei der Auswahl von Medienangeboten auch das eigene Gestalten und Verbreiten von Medieninhalten, Verstehen und Bewerten von Gestaltungen und das Wissen über die Hintergründe der Medienproduktion und -verbreitung zu vermitteln.

MedienpädagogInnen in Südamerika, Asien und Afrika sind aufgrund der herrschenden politischen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen mit anderen Problemen konfrontiert, die einen eigenen Zugang erfordern. In Ländern, in denen Medien längst nicht allen Bevölkerungsschichten zugänglich sind und viele Medien staatliche Betriebe sind und/oder in Händen autoritärer Regime liegen, besteht das Ziel der MedienpädagogInnen (bisweilen) weniger in der Erziehung medienkompetenter Individuen. Vielmehr wird Medienpädagogik dort als ein zur Emanzipation und Befreiung der Gesellschaft dienendes Mittel verstanden.

Zusätzlich zu den landes- und kulturspezifischen Begebenheiten stellen Prozesse der Globalisierung von Medienprodukten die Diskussion um Medienkompetenz vor neue Herausforderungen – gerade für Kinder und Jugendliche: So kommen lokale und regionale kulturelle Traditionen in global vermarkteten Kindersendungen wie beispielsweise „Pokémon“ zwangsläufig nicht vor und hegemoniale Strukturen werden über Inhalte und Bilder reproduziert. Gerade bei den fiktionalen Unterhaltungssendungen für Kinder ist der Anteil der global vermarkteten Angebote sehr hoch. Lokale Adaptionen, wie sie gerade für non-fiktionale Unterhaltung üblich sind, gibt es nur wenige.

So kann das Beispiel der Disney-Produktionen als typisch gelten. Anhand der Rezeption der Prinzessinnen aus Disney-Filmen wird in Studien klar, dass auch Kinder aus Asien, aus Fidschi, Indien oder China sich in erster Linie mit den europäisch aussehenden Figuren identifizieren und gar nicht wahrnehmen, dass die „exotischen“ Figuren (wie z. B. die Disney-Heldin „Mulan“) ihrer eigenen Kultur entstammen sollen. Andere Studien liefern vergleichbare Ergebnisse. Heranwachsende nehmen die in Fernsehsendungen dargestellte Welt wertend wahr: Das Gezeigte wird als real, gut, erstrebenswert verstanden. Dazu kommt die starke Identifikation mit den HeldInnen. Dies führt zu einer, wenn auch partiellen, Abwertung der eigenen kulturellen Hintergründe und Lebensbedingungen, die nicht unproblematisch ist. Immer wieder werden aus diesem Grund eine größere Vielfalt und die verstärkte (Re-)Präsentation regionaler Kulturen im Fernsehen gefordert, was aber nur langsam und lediglich partiell umgesetzt wird. Das Beispiel der globalisierten Medieninhalte zeigt freilich nur einen wichtigen Aspekt auf, denn auch für lokale und regionale Medien werden die oben genannten Kompetenzen benötigt. Der kompetente und kritische Umgang mit den Medien und die Einordnung des Gezeigten in den auch außermedialen Zusammenhang sollte für jede/n Mediennutzer/in das Ziel sein.

Jasmin Kulterer ist Dissertantin der Kommunikationswissenschaften an der Universität Salzburg. Ihre Schwerpunkte sind transkulturell vergleichende Rezeptionsforschung und Popkulturanalyse. Sascha Trültzsch ist Post-Doc der Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg. Seine Schwerpunkte sind: Internet- und Fernsehforschung und Analysen populärkultureller Phänomene.

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